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Syrien: Epizentrum der Captagon-Produktion

Drogenschmuggel: Grenzpolizisten beschlagnahmen Captagon-Lieferung aus Syrien
Drogenschmuggel: Grenzpolizisten beschlagnahmen Captagon-Lieferung aus Syrien (© Imago Images / Independent Photo Agency Int.)

Syrien überschwemmt den Nahen Osten mit dem illegalen Aufputschmittel Captagon. Die Arabische Liga drängt Präsident Baschar al-Assad, gegen die Produktion und den Schmuggel vorzugehen.

Regelmäßig berichten Medien von Razzien, bei denen Behörden arabischer Staaten Millionen Captagon-Pillen beschlagnahmen. Die synthetischen Drogen werden mit Lkw und auf Schiffen geschmuggelt, Zielländer sind meist die Monarchien der Golfhalbinsel. 

Der letzte große Schlag gegen den illegalen Drogenhandel gelang Beamten Ende Juni im Oman, als sechs Millionen Tabletten beschlagnahmt wurden. Doch diese gelegentlichen Erfolge können den illegalen Handel mit dem Aufputschmittel nicht stoppen. Die Nachfrage ist riesig, das Geschäft bringt Milliardenumsätze.

Narco-Staat Syrien

Der Drogenhandel war früher eine wesentliche Finanzierungsquelle der bewaffneten Opposition in Syrien. Doch seitdem das Assad-Regime weite Teile des Landes wieder unter seine Kontrolle brachte, wurde es zusehends zum Hauptprofiteur des illegalen Handels. 

Unter Mithilfe regimenaher Militärs und Beamter hat sich der Drogenhandel zu einem so wesentlichen Wirtschaftsfaktor entwickelt, dass das Zentrum für operationelle Analyse und Forschung (COAR) in einem Bericht vom Frühjahr 2022 Syrien als Narco-Staat bezeichnete. Das kriegsversehrte Land sei eines der weltweiten Epizentren der Captagon-Produktion. Die Herstellung der Droge verlaufe auf industriellem Niveau, sei anpassungsfähig und technisch ausgefeilt wie nie zuvor.

Wie die britische Tageszeitung The Guardian im Mai 2021 berichtete, basiert der Handel auf einem Netzwerk von kriminellen Familien, Milizführern und politischen Persönlichkeiten, das bis in den Libanon reicht. Im Grenzgebiet der beiden Staaten können Schmuggler, in Komplizenschaft mit Beamten auf beiden Seiten der Grenze, frei operieren. Die Route, auf der die Vor- und Fertigprodukte transportiert werden, führt vom libanesischen Bekaa-Tal über die syrische Grenzstadt Qusayr nach Norden durch das alawitische Kernland des Assad-Regimes zu den Häfen von Latakia und Tartus.

Diese grenzüberschreitenden Kartelle stellen die Amphetamine in industriellem Maßstab her und überfluten die gesamte Region damit. Experten sehen vor allem die syrische Regierung als verantwortlich für die Herstellung und den Export der verbotenen Substanz an, allen voran Maher al-Assad, den Kommandanten der vierten Division der syrischen Armee und Bruder des Präsidenten.

Droge des Dschihad

Captagon war zunächst der Markenname des Stimulans Fenetyllin, das ein deutsches Chemiewerk erstmals in den 1960er Jahren hergestellt hat. Es diente zur medikamentösen Behandlung von ADHS und wurde gelegentlich bei Narkolepsie oder als Antidepressivum eingesetzt. Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNDOC) nahm die Substanz 1986 in die Liste der gefährlichen Drogen auf. Seither ist sie in zahlreichen Ländern als illegales Suchtmittel eingestuft. 

Eine illegale Version der Droge wurde in Osteuropa und später im arabischen Raum weiter hergestellt und als »Kokain des armen Mannes« bekannt. Das weiterhin unter dem Namen Captagon vertriebene Suchtmittel besteht aus einer Mischung aus Fenetyllin, Koffein und anderen Füllstoffen, sorgt für Konzentration und unterdrückt Hunger und Schlaf.

Als »Droge des Dschihad« erlangte Captagon ab 2013 im syrischen Krieg an Bedeutung. Kämpfer auf allen Seiten des Konflikts konsumierten den Stoff als Aufputschmittel; Kriegsherren betrieben mit der Droge gewinnbringenden Handel.

Captagon wird aber nicht nur im Krieg eingenommen, um den Mut zu steigern und Ängste zu betäuben. Die Pille, die im Schnitt für fünf Dollar gehandelt wird, hilft dabei, den Hunger zu bekämpfen, kann als Freizeitdroge einen euphorischen »Rausch« erzeugen und die Arbeitsleistung steigern. Von der »Droge des Dschihad« entwickelte sich Captagon vor allem auf der Golfhalbinsel zu einer beliebten Alltagsdroge, was das Geschäft zusätzlich anheizte.

Bittere Pille

Der Nahe Osten hat vom Libanon über Syrien und den Irak bis auf die arabische Halbinsel mit einem steigenden Drogenproblem zu kämpfen. Neben Captagon ist es vor allem Crystal Meth, das die Zahl der Drogenabhängigen steigen lässt. Die arabischen Staaten sind sich des Problems bewusst, die Bekämpfung des Schmuggels ist aber in vielen Regionen noch unzureichend, und Süchtige werden allzu oft weggesperrt, anstatt sie in Entzugskliniken zu behandeln.

Bei den Gesprächen mit Präsident Assad über die Wiederaufnahme Syriens in die Arabische Liga waren die Herstellung und der Schmuggel von Captagon eines der Hauptthemen: Zahlreiche arabische Staaten, die bereit waren, ihre Beziehungen zu Syrien zu normalisieren, äußerten ihre Sorge über den rasch anwachsenden Drogenschmuggel und drängten Assad, gegen die Massenproduktion von Captagon vorzugehen. 

Auch wenn Assad nicht das gesamte Netzwerk des grenzüberschreitenden, illegalen Handels trockenlegen kann, wäre es ein wichtiger Schritt, gelänge dies innerhalb Syriens. Nach einem Treffen arabischer Staaten im Mai in Amman stimmte Damaskus zu, die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um den Schmuggel an den Grenzen zu Jordanien und dem Irak zu unterbinden.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters bot der saudische Außenminister während seines Besuchs in Damaskus im April 2023 an, vier Milliarden Dollar in Syrien zu investieren, um im Gegenzug die Drogenexporte zu drosseln.

Riad hat die Meldung zwar dementiert, glaubwürdig erscheint sie dennoch. Denn für die am Drogenhandel beteiligten Akteure steht finanziell viel am Spiel. Wegen der Kriegsverheerungen und den schwerwiegenden westlichen Sanktionen befindet sich Syriens Wirtschaft seit Jahren in einer Krise. Das Drogengeschäft bringt Damaskus die dringend benötigten Devisen. Soll das Regime auf sie verzichten, wird man Alternativen anbieten müssen. Dass das syrische Regime dabei für die Lösung eines Problems bezahlt wird, das es selbst verursacht hat, ist die bittere Pille, welche die arabischen Nachbarstaaten wohl schlucken müssen.

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