Saudi-Arabien: Neuer Nationalismus als Regierungsprojekt

„Ob Saudi-Arabien eine Nation ist, ist fraglich. Dennoch ist der als MBS bekannte Kronprinz Mohammed bin Salman entschlossen, bei der saudischen Jugend einen neuen saudischen Nationalismus zu wecken. Die entsprechenden Parolen lauten ‚Saudi-Arabien den Saudis‘ und (an Trump erinnernd) ‚Saudi-Arabien zuerst‘.

Beide haben im Diskurs der in den staatlichen Medien aktiven Autoren eine prominente Rolle gespielt. Es handelt sich bei dem neuen Narrativ nicht um eine Basisinitiative, sondern um eine staatliche Initiative unter Leitung des Kronprinzen.

Der Kronprinz erinnert sein Publikum stets an das jugendliche Alter seiner Untertanen. Saudis, die jünger als 25 sind, stellen fast 51 Prozent der Bevölkerung. Er präsentiert sich als Vorbild, das es nachzuahmen gelte, falls Saudi-Arabien zu einer führenden Nation werden wolle. Er appelliert an ihre Bedürfnisse und Hoffnungen, um ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl zu wecken.

Da sie für ihn prioritär sind, erwartet MBS, dass sie sich die saudische Sache zur Priorität machen. Er verspricht ihnen mehr Beschäftigungsmöglichkeiten, eine blühende nationale Tradition und Kultur, größeren Austausch mit dem Rest der Welt und die Illusion einer künftigen liberalisierenden Modernisierung. Die übrigen 50 Prozent der Bevölkerung scheinen dabei nicht ins Gewicht zu fallen. (…)

Der neue Nationalismus soll zudem die Saudis von den ausländischen Bewohnern des Landes abgrenzen, deren Zahl drastisch abgenommen hat. Seitdem der Kronprinz seine Position 2015 antrat, haben fast 700.000 ausländische Arbeiter das Land verlassen. Diese Abwanderung wurde durch verpflichtende Saudisierungprogramme beschleunigt, die bei der Jugend beliebt sind, Unternehmern angesichts der höheren Kosten der Beschäftigung von Saudis aber schwer im Magen liegen. (…)

Innenpolitisch stärkt der neue Nationalismus die Abwehrfront gegen tatsächliche und vermeintliche Feinde wie den Iran. Der Konflikt mit dem Iran wird nicht mehr mit der häretischen schiitischen Religionszugehörigkeit der Iraner begründet, sondern mit den imperialen Ambitionen der Perser, die einst einen Großteil der Küstenregionen auf der arabischen Halbinsel kontrollierten. (…)

Der Nationalismus ist immer ein Konstrukt, doch scheint der saudische auf besonders wackeligen Füßen zu stehen. Dass MBS mit der gesellschaftlichen und kulturellen Liberalisierung bei der Jugend gut ankommt, steht außer Zweifel. Doch wird es mehr als Fußballspiele und Rockkonzerte brauchen, um sie in unternehmerisch orientierte saudische Staatsbürger zu verwandeln. (…)

Solange die Jugend von Entscheidungsfindungprozessen und von der Regierung ausgeschlossen bleibt, wird sie wohl dazu zu bewegen sein, ihren Nationalspielern bei Fußballspielen Fahnen schwenkend zuzujubeln.

Aber politische Ausschlussmechanismen, wie sie von praktisch allen Bürgern Saudi-Arabiens erfahren werden, sind dazu geeignet, die Nation zu einer fragilen Konstruktion zu machen, die entweder verkümmern oder aber als ein Idealbild zusammenbrechen wird. Sie kann nur Fremdenfeindlichkeit und Bigotterie hervorbringen.

Der Traum von einer saudischen Nation wird nur nach Luft schnappen können, solange er ein bloßes Regierungsprojekt bleibt, das nicht mit konkreten Vorteilen für alle Bürger unterfüttert wird.“ (Madawi al-Rasheed: „Xenophobia, tribalism and imagined enemies: Mohammed bin Salman’s brand of Saudi nationalism“)

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