Mena-Exklusiv

Sturm und Drang gegen Israel: „FAZ“ erfindet Jugendrevolte

Von Stefan Frank

Wurde das Alte Testament in nachbiblischer Zeit verfasst?

„Schon mal was von Menschenrechten gehört?“ – Wenn ein Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine solche Überschrift trägt, dann weiß man, dass es um Israel geht. Diesmal werden die Feuilletonraketen abgefeuert, das Ziel: angebliche israelische Mythen. „Eine neue Generation israelischer Schriftsteller rechnet mit den Mythen des Landes ab.“ Nun kann man eigentlich nicht mit Mythen abrechnen, sondern nur mit Menschen. Doch das ist, wie wir sehen werden, der lässlichste der Fehler, die uns Autor Claudius Crönert, ein Kunsthistoriker, in diesem Artikel vorlegt. „Wie wenige andere Länder dieser Erde gründet der Staat Israel auf Geschichten“, beginnt er. „Geschichten“, das klingt nach Märchen; versucht jemand, erfundene Geschichten als die Wahrheit auszugeben, dann sind es Lügen. Und genau darauf will Crönert hinaus, wie sich zeigt. Seine Referenzen als Faktenprüfer sind allerdings nicht überzeugend. „Eine dieser Geschichten“, meint er zu wissen, „stammt aus dem Alten Testament und erzählt, Gott habe nach der zweiten Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die Römer und der Vertreibung der Juden ‚seinem’ Volk das Land zwischen Mittelmeer und Jordan versprochen.“

Das Wort „seinem“ setzt er in kecke Gänsefüßchen, und den Gott der Bibel hält er für eine Art Wohngebäudeuniversalversicherung: Als Entschädigung für den zerstörten Tempel und die Vertreibung erhalten die Juden Land. Wo aber hat denn der Tempel gestanden, wenn nicht in eben diesem Land? Kann man ein Haus bauen, ohne vorher das Grundstück zu erwerben? Der Autor zäumt sein fahles Pferd von hinten auf: In der Heiligen Schrift nach Claudius Crönert werden die Juden schon in alle Winde zerstreut, bevor Gott überhaupt irgendeine Chance hat, sie ins Land Kanaan zu führen. Was Crönert – der auch historische Romane schreibt – nicht weiß: Der zweite Tempel wurde im Jahr 70 n. Chr. zerstört, mithin in nachbiblischer Zeit.

Hätte Crönert, wenn er sich schon in antiker Geschichte und im Alten Testament nicht auskennt, zumindest das Neue Testament gelesen, wüsste er, dass Jesus den Tempel noch besucht hat, die Zerstörung – die Jesus mit den Worten prophezeit: „Es wird hier nicht ein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde.“ (Mt. 24,2) – folglich später gewesen sein muss. Die Bibelstelle, die Crönert meint, findet sich in 4. Mose, Kapitel 34: „Und der HERR redete mit Mose und sprach: Gebiete den Kindern Israel und sprich zu ihnen: Wenn ihr ins Land Kanaan kommt, so soll dies das Land sein, das euch zum Erbteil fällt, das Land Kanaan nach seinen Grenzen.“ Die Grenzen werden im Folgenden benannt (wobei die geografischen Angaben, die Gott macht, weitaus exakter sind als die von Crönert). Zwischen der Zeit Moses’ und der Zerstörung des zweiten Tempels liegen übrigens gut 1.300 Jahre, das ist der Zeitraum, um den sich Crönert vertan hat.

 

Mythen und Ansprüche

Er fährt fort: „Der Anspruch, der aus diesem Mythos entsteht, spielt eine zentrale Rolle für das israelische Selbstverständnis und beim Expansionsbestreben. Nicht zuletzt seinetwegen wird das besetzte Westjordanland in Israel gerne mit seinen alttestamentarischen Bezeichnungen Judäa und Samaria genannt.“ Sowohl israelische Ansprüche als auch israelisches Selbstverständnis beruhen also auf einem Mythos. Das Wort, das wird mehr und mehr klar, ist ein Platzhalter für den weniger eleganten Begriff „Lüge“, der aber von Autor und Leser mitgedacht wird.

Friedensschluss zwischen Ägypten und Israel, im Zuge dessen der Sinai geräumt wurde

In ihrem Expansionsbestreben waren die Juden übrigens wenig erfolgreich. Seit 1979 ist Israel immer kleiner geworden. Wohl, weil israelische Regierungen nicht wissen, dass sie nach Expansion streben sollen, haben sie den Sinai, den Gazastreifen, den Südlibanon und große Teile von dem geräumt, was für Crönert das „besetzte Westjordanland“ ist – wer „Judäa und Samaria“ sagt, hat alttestamentarische Ansichten. Was Crönert wiederum nicht weiß: Auch im Neuen Testament trifft Jesus am Jakobsbrunnen keineswegs eine Bewohnerin des Westjordanlandes, sondern eine Samariterin; er erzählt auch nirgendwo das Gleichnis vom barmherzigen Palästinenser. In der Apostelgeschichte, Kapitel 8, heißt es: „Es entstand aber an jenem Tage eine große Verfolgung wider die Versammlung, die in Jerusalem war; und alle wurden in die Landschaften von Judäa und Samaria zerstreut […]“. Selbst in der Oper „Salome“ des Nazis Richard Strauss herrscht Herodes nicht etwa über das Westjordanland, sondern über Judäa.

Crönert ist mit der Neuschreibung der Geschichte noch lange nicht fertig: „Eine andere konstituierende Geschichte stammt aus der frühen Zeit des Zionismus. Sie besagt, die ersten Siedler hätten eine unfruchtbare, kaum bewohnte, nur von Beduinen durchzogene Wüste vorgefunden und erst mit ihrer Hände Arbeit das Land urbar gemacht. Auch aus dieser Geschichte leitet sich ein Anspruch ab.“ In Wahrheit war die Wüste nämlich womöglich fruchtbar, dicht bevölkert, und es flogen einem gebratene Drosseln und kleine Kuchen in den Schlund hinein. Crönert bedient sich eines rhetorischen Hütchenspielertrick: Historische Tatsachen stellt er scheinbar unparteiisch als „Geschichten“ dar: Die einen sagen so, die andern so. Wie es denn wirklich war, sagt er nicht. Dass aber wohl alles ganz anders war, als die Juden sagen, soll der Leser glauben.

 

Jugendrevolte der Grauhaarigen

Nach dieser Vorrede voller Fehler wird es erst richtig schlimm: „Nun hat sich aber eine junge Generation israelischer Schriftsteller darangemacht, diese Mythen in vielfältiger Weise anzugreifen.“ Wer sind die jungen Wilden? Crönert zählt auf: Nir Baram (40) ; Dorit Rabinyan, „eine temperamentvolle Mittvierzigerin“; und Assaf Gavron, (dessen Vornamen Crönert „Asaaf“ schreibt), der nächstes Jahr fünfzig wird – ein Alter, in dem die meisten Israelis bereits Enkel haben. Wollte Crönert vielleicht schreiben: „Nun haben sich einige israelische Schriftsteller, die in der Midlife-Crisis stecken, darangemacht, diese Mythen in vielfältiger Weise anzugreifen“? Das hätte nicht ganz so gut geklungen, oder?

Dass Menschen von der Zugehörigkeit zu einer Generation geprägt sind („Lost Generation“, „Angry young men“, „Null-Bock-Generation“, „Baby Boomer“, „Generation Golf“ usw.) ist selbst ein Mythos. Nichts gegen Mythen – sie bereichern jede Unterhaltung und die Kunst. Aber so, wie Crönert den Mythos einsetzt, ist es Etikettenschwindel. Er hat sich das Etikett der „Neuen Historiker“ zum Vorbild genommen, mit dem in Israel eine Zeitlang (linke) politische Ideen als neuartige Erkenntnisse von jungen Historikern verkauft wurden. Das Klischee vom Aufstand der Jungen gegen die Alten ist eine Werbemasche; Jugend wirkt sympathisch, im Roman ebenso wie in der Deodorantreklame.

Würde Crönert wirklich über junge israelische Literaten schreiben, wäre es zumindest interessant. Wenn er aber aus Mittelalten, die in einigen Ländern der Welt schon pensionsberechtigt wären, die Stimmen einer „neuen Generation“ macht, dann ist die Absicht der Manipulation offensichtlich. In dem ganzen Artikel geht es nicht darum, junge israelische Schriftsteller vorzustellen, sondern auf Biegen und Brechen einen Kontrast herzustellen zwischen den „Alten“, ihren „Mythen“, „Geschichten“ usw. auf der einen Seite und der objektiven Wahrheit, die aus dem Mund 50-jähriger jugendlicher Rebellen kundgetan wird, auf der anderen.

 

Märchen vom „offiziellen Israel“

Schon all die deutschen Feuilletonartikel, in denen es um die „neuen Historiker“ ging, die angeblich die „offizielle israelische Geschichtsschreibung“ in Frage stellen, hatten einen entscheidenden Fehler: Israel ist kein stalinistischer oder monarchisch verfasster Staat und hat darum auch keine „offizielle Geschichtsschreibung“. Eine solche gibt es sehr wohl bei der Palästinensischen Autonomiebehörde unter Mahmoud Abbas: Niemand darf dort etwas anderes behaupten, als dass im heutigen Israel schon vor 5.000 Jahren Araber gelebt hätten, es in Jerusalem bis zum 19. Jahrhundert nie Juden gab und Adam und Eva Palästinenser waren. Für diese Art Mythen interessiert sich das deutsche Feuilleton aber aus Prinzip nicht.

Schenkt man Crönert Glauben – was man, wie gesehen, lieber nicht tun sollte –, dann gibt es in Israel auch eine offizielle, staatlich verordnete Literatur. „Eine andere Geschichte, auf die das offizielle Israel nicht stolz sein kann, erzählt die Autorin Dorit Rabinyan in ihrem Roman ‚Wir sehen uns am Meer’“. Der eine oder andere Leser erinnert sich daran, wie Zeitungen wie die FAZ, die Taz oder die Salzburger Nachrichten letztes Jahr meldeten, die israelische Regierung habe diesen Roman „im Schulunterricht verboten“, weil es dort um „Mischehen“ gehe. Hintergrund: Der Roman war nicht in eine Empfehlungsliste aufgenommen worden; daraus, wie Susanne Knaul, die Fake-News-Korrespondentin der Taz, den Schluss zu ziehen, er sei „verboten“ worden, ist so, als würde man schreiben, in deutschen und österreichischen Schulen sei es verboten, das Telefonbuch zu lesen.

Dass es im Holocaust Täter und Opfer gab, ist auch so ein vom offiziellen Israel verbreiteter Mythos: „Kühl bricht [Nir] Baram mit der alten, in Israel präsenten Erzählung von Täter und Opfer, wenn in seinem Roman die jüdische Sowjetbürgerin Alexandra, die für den stalinistischen Geheimdienst arbeitet, moralisch nicht besser ist als der christliche Deutsche Thomas, der für die Nationalsozialisten an einer Studie über die Polen arbeitet. Für beide ist das Leben in der Diktatur Herausforderung. Es bietet aber auch, so Barams ketzerische These, Chancen. Die Diktatur hält für beide die Möglichkeit bereit, ihre Talente zu entfalten.“

Und manche haben eben das Talent, Juden zu vergasen. Solch ketzerische Thesen will man doch lesen. Vielleicht wäre auch der eine oder andere rechtsextreme Geschichtsrevisionist noch erfolgreicher gewesen, wenn er sich als Autor einer „neuen Generation“ präsentiert hätte?

 

Verhärtete, verblendete Juden

Israel ist für Crönert ein „verhärtetes Land“. Das erinnert an die Karfreitagsfürbitte für die Juden, in der Katholiken 1300 Jahre lang Gott baten, den „Schleier von ihren [der Juden] Herzen“ wegzunehmen, ihnen die „Erkenntnis Jesu Christi“ zu schenken und sie so der „Verblendung ihres Volkes“ und „Finsternis“ zu entreißen. Wes Geistes Kind Crönert ist, zeigt auch der Satz: „Lustvoll karikiert Gavron die Angst der Israelis, die Blut und Wasser schwitzen, wenn sie mit dem Auto durch palästinensisches Gebiet fahren.“ Weil es ja so lustvoll ist, wenn z.B. ein israelisches Ehepaar im Auto vor den Augen seiner vier Kinder erschossen wird.

Crönerts „junge Generation“ leuchtet deshalb so hell, weil sie sich – zumindest seiner Meinung nach – gegen das „offizielle Israel“ richtet, das er für ein böses Empire hält, in dem Darth Vader die Geschichte schreibt und die Kultur zensiert. Was beim Lesen von Crönerts Propagandastück vielleicht nicht jeder sofort bemerkt: Über die Autoren, um die es angeblich geht, erfährt man so gut wie nichts – außer dass sie „tragende Geschichten grundsätzlich in Frage“ stellen, keine „zionistischen Legenden“ schreiben, mit „Vorstellungen“ „brechen“ und natürlich 45 Stunden pro Woche „Mythen angreifen“. Fünfmal benutzt Crönert das Wort „Mythos“, dazu kommen ungezählte „Geschichten“ und „Legenden“. Sein Artikel könnte auch die Überschrift tragen: „Die Juden und ihre Lügen“.

Dazu inszeniert er einen Schaukampf zwischen „Alten“, „Offiziellen“ und den – in die Jahre gekommenen – „Jungen“, der nur in seiner Phantasie existiert. Statt von einer „neuen Generation“ zu schreiben, die „zionistische Legenden“ und „Mythen“ angreift, wäre es treffender zu sagen, dass es in Israel Meinungspluralismus gibt. Der gilt für Schriftsteller ebenso wie für Politiker, Journalisten, Historiker, Sänger oder Friseure – unabhängig von Geschlecht und Religion – Alter und Aussehen egal.

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