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Die nostra-culpa-Europäer: Der Westen ist an allem schuld

Von Florian Markl

Sykes-Picot-Abkommen, für viele die westliche „Ursünde“ im Nahen Osten. Quelle: Yonside.com/Wikimedia Commons.

In den Salzburger Nachrichten findet sich ein ganzseitiges Interview mit einem deutschen Nahost-Experten. Das Gespräch ist überaus lehrreich, wenn auch nicht so sehr wegen der gegebenen Antworten, als vielmehr wegen der Fragen, die gestellt werden. „Interesse am Öl und immer wieder Interventionen: Westliches Handeln in Nahost hat Unheil gebracht“, ist vor Beginn des Interviews zu lesen – und dieser programmatischen Feststellung folgt das gesamte Gespräch. Hier die Fragen im Einzelnen:

„Inwieweit hat das Schlamassel im Nahen Osten heute zu tun mit der Politik der europäischen Kolonialmächte der Region während des 20. Jahrhunderts?

Im Sykes-Picot-Abkommen haben Briten und Franzosen den Nahen Osten unter sich aufgeteilt. In der Balfour-Deklaration von 1917 hat London Unterstützung für einen jüdischen Staat bekundet. Sind das Gründe für das tiefe Misstrauen der Araber gegen die westlichen Mächte?

Bis heute heißt es folglich bei den Arabern, der Westen neige zu doppelten Standards – etwa im israelisch-palästinensischen Konflikt. Ist dieser Vorwurf gerechtfertigt?

Sind durch die künstliche Grenzziehung der Briten und Franzosen in Nahost sehr instabile Staaten geschaffen worden? Staaten wie Syrien oder der Irak scheinen ja jetzt vom Zerfall bedroht zu sein.

Welche Rolle spielte in den Nahost-Wirren das westliche Interesse am Öl?

Ist das Verhältnis zwischen den US-Amerikanern und den (nicht arabischen) Iranern nicht völlig verkorkst gewesen?

Welche Wirkung hatte der Ausgang der Suez-Krise 1956, regional und international?

Die Welle des Aufstands, der Ende 2010 in Tunesien begonnen hatte, erfasste bald auch Ägypten, Libyen, Syrien, den Jemen und Bahrain. War diese Revolte des ‚arabischen Frühlings‘ auch eine Quittung für das lange Paktieren des Westens mit Despoten im Namen der ‚Stabilität‘?“

Was an diesem Fragenkatalog auffällt, ist die ausgeprägte Fixierung auf den als unheilvoll erachteten Einfluss des Westens. Die Geschichte des Nahen Ostens im vergangenen Jahrhundert erscheint fast ausschließlich als Folge westlich-imperialistischer Machinationen. Lediglich zwei Fragen folgen nicht schon auf dem ersten Blick diesem Muster: Die eine dreht sich um die Gründe für den rasanten Aufstieg des Islamismus, für den der befragte Udo Steinbach die Niederlage der arabischen Staaten gegen Israel im Sechstagekrieg 1967 verantwortlich macht; die andere fragt allgemein nach Zukunftsperspektiven des Nahen Ostens.

Selbst Steinbach, der wahrlich kein Befürworter westlicher Politik ist und sich in seiner langen Karriere den Ruf erworben hat, Israel noch weniger zu mögen, als es unter deutschen Nahostexperten ohnehin üblich ist, scheint an manchen Stellen die eindimensionale Richtung der Fragen aufbrechen zu wollen. Er argumentiert gegen die Infragestellung der Grenzen in der Region, weil die „wahrscheinlich noch mehr Gewalt“ zur Folge hätte, und dafür, das „koloniale Erbe anzuerkennen und zu versuchen, neue, pluralistische Ordnungen“ und „insbesondere föderale oder konföderale Formen des Zusammenlebens anstelle des verhängnisvollen Zentralismus zu finden“. Und er meint zum Schluss des Interviews, es gebe für die arabischen Gesellschaften „durchaus eine Perspektive in Richtung auf Pluralität und Demokratie“, doch müssten sich die arabischen Staaten dafür „freilich völlig neu erfinden“. Doch der SN-Außenpolitikredakteur lässt sich von derartigen Gedanken nicht beirren: Ihn interessiert augenscheinlich nur der verwerfliche Einfluss des Westens, und von diesem Skript lässt er sich nicht von Hinweisen darauf abbringen, was die arabischen Gesellschaften selbst tun könnten.


Von Interesse ist nur der verderbliche westliche Einfluss

Die Haltung, die darin zum Ausdruck kommt, könnte man als die Ideologie der nostra-culpa-Europäer bezeichnen. Wenn sie auf den Nahen Osten blicken, vermögen sie immer nur das Agieren des bösen Westens zu erkennen. Die Geschichte des Verhältnisses zwischen dem Westen und der arabischen bzw. islamischen Welt beginnt ihrem Verständnis zufolge mit dem, was sie gewissermaßen als ‚Ursünde‘ des Westens betrachten: mit den christlichen Kreuzzügen. Von den arabisch-islamischen Eroberungsfeldzügen gegen die christliche Welt, die den Kreuzzügen vorangegangen waren, haben sie entweder noch nie etwas gehört oder sie interessieren sich nicht dafür. Am Pranger stehen schließlich der Westen und dessen tatsächliche oder vermeintliche Verbrechen. Was sich nicht in dieses Geschichtsbild einfügt, wird einfach ausgeblendet.

An den Geschehnissen während des Ersten Weltkrieges interessieren sich die nostra-culpa-Europäer nur für das Sykes-Picot-Abkommen, das sie als Manifestation eines besonders üblen Imperialismus betrachten. Das imperiale Projekt, das der Scharif Hussein und seine Söhne verfolgten, um sich mit westlicher Hilfe aus den Trümmern des Osmanischen Reiches ein arabisches Königreich zu schaffen, ist für sie nicht von Belang.

Für all das Blutvergießen, in dem große Teile des Nahen Ostens heute versinken, machen sie die Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg verantwortlich. Was in den rund hundert Jahren, die seitdem vergangenen sind, in diesen Staaten geschehen ist, scheint dagegen bestenfalls nebensächlich zu sein, wie allgemein gesprochen das Handeln lokaler Akteure, die vielfältigen regionalen Konflikte und die zahlreichen blutigen Auseinandersetzungen, die wenig bis nichts mit westlichen Einflüssen zu tun haben, außen vor bleiben.

Teheran 1953. Quelle: Pahlavi Dynasty/Wikimedia Commons.

So interessieren sich die nostra-culpa-Europäer, wenn sie auf den Iran blicken, nur für die mit besonderer moralischer Empörung verurteilte Einflussnahme der Briten und Amerikaner beim Sturz Mossadeghs 1953. Dass der tatsächlich nicht von MI6 und CIA zu Fall gebracht wurde, sondern von einer breiten Allianz der iranischen Bevölkerung, an der unter anderem auch große Teile des schiitischen Klerus beteiligt waren, ist für die nostra-culpa-Europäer und -westler gänzlich unerheblich. Deshalb gelingt es ihnen auch, die islamische Revolution von 1979 als verspätete Reaktion auf die westliche Verschwörung gegen Mossadegh zu porträtieren. Dass die schiitischen Islamisten sich für den Sturz eines Premiers ‚rächen‘ gewollt haben sollen, den sie selbst mit bestrieben hatten, diesen dezenten Widerspruch machen die nostra-culpa-Europäer ungeschehen, indem sie die jüngere iranische Geschichte eben nur durch ihren speziellen Filter wahrnehmen.

Im sogenannten Arabischen Frühling sehen sie folgerichtig vor allem eine „Quittung für das lange Paktieren des Westens“ mit arabischen Diktatoren, anstatt sich damit zu beschäftigen, was diese Despoten selbst in den vergangenen Jahrzehnten den ihnen unterworfenen Bevölkerungen angetan haben. Und wenn Terroristen im Namen Allahs ‚Ungläubige‘ in New York, London, Paris und anderen westlichen Metropolen massakrieren, so soll es sich dabei um eine Antwort auf Jahrzehnte der Einmischung durch eine rücksichtslose und verfehlte westliche Politik handeln, für die wir somit im Grunde selbst verantwortlich seien.

Selbstverständlich gab es das Sykes-Picot-Abkommen, die Operation Ajax zum Sturz Mossadeghs im Iran und die Unterstützung verschiedener Diktatoren wirklich, aber sie haben bei weitem nicht den Einfluss gehabt, der ihnen von den nostra-culpa-Europäern nachgesagt wird. Und es trägt weder zum Verständnis der Vergangenheit, noch zur Analyse der Gegenwart bei, wie obsessiv westlichen Machenschaften nachzujagen, anstatt das Handeln lokaler Akteure in den Blick zu nehmen, das die tatsächliche Entwicklung in Wirklichkeit weit mehr bestimmt hat.


Grundsätzliches Desinteresse

Die nostra-culpa-Europäer reden zwar gerne und viel über den Nahen Osten, haben dabei aber in Wahrheit nur sich selbst bzw. den Westen im Visier und sind am Nahen Osten selbst weitgehend desinteressiert. So wortreich sie sich darüber empören, wie der imperialistische Westen sich über die Köpfe und Interessen der Menschen in der Region hinweggesetzt habe, so wenig bemühen sie sich selbst darum, etwas über den Nahen Osten zu erfahren, das über das Aufdecken und Beklagen unzulässiger westlicher Interventionen hinausgehen würde. Die Pose moralischer Selbstgeißelung westlicher Gesellschaften geht mit einer beachtlichen Ignoranz gegenüber der historischen wie aktuellen Realität im Nahen Osten Hand in Hand.

Dabei legen die nostra-culpa-Europäer gegenüber den Menschen in der Region eine paternalistische und herablassende Haltung an den Tag, die derjenigen der alten westlichen Imperialisten kaum nachsteht. Sie behandeln die Menschen nicht als eigenständige, politisch wie moralisch verantwortlich handelnde Subjekte, die ihre eigenen Ziele verfolgen, sondern wie Objekte, die bestenfalls auf westliche Einflüsse zu reagieren vermögen. Die einzigen Menschen aus dem Nahen Osten, die sie zur Kenntnis nehmen, sind diejenigen Vertreter nationalistischer wie islamistischer Provenienz, die die vermeintliche Opferrolle der Araber bzw. Muslime mitsamt der daraus abgeleiteten Ressentiments und Ansprüche zu Kernelementen ihrer eigenen Ideologien gemacht haben.

Ausgerechnet das weit verbreitete, die Entwicklung des Nahen Ostens blockierende Denken, das die Geschichte der arabischen/islamischen Welt als eine einzige Dauerverschwörung feindlicher Mächte begreift, die sich von den Kreuzzügen bis zum heutigen Tage erstreckt, wird von den nostra-culpa-Europäern gestärkt. Der mit diesem verschwörungstheoretischen Denken in aller Regel einhergehende Antisemitismus wird von ihnen wahlweise ignoriert, nicht ernst genommen oder – wer hätte es geahnt? – als westliches Importprodukt verstanden und damit erst wieder dem bösen Einfluss des Westens angelastet.

Nichts spricht dagegen, einen kritischen Blick auf die eigene Geschichte zu werfen und das anzuklagen, was an den Pranger gestellt zu werden verdient. Die nostra-culpa-Europäer leisten dazu allerdings kaum einen Beitrag. Ihre Interpretationen geschichtlicher Vorgänge beruhen oftmals auf einem von ideologischen Scheuklappen beeinträchtigten Blick, und ihre sich politisch und moralisch aufgeklärt dünkenden Erörterungen des Nahen Ostens sind vielfach von Ignoranz geprägte Selbstgespräche, von denen die am allerwenigsten etwas haben, die unsere Unterstützung am dringendsten benötigen würden: die Menschen im Nahen Osten, die für eine Zukunft jenseits verschwörungstheoretischen Denkens, ritualisierter Opferideologien und anti-westlicher Ressentiments eintreten.

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