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Das Zentrum für Antisemitismusforschung kooperiert erneut mit einem Israelhasser

Von Alex Feuerherdt

Der Berliner Senat hat Fördermittel für ein Kulturprojekt bewilligt, bei dem das Theater eines bekennenden Israelhassers eine wesentliche Rolle spielt. Zuvor hatte ausgerechnet das Zentrum für Antisemitismusforschung für eine Art Unbedenklichkeitsbescheinigung gesorgt. Nicht zum ersten Mal fällt das ZfA durch eine fragwürdige Politik auf.

Al-Quds-Marsch in Berlin

Gerade einmal drei Jahre ist es her, dass der Refugee Club Impulse (RCI), ein Theaterprojekt für Flüchtlinge, vom Berliner Senat mit einem sechsstelligen Betrag gefördert werden sollte, bis sich herausstellte, dass die Führungsfiguren des Projekts veritable Antisemiten sind, und die Gelder deshalb gestrichen wurden.

Sowohl die künstlerische als auch die pädagogische Leiterin des RCI hatten sich jahrelang am „Al-Quds-Tag“ in der deutschen Hauptstadt beteiligt, der alljährlich auf Geheiß des iranischen Regimes mit einem antisemitischen und islamistischen Aufmarsch einhergeht, auf dem die Eroberung Jerusalems und die Vernichtung Israels gefordert werden. Der RCI war zudem der Hauptinitiator des „Karnevals der Geflüchteten“, eines „Aktionstages“, der auch von aggressiv israelfeindlichen, antisemitischen Gruppierungen mitgetragen wurde. Als die Berliner Zweigstelle des American Jewish Committee (AJC) das herausfand und die Berliner Zeitung diese Recherche aufgriff, nahm der Senat schließlich Abstand von der finanziellen Förderung.

Nun ist erneut die monetäre Unterstützung eines Projekts durch den Senat in die Kritik geraten. „DestiNation Unknown – stadtweite performative Forschung und Inszenierung eines ,lebendigen Museums‘“ heißt es, mit genau 96.438,60 Euro soll es über den Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung bis Mai 2020 gefördert werden, wie Antje Schippmann für Bild Online ermittelt hat. Es richtet sich an Jugendliche mit Migrations- und Diskriminierungserfahrungen und liefere eine „multiperspektivische Auseinandersetzung […] mit Konstruktionen von Flucht, Migration und Nation“, wie der Senat laut Schippmann erklärt hat. Ein Ziel von „DestiNation Unknown“ ist demzufolge die „Entwicklung eines Instituts für junge künstlerische Forschung“, das am Theater X angesiedelt werden soll. Dieses Theater soll auch einen „geschützten Raum zur Vor- und Nachbereitung der berlinweiten Aktivitäten“ des Projekts stellen.

Was bis dahin fortschrittlich klingt, wird höchst problematisch, wenn man weiß, wer der künstlerische Leiter des Theaters X ist: Ahmed Shah nämlich, einer der Mitbegründer des Refugee Club Impulse, der in der Vergangenheit immer wieder mit antiisraelischen Aktivitäten auf sich aufmerksam gemacht hat. In seinem Theaterstück „Intifada im Klassenzimmer!?“ beispielsweise wurden „Vergleiche zum Nationalsozialismus und zur Shoa angestellt, um die Situation von Arabern und Moslems in Deutschland und die der Palästinenser darzustellen“, wie Patrick Neu im Mai 2006 in der Jungle World schrieb. Bilder aus nationalsozialistischen Vernichtungslagern würden auf eine Leinwand hinter der Bühne projiziert, und es fielen Sätze wie: „Panzer im Heiligen Land, dann sprengen sich die Menschen in die Luft.“ Die Friedrich-Ebert-Stiftung und das AJC kamen in einer 2007 veröffentlichten Studie dann auch zu dem Schluss, dass das Theaterstück bei der Zielgruppe „antisemitische Stereotype reproduziere und diese so bei den Jugendlichen verfestige, statt sie zu dekonstruieren“.

 

Shah begreift seine Arbeit als Teil einer „kulturellen Intifada“

Zudem hielt der Sozialarbeiter und Theaterpädagoge Shah auf dem „Nakba-Tag“ im Mai 2015 eine Rede, in der er sagte, die Jugendlichen, mit denen er arbeite, seien zwar gegen Antisemitismus. Doch es gebe „eine Sache, wogegen die noch mehr sind“, und das sei Israel, für Shah ein „Apartheidstaat“. Seine Arbeit begreift er als Teil einer „kulturellen Intifada“, wozu auch die Unterstützung der antisemitischen BDS-Bewegung zählt, die für einen Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen gegen Israel eintritt. In den Räumlichkeiten von Shahs Theater haben dem Deutschlandfunk zufolge entsprechende Workshops stattgefunden. In Veröffentlichungen der Organisation Linksruck hat Shah israelfeindliche Positionen vertreten, auf einer Kundgebung während des Libanonkrieges im Sommer 2006 äußerte er die Ansicht, die Hisbollah – eine Terrororganisation – sei die einzige Vereinigung im Libanon, die den Unterdrückten eine Stimme gebe.

Als der Senat im April 2016 dem Refugee Club Impulse die Fördergelder strich, verlas Ahmed Shah eine Erklärung der künstlerischen und der pädagogischen Leiterin des RCI, in der diese sich vom „Al-Quds-Tag“ distanzierten. Zugleich verharmloste er die antisemitischen Aktivitäten der beiden als deren „Privatangelegenheit“. Es gäbe also gute Gründe, von finanziellen Zuwendungen an Shah und seine Projekte auch weiterhin abzusehen. Doch trotz der Vorgeschichte wurden die Gelder bewilligt. Die Voraussetzung dafür sei es gewesen, so gibt Antje Schippmann auf Bild Online die Auskunft des Senats wieder, dass die Theaterarbeit von Shah durch das Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) an der Technischen Universität Berlin kritisch begleitet wird. Das sei im vergangenen Jahr geschehen: „Die Theater-Beteiligten haben sich intensiv mit dem Thema Antisemitismus auseinandergesetzt, in vielen Gesprächen und auch in der künstlerischen Arbeit“, so eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie.

Diese Begleitung durch das ZfA hat im Rahmen eines konkreten, vom Senat geförderten Theaterprojekts stattgefunden, wie Schippmann weiter schreibt. In diesem Projekt sei es laut ZfA „um eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus, des Antisemitismus und des kolonialen Rassismus“ gegangen. Das Zentrum sah deshalb „in vielerlei Hinsicht thematisch-inhaltliche Anknüpfungspunkte“. Es habe sich entschlossen, mit dem Theater X von Ahmed Shah zu kooperieren, weil die im Theaterprojekt „geleistete Vermittlung von Wissen über Nationalsozialismus, Antisemitismus und kolonialen Rassismus an junge Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung“ von großer Bedeutung sei und weil das ZfA bemüht sei, „eine antisemitismus- und rassismuskritische Bildungsarbeit zu fördern“.

 

Keine Unwissenheit, sondern Komplizenschaft

TU Berln (Von Mangan2002 (sv.wikipedia.org), CC BY 2.5)

Das heißt: Das Zentrum für Antisemitismusforschung hat Ahmed Shah, einem bekennenden Israelhasser, und dessen Theater gewissermaßen eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausgestellt. Die israelfeindlichen Aktivitäten, die zuletzt zum Ende der finanziellen Förderung eines anderen Projekts von Shah geführt hatten, waren offenbar kein Thema bei der Begleitung des Theaterprojekts durch das ZfA. Vielleicht haben sie das Zentrum aber auch gar nicht gestört, zumindest wäre das nicht unbedingt verwunderlich: Bereits im Oktober des vergangenen Jahres stand das ZfA in der Kritik, weil sein Fellow Luis Hernández Aguilar als Research Officer für eine islamistische Vereinigung tätig war, die unter anderem den „Al-Quds-Tag“ in London organisiert und große Stücke auf die antisemitische Terrororganisation Hisbollah hält. Eine von Aguilar koordinierte Tagung des ZfA zum Thema Islamfeindlichkeit, auf der auch eine Vertreterin dieser islamistischen Organisation auftreten sollte, wurde nach öffentlichem Druck schließlich abgesagt.

Dass nun erneut ein Projekt von Ahmed Shah gefördert wird, kritisiert die Berliner Dependance des AJC als „nicht nachvollziehbar“. Shah falle seit etlichen Jahren durch seine antiisraelischen Aktivitäten auf und habe damit zahlreiche Jugendliche beeinflusst. Gegenüber Bild Online sagte die AJC-Direktorin Deidre Berger: „Gerade in Zeiten, in denen der israelbezogene Antisemitismus immer öfter der Auslöser für judenfeindliche Gewalt ist, ist es unverständlich, wie der Senat diesem Projekt Mittel bewilligen konnte. Ebenso steht dies in deutlichem Widerspruch zu dem Landeskonzept gegen Antisemitismus. Wir hoffen hier auf eine Revidierung dieser Entscheidung.“ Berger ist zudem irritiert, dass das Zentrum für Antisemitismusforschung „nun bereits zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit durch die Kooperation mit fragwürdigen Personen auffällt“. Es gebe in Berlin eine ganze Reihe von Trägern und Projekten, die überzeugende Bildungsarbeit gegen Antisemitismus und Israelhass durchführten. „Ihnen sollte die Arbeit mit Jugendlichen anvertraut werden und sie sollten in ihren Bemühungen verstärkt gefördert werden.“

Doch stattdessen unterstützt der Berliner Senat mit dem ausdrücklichen Segen des ZfA ein Theater, dessen Leiter den „geschützten Raum zur Vor- und Nachbereitung der berlinweiten Aktivitäten“ von „DestiNation Unknown“ im Zweifelsfall für eine höchst performative Indoktrination der Mitwirkenden gegen den jüdischen Staat nutzen wird. Wenn solchen Projekten nur ein progressives Mäntelchen übergeworfen wird und die Förderanträge genügend Soziologendeutsch enthalten, geht nahezu alles. Dabei ist Ahmed Shah wahrlich kein unbeschriebenes Blatt, sondern jemand, dessen antiisraelische Aktivitäten seit langem hinlänglich bekannt sind. Auch beim Berliner Senat und im ZfA sollte man von ihnen Kenntnis genommen haben. Wenn man dort dennoch keine Einwände gegen ihn hat, kann es eigentlich nicht an Unwissenheit liegen, sondern an einer Form von Komplizenschaft.

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