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Libanons größte Zeitung: „Israel schützt seine Bürger, der Libanon nicht“

Der Libanon leidet an Medikamentenknappheit
Der Libanon leidet an Medikamentenknappheit (© Imago Images / Xinhua)

Während die libanesische Bevölkerung in der Corona-Kreise weiter Vertrauen in ihr Land verliert, geht eine libanesische Zeitung hart mit der politischen Klasse ins Gericht.

Schon vor der Pandemie litt der Libanon unter der schwersten Wirtschaftskrise in der hundertjährigen Geschichte des modernen Staates seit dem Ende des Osmanischen Reichs. Die Wirtschaftskrise hat in der Folge, kombiniert mit dem Gesundheitsnotstand durch das Corona-Virus, zu einer schweren Krise bei der Versorgung mit Medikamenten geführt.

Denn 80 Prozent der Arzneimittel muss das Land importieren und dafür Devisen zahlen. Da der Staat Arzneimittel subventioniert, diese also im Libanon billiger sind als in vielen anderen Ländern, gibt es zudem einen Anreiz, Medikamente außer Landes zu bringen und im Ausland zu einem höheren Preis zu verkaufen, obwohl das verboten ist.

Verschärft wird die Situation dadurch, dass Menschen in Zeiten eines tatsächlichen oder befürchteten Mangels Vorräte anlegen, also „hamstern“, wie man sagt. „Alle Arten von pharmazeutischen Produkten verschwinden seit einigen Wochen aus den Regalen“, berichtet die französische Nachrichtenagentur AFP. Das betreffe auch die am häufigsten benötigten.

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Was floriere, sei der Schwarzmarkt. Mangelware sei etwa alles, was benutzt werde, um die Symptome von COVID-19 zu lindern, Medikamente zur Behandlung chronischer Erkrankungen, Babynahrung „und sogar Vitamintabletten“.

Medikamentenknappheit

Der AFP-Korrespondent interviewte einen Kunden namens Abbas, 37, der „resigniert“ aus einer Beiruter Apotheke kommt. „Ich habe nach zwei Sachen gefragt: Aspirin und Antibiotika. Weder das eine noch das andere habe ich bekommen.“ Nun müsse er zu viel höheren Preisen auf dem Schwarzmarkt kaufen. Auch ein „spezielles Shampoo“, das er immer gekauft habe, gebe es nicht mehr. „Dieses Land geht wirklich in die Binsen“, sagt er.

Eine ähnliche Situation schildert Habib Battah, der 40-jährige Gründer der Website Beirut Report, gegenüber der französischen Tageszeitung Le Monde. Er verbringe oft „ganze Tage“ damit, Medikamente für seinen Vater zu besorgen, der am „Ende seines Lebens angekommen“ sei, aber aus Platzgründen nicht im überfüllten Beiruter Krankenhaus behandelt werden könne.

Er laufe von einer Apotheke zur nächsten, sagt Battah. „Es ist, als würde man eine Nadel im Heuhaufen suchen. Es ist sehr beängstigend, auch sehr zeitaufwändig. Aber ich habe keine Alternative. Wir sind gezwungen, uns anzupassen.“

Apotheker Mazen Bissat sagt: „Die Menschen haben Angst, dass die Medikamente ausgehen, und sie lagern zu Hause genug für einen Monat, sogar sechs Monate, je nachdem, was sie sich leisten können.“ Gerade habe er 300 Schachteln eines gängigen Schmerzmittels erhalten. „Wir stellen nur zehn pro Tag ins Regal, damit es bis zum Ende des Monats reicht“, sagt er.

Das Gesundheitsministerium hat die Apotheker angewiesen, einige Medikamente nur noch auf Rezept zu verkaufen.

Doch der Mangel hat nicht immer etwas mit fehlendem Angebot zu tun. Karim Gebara, der Leiter des Konsortiums der Arzneimittelimporteure, sagt, die Nachfrage nach Aspirin sei „in die Höhe geschossen“. Zwei Unternehmen hätten im Januar 500.000 Schachteln ausgeliefert, obwohl die normale monatliche Nachfrage im Jahr 2020 nur 200.000 betragen habe. „Aber trotzdem ist nichts mehr übrig.“

In einer Apotheke in den östlichen Vororten von Beirut schildert der Korrespondent von Le Monde, wie eine Kundin gebeten wird, in einer Woche wiederzukommen, um ihre Medikamente abzuholen. „Nicht in der Lage zu sein, Bedürfnisse zu befriedigen, zerstört das Vertrauensverhältnis“, sagt Joanna Francis, die Apothekerin. „Wie reagieren Sie auf Eltern, die fragen, wie sie ihr Baby füttern sollen? Weil keine Babynahrung verfügbar ist? In den Regalen stehen nur selten ein paar Dosen.“

Medikamentenschmuggel nach Afrika

Noch brisanter wird die Lage dadurch, dass die libanesische Öffentlichkeit in dieser Situation erfahren hat, dass Medikamente, die der libanesische Staat subventioniert, ins Ausland geschmuggelt und dort verkauft werden. Die scheidende libanesische Justizministerin Marie-Claude Najm forderte am 2. Februar die Generalstaatsanwaltschaft auf, ein Verfahren gegen alle Personen einzuleiten, die in den Skandal um subventionierten Medikamenten verwickelt sind, die kürzlich in der Demokratischen Republik Kongo (DRC) auftauchten.

Wie die französischsprachige libanesische Tageszeitung L’Orient Le Jour berichtet, kam der Fall so ans Licht: Kamal Amer, ein in Kongos Hauptstadt Kinshasa lebender libanesischer Unternehmer, hatte einen seiner Mitarbeiter zur Apotheke geschickt, um mehrere Kisten Atacand, ein Medikament gegen Bluthochdruck, zu kaufen. Die wollte er an bedürftige Familien in seinem Heimatdorf Cana im Südlibanon senden. Dann entdeckte er auf sieben Kisten, die sein Mitarbeiter in einer Apotheke in Kinshasa gekauft hatte, Etiketten mit dem Namen des libanesischen Importeurs und einen Preis in libanesischen Pfund.

„Dieses staatlich subventionierte Medikament wäre somit illegal in die Demokratische Republik Kongo gelangt, vermutlich von Schmugglern, die durch den Weiterverkauf auf dem kongolesischen Markt Gewinne erzielen wollen“, so das Blatt. „Mehrere solcher Fälle wurden bereits gemeldet.“ Dieser Handel betreffe auch andere subventionierte libanesische Produkte, insbesondere Lebensmittel, die kürzlich in mehrere Länder der Region gelangt seien.

Zeitung: Israel schützt seine Bürger, der Libanon nicht

Michelle Tueini, die stellvertretende Verlagsleiterin der größten libanesischen Tageszeitung Al-Nahar und Mitglied von deren Vorstand, veröffentlichte am 20. Januar einen Leitartikel mit dem Titel „Widerstand, indem man die Bevölkerung verteidigt“, der von der amerikanischen Medienbeobachtungsgruppe MEMRI ins Englische übersetzt wurde.

Darin ging sie hart mit der politischen Klasse ins Gericht, der sie vorwarf, sich nicht für das Überleben der Bevölkerung zu interessieren, und stellte einen für den libanesischen Staat sehr unvorteilhaften Vergleich mit dem „Feind“ Israel an, wo der Staat das Leben der Bürger wertschätze.

Es sei „eine bemerkenswerte Tatsache“, schrieb sie, „dass der feindliche Staat Israel in Bezug auf den Teil [seiner Bevölkerung], der gegen Covid geimpft wurde, weltweit führend ist. Dies spiegelt den Wert wider, den dieses Land dem Leben seiner Menschen beimisst.“

Andere Länder der Welt, stellte sie fest, „legen Wert auf das menschliche Leben und betrachten den Schutz des menschlichen Lebens als ein Grundprinzip“, während es im Libanon in allen Bereichen „schreckliche Vernachlässigung“ gebe.

„Kann jemand verstehen, warum die Libanesen nach Dubai gehen, um sich impfen zu lassen? Warum hat [der Libanon] nicht längst damit begonnen, [seine Bürger] zu impfen? Wir sind ein kleines Land mit nicht mehr als 6 Millionen Einwohnern, daher ist es eine leichte Aufgabe, 70% der Bevölkerung zu impfen und damit die Libanesen zu schützen.“

Dass nach der Explosion des Ammoniumnitrats im August, das mitten in der Hauptstadt gelagert worden war und zur „Zerstörung der Stadt und zum Tod und zur Verletzung vieler führte“ keine einzige Anklage gegen einen der Verantwortlichen erhoben worden sei, zeige, dass das „Leben wertlos“ sei „in den Augen des Regimes, das den [Libanon] zerstört und in einen gescheiterten, kaputten und bankrotten Landstrich verwandelt hat“.

In dieser Situation seien „einige immer noch davon überzeugt, dass es möglich ist, gegen Israel zu kämpfen, das bereit ist, Dutzende von Gefangenen gegen die Leiche eines seiner Soldaten auszutauschen“. Doch Bürger, die von ihrem Staat nicht wertgeschätzt würden, könnten „keinen wirksamen Widerstand leisten“.

„Warum brauchen wir [überhaupt] den Widerstand [die Hisbollah], wenn uns Brot und Medikamente fehlen? Warum brauchen wir Widerstand? Wenn unsere Häuser in einem Augenblick zerstört werden können und Menschen ohne Grund getötet werden können?

Warum brauchen wir Widerstand in einer Situation, wo der Impfstoff nicht als grundlegende und einfache Notwendigkeit betrachtet wird und der Staat nicht danach strebt, seine Bürger damit zu versorgen, wie Israel, die Vereinigten Arabischen Emirate und andere Länder das tun?

Warum brauchen wir Widerstand in einem Heimatland, in dem das menschliche Leben so billig geworden ist? Tausende von uns sterben und sie [die Politiker und Beamten] bemerken es nicht einmal. Hunderttausende hungern und sie interessieren sich nicht. Junge Leute verlassen das Land und es ist ihnen egal. Das Geld der Menschen wird gestohlen und beschlagnahmt, und sie tun nichts.“

Aufbauen statt zerstören

„Nach alldem“ frage sie die Regierenden: „Glauben Sie immer noch, dass wir in der Lage sind, Israel zu bekämpfen und ihm die Stirn zu bieten? Können wir gegen ein Land kämpfen, das seine Menschen respektiert und das Leben einer Mentalität von Tod, Hunger, Armut und Rückständigkeit vorzieht?“

Sie frage, ob „wahrer Widerstand“ nicht bedeute, „eine ideologische, kulturelle und wissenschaftliche [Kampagne] zu führen, die den Menschen vor alles andere stellt … und darauf abzielt, einen starken Staat mit einer Regierung aufzubauen, die in der Lage ist, ihre Bevölkerung schnell zu impfen und außenpolitische Beziehungen zu erhalten, die dem Land nützen“.

Es gelte, einen „gesetzestreuen Staat“ aufzubauen, der Beamte zur Rechenschaft ziehe, Forderungen an sie stelle und ihre Leistung überwache. Wer den Libanon wirklich vor seinen „Feinden“ verteidigen wolle, müsse dies tun, indem er das Land „aufbaut und voranbringt, nicht, indem er es zerstört“.

„Diejenigen, die sich vorstellen, um des Libanon willen Widerstand zu leisten, müssen einen Moment innehalten und sehen, wie das libanesische Volk nach Medikamenten und Nahrungsmitteln sucht und wie es stirbt, während keiner der Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen oder bestraft wird.“

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Was die libanesischen Politiker ihrem Volk antäten, sei „schlimmer als alles, was ein Feind tun“ könne, so Michelle Tueini. „Was sicher ist, ist, dass ein Staat [wie Israel], der innerhalb einer Woche [es muss heißen: eines Monats] 25% seiner Bevölkerung geimpft hat, nicht von einem gescheiterten Staat herausgefordert werden kann, der seine Bevölkerung mit Ammoniumnitrat tötet.“

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