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Grenzen durchbrechen: von Israel nach Syrien und zurück

An der israelischen Grenze auf den Golanhöhen. (© imago images/Schöning)
An der israelischen Grenze auf den Golanhöhen. (© imago images/Schöning)

Von Alexandra Margalith

Israel war schon immer ein Ort kurioser Geschichten. Aber die Geschichte von Dina Cohen ist eine der kuriosesten und vielschichtigsten, die sich in letzter Zeit ereignet haben.

Vorab, ihr Name darf in Israel in den Medien und Presseberichten nicht veröffentlicht werden. Das soll sowohl ihrer eigenen als auch der Sicherheit des Landes dienen. Denn Dina Cohen hat sich in den letzten Wochen nicht unbedingt beliebt gemacht.

Dina Cohen hat ein Problem mit Grenzen. Sie lässt sich ungern einengen, hält sich nicht unbedingt an Regeln, und auch Vorsicht ist nicht das, was sie auszeichnet. Auf ihrer Facebookseite schreibt sie am 13. November letzten Jahres:

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„Ich habe so eine Art Hobby, ins tiefe Wasser zu springen und dann schwimmen zu lernen“.

Und das ist keine neue Entwicklung.

Die Anfang Zwanzigjährige stammt aus einer orthodoxen sephardischen Familie in Modiin Ilit, einer Siedlung im Westjordanland. Zunächst durchbricht sie die Grenzen des orthodoxen Lebens und kehrt diesem den Rücken zu. Sie löst sich von den religiösen Traditionen, aber auch von der Denkweise, die vielen Siedlern hinter der sogenannten „grünen Linie“ innewohnt.

Sie schreibt auf Facebook von Liebe, davon, dass die Palästinenser nicht die „Cousins“ der Israelis sind, sondern deren Brüder, unzählige Fotos zeigen sie in der freien Natur, im Westjordanland, in Herzliya in der Nähe von Tel Aviv, im Wadi Qelt, in Jericho.

Und immer wieder spricht sie von Grenzen, die es für sie nicht gibt, wie etwa:

„Keiner wird meine Bewegung einschränken
oder mir den Weg zu meiner Atemluft versperren.
Selbst, wenn ich nächstes Jahr sterbe oder nächste Sekunde,
werde ich bis zum letzten Moment frei sein. (…)

Ich kenne Eure Linien nicht an, nicht grüne, nicht blaue, nicht lilane und auch nicht die roten werden mich aufhalten.“

Und Dina Cohen, die von Freiheit und Liebe und davon spricht, dass die Politiker Kriege zum Überleben brauchen, denn gäbe es keine, würden sie vor Langeweile sterben, lässt sich tatsächlich nicht aufhalten.

Diese junge Frau, die manche als Idealistin bezeichnen, andere als mutig und die Zukunft des Landes, und wieder andere als gefährliche Irre, wandert vor ein paar Wochen so mir nichts, dir nichts, über den Berg Hermon in das nächste Dorf, das sie finden kann. In Syrien.

Der dritte Anlauf

Inzwischen ist bekannt, dass dies nicht das erste Mal war, dass Dina Cohen versucht hat, die israelischen Staatsgrenzen zu überschreiten. Offenbar hat sie in der Vergangenheit zunächst versucht, nach Gaza zu gelangen. Auch an der syrischen Grenze ist sie bereits gewesen, wurde allerdings aufgehalten und wieder zurückgeschickt ins Westjordanland.

Im dritten Anlauf gelingt es ihr allerdings, in einer nebligen Nacht über die syrische Grenze zu kommen. Wo und wie, weshalb keines der vielen Alarmsysteme ausgelöst wurde oder kein Späher sie ausgemacht hat, das scheint noch unklar. Und es wird gegenwärtig auch wenig darüber spekuliert. Man wartet auf das Ergebnis der Ermittlungen der diversen Behörden.

Die syrischen Dorfbewohner, bei denen die junge Frau aus Israel auf einmal auftaucht, als sei es die normalste Sache der Welt, wissen allerdings nicht, was sie mit ihr anfangen sollen. Und so wird sie den dortigen Sicherheitsbehörden gemeldet, von diesen aufgegriffen und unter dem Verdacht der Spionage verhaftet.

Eine Israelin im Feindesland

Sofort als bekannt wird, dass sich eine israelische Staatsbürgerin, noch dazu eine Zivilistin, in syrischer Gefangenschaft befindet, setzt Premierminister Benjamin Netanjahu alle Hebel in Bewegung, Dina Cohen wieder über die Grenze nach Israel zu bekommen.

Selbst wenn die junge Frau sich bewusst in die Gefahr begeben hat, dort gegebenenfalls so lange verhört zu werden, bis sie Staatsgeheimnisse erfindet, einfach, um das Verhör zu beenden, selbst wenn Dina Cohen und alles, für das sie steht, Menschen wie Benjamin Netanjahu ein Dorn im Auge ist, ist es für die israelische Regierung ein Unding, sie dort ihrem Schicksal zu überlassen.

Israel stellt sich wieder und wieder der Gratwanderung, die Sicherheitsinteressen auch nur eines einzigen Staatsbürgers und die des Staates im Allgemeinen miteinander in Einklang zu bringen. Dafür hat es in der Vergangenheit und auch unter vehementem Protest von Teilen der Bevölkerung immer wieder einen hohen Preis gezahlt.

Nachdem zwischen Israel und Syrien bis heute offiziell Krieg herrscht und Israel bekanntermaßen auch immer wieder Angriffe auf militärische Ziele in Syrien fliegt, ist ihre Rückführung nach Israel allerdings kein einfaches Unterfangen.

Direkte Verhandlungen zwischen den beiden Staaten gibt es keine. Und so bittet Netanjahu den russischen Staatspräsidenten Putin um seine Mithilfe. Hinter verschlossenen Türen und unter strenger Geheimhaltung beginnen intensive Verhandlungen, mit Russland als Mittelsmann.

Zunächst verlangt man in Syrien die Freilassung zweier syrischer Hirten aus dem Golan, die sich, so Syrien, nach Israel verirrt hatten, beziehungsweise die, so Israel, der Hisbollah Beihilfe geleistet hatten.

Israel erklärt sich bereit, die beiden unverzüglich freizulassen, stellt allerdings die Bedingung, dass sie nicht wieder in den sich unter israelischer Herrschaft befindenden Golan zurückkehren dürfen, sondern weiter über die Grenze nach Syrien müssen. Die beiden Hirten allerdings ziehen es unter diesen Umständen vor, im israelischen Gefängnis zu verweilen und weigern sich, sich auslösen zu lassen.

Also verhandelt man weiter, ohne, dass größere Details über Art und Inhalt bekannt werden. Vor ein paar Tagen dann die Meldung: Die sich in Syrien befindende Israelin wird nach Moskau geflogen, von wo aus sie sich auf den Weg nach Israel machen wird.

Der Dank an Russland

Natürlich wäre es wesentlich leichter und schneller gewesen, Dina Cohen von syrischer Seite aus einfach an die Grenze zu bringen, um sie dort von israelischer Seite aus entgegenzunehmen. Aber es scheint zunächst plausibel, dass dieser Umweg über Russland eingeschlagen wird, damit man Putin so in seiner Heimat den Ruhm zusprechen kann, der ihm gebührt. Als Geste des Dankes an ihn und an Russland.

Inzwischen hat sich aber herausgestellt, dass der Dank wohl etwas größer ausgefallen ist, als ein Blumenstrauß oder ein freundschaftlicher Ellenbogen-Bump am Flughafen in Moskau. Denn auch, wenn das Büro von Netanyahu gestern noch dementiert hat, häufen sich die Meldungen, wonach Israel für das syrische Volk Covid-19 Impfungen im Wert von mehreren Millionen US-Dollar eingekauft hat.

Wo?

In Russland.

Nein, für Dina Cohen, der es laut Medienberichten gut geht, und gegen die jetzt wohl auf israelischer Seite Ermittlungen eingeleitet werden, gibt es keine Grenzen. Sie ist losmarschiert und hat die israelische Regierung in eine der bizarrsten Situationen der Staatsgeschichte gebracht.

(Alexandra Margalith hat in München Rechtswissenschaften studiert, ist in Israel als Anwältin und Notarin zugelassen und hat sich in einer Kanzlei in Tel-Aviv mehr als 13 Jahre mit deutsch-israelischen Wirtschafts- und Rechtsbeziehungen befasst, davon 7 Jahre als Partnerin. Sie befasst sich intensiv mit dem Nahostkonflikt und dem Antisemitismus in Europa, lange vor dem Holocaust bis heute, und verfolgt dazu die hebräische, deutsche, englisch- und französischsprachige Presse. Nach einem mehrjährigen beruflichen Aufenthalt in Irland lebt sie heute in Tel Aviv-Jaffa.)

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