Libanon will syrische Flüchtlinge loswerden

Beirut. (Quelle: Pexels)

„Vor etwa drei Jahren sind Marwan, 40, und Samira, 36, mit ihren vier Kindern aus Idlib in den Libanon geflüchtet. Sie fühlen sich zunehmend fremd. Abschätzige Blicke. Erhobene Fäuste. ‚Geh zurück in dein Land‘, höre er oft, sagt Marwan. Vor einigen Tagen wurde ein Kontrollpunkt am Zugang zu ihrem Viertel aufgebaut, Wachposten verhafteten Arbeiter ohne Papiere. Was wird aus Marwan, dem Tischler ohne Arbeitserlaubnis?

Seit der Krieg vor fast acht Jahren Idlib erreichte, kämpfen Marwan und Samira darum, dass er ihre Familie nicht zerreißt. Bis jetzt haben sie es geschafft. Doch nun könnte ihnen ausgerechnet das Ende des Krieges gefährlich werden. (…)

Kein Staat hat, gemessen an seiner Einwohnerzahl, mehr Flüchtlinge aufgenommen als der Libanon. 2011 kamen die ersten Flüchtlinge aus Syrien, heute sind es mehr als eine Million – neben vier Millionen Libanesen. Doch nun sagt der Präsident des Libanons Michel Aoun, die Rückkehr syrischer Flüchtlinge könne ‚nicht von einer politischen Lösung (…) abhängig gemacht werden‘. Was so viel heißt wie: Sie sollen gehen, auch wenn Syriens Diktator bleibt. (…)

Einen ähnlichen Stimmungsumschwung gibt es auch in anderen Ländern. Türkische Behörden führten im Juli erstmals Syrer zurück. Und in Europa mehren sich Stimmen, die dafür plädieren, wenigstens einige der Flüchtlinge sollten demnächst nach Syrien zurückkehren. Im Februar stufte Dänemark Syrien als ‚teilweise sicher‘. Syrer bekommen dort nicht mehr bedingungslos eine Aufenthaltsgenehmigung. In Deutschland versuchte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge im März, Ähnliches zu erreichen. Auch die Innenminister von Sachsen und Bayern plädierten dafür. Kanzler- und Außenamt lehnen das allerdings bislang ab.

Marwan kam schon vor dem Krieg in den Libanon, monatsweise, um in einer Tischlerei zu arbeiten. Eine Arbeitserlaubnis hatte er auch damals nicht. ‚Das war den Libanesen egal. Syrer waren die billigsten Arbeiter‘, sagt er. ‚Wir waren willkommen.‘

Der libanesische Staat kennt Tausende Vorschriften. Aber er lebt auch vom Regelbruch. Arbeitsgenehmigungen für Ausländer kosten mehr, als die allermeisten sich leisten können. Kontrolliert wurden sie bislang kaum. Schwarzarbeit bei Hilfsjobs hatte System. ein. (…)

Die Regierenden des Libanons betonen, dass sie auf freiwillige Rückkehr setzen. Marwan meint: ‚Sie wollen, dass wir es nicht mehr ertragen.‘ Deportationen oder Abrisse treffen Einzelne, die Angst davor alle. Und die Angst soll zumindest jene nach Syrien zurücktreiben, die nicht aufgrund von politischem Aktivismus, sondern vor dem Krieg geflohen sind.

Als wäre der Krieg vorbei. Ihre alte Heimat Idlib ist so heftig umkämpft wie nie.“ (Lea Frehse: „Die Angst vor der Heimkehr“)


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