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Für wen sind die MiG-29-Kampfjets bestimmt, die Russland kürzlich nach Syrien überstellte?

Eine MiG-29 auf der Luftwaffenbasis Hmeimim in Syrien
Eine MiG-29 auf der Luftwaffenbasis Hmeimim in Syrien (© Imago Images / Russian Look)

Russland hat Ende Mai Kampfflugzeuge nach Syrien geliefert – aber bleiben sie auch dort, oder sind sie für den libyschen Kriegsschauplatz bestimmt?

Syriens staatliche Nachrichtenagentur SANA berichtete am 30. Mai, die syrische Luftwaffe habe von Russland eine Lieferung moderner Kampfjets des Typs MiG-29 erhalten. Die MiGs seien mit einer „Zeremonie“ auf der Luftwaffenbasis Hmeimim in Latakia in Enpfang genommen worden, so SANA.

SANA beruft sich dabei auf eine ungenannte „Militärquelle“. Diese habe zudem mitgeteilt, dass die Flugzeuge von Latakia aus zu verschiedenen syrischen Stützpunkten aufgebrochen seien, und syrische Piloten die Kampfjets „ab dem 1. Juni 2020“ für „Einsätze im syrischen Luftraum“ nutzen werden.

Die MiG-29 ist ein relativ modernes Kampfflugzeug, das die Sowjetunion in den 1980er Jahren in Dienst gestellt hat, mit dem Ziel, amerikanischen Jets wie der F-16 und der F-15 ebenbürtig oder überlegen zu sein. Sie wurde gelegentlich als „Schrecken der Nato“ bezeichnet.

Zu einem Einsatz gegen Nato-Flugzeuge gelangte sie nur ein einziges Mal: In den ersten Stunden des Nato-Angriffs auf Jugoslawien am 24. März 1999 wurde eine jugoslawische MiG-29 sofort abgeschossen, was aber angesichts der Überlegenheit Hunderter angreifender Nato-Flugzeuge (samt AWACS-Fernaufklärung) sowie der mutmaßlich besseren taktischen Schulung der Nato-Piloten wohl nichts über das Flugzeug aussagt.

Waffe gegen Israel?

Die deutsche Bundeswehr übernahm im Zuge der Wiedervereinigung 1990 sechs MiG-29, die die DDR noch angeschafft hatte. In einem Bericht der Tageszeitung Die Welt aus dem Jahr 2000 wird der sowjetische „Supervogel“ so beschrieben:

„Sie ist, sagen Piloten, außerordentlich agil, hat leistungsstarke Triebwerke und eine hervorragende Aerodynamik. Sie benötigt eine minimale Startstrecke von nur 250 Metern und hält, theoretisch, eine Belastung von bis zu neun G – das neunfache der Erdbeschleunigung – aus.

Ihre Höchstgeschwindigkeit liegt bei etwa Mach 2.3, mehr als doppelter Schallgeschwindigkeit. (…) Auf Grund ihres hohen Treibstoffverbrauchs kann die MiG-29 nur etwa 45 Minuten fliegen. Luftbetankung ist nicht möglich, Navigation und Radar sind mangelhaft.“

Die Welt zitierte einen Bundeswehrpiloten, der das Flugzeug flog, mit den Worten:

„Wenn man ehrlich ist, kann man sich die MiG heute nur sehr schwer in einem realistischen Szenario vorstellen. In einen wirklichen Krieg möchte ich mit diesem Flugzeug nicht gehen.“

Es ist deshalb wohl nicht sehr ernst zu nehmen, wenn einige Militärblogs nun schreiben, die von Russland gelieferten Flugzeuge seien eine Waffe „gegen Israel“.

Schmach von 1982

Dagegen spricht einiges. Erstens besitzt die syrische Luftwaffe bereits einige MiG-29, die sie aber nie eingesetzt hat, um die mutmaßlichen israelischen Luftangriffe auf iranische Stützpunkte in Syrien abzuwehren. Zumindest liegen darüber keine Berichte vor.

Sollte es zu einem Luftkampf zwischen syrischen und israelischen Piloten kommen, würde eine Wiederholung der Schmach vom 9. Juni 1982 drohen.

Was geschah damals? Die israelische Armee hatte begonnen, in der Operation „Frieden für Galiläa“ gegen Terroristen der PLO vorzugehen, die vom Südlibanon aus mit Raketen und Artillerie auf den Norden Israels schossen.

Dabei kam es zu einem Aufeinandertreffen mit der syrischen Luftwaffe – die auch seinerzeit schon mit russischen Kampfjets ausgestattet war, vorwiegend solche des Typs MiG-21. In einem Luftkampf, der anderthalb Stunden dauerte und als einer der größten der Geschichte gilt, schossen die israelischen Piloten mit ihren F-15 und F-16 zahlreiche syrische Flugzeuge ab (90 ist die Zahl, die immer wieder genannt wird) und schalteten auch noch eine in der libanesischen Bekaa-Ebene stationierte syrische Luftabwehrbatterie aus, ohne eigene Verluste zu erleiden.

Seither hat sich die Kluft zwischen der israelischen und der syrischen Luftwaffe nur immer weiter vergrößert, sowohl was das Material betrifft als auch die taktische Ausbildung der Piloten. Schon vor Jahren wäre die syrische Luftwaffe für die Israelis kein ernstzunehmender Gegner gewesen, umso weniger heutzutage, wo Israel mit der F-35 ein Flugzeug besitzt, das für das gegnerische Radar unsichtbar ist.

Geschenk für Assad?

Wozu also rüstet Assad auf? Wir können nur spekulieren. Er befindet sich immer noch in einem Bürgerkrieg: Die Gebiete nördlich und westlich von Aleppo sowie östlich von Kobane sind in der Hand der von der Türkei unterstützten Dschihadisten.

Erinnern wir uns: Im Februar 2020 kamen bei einem Luftangriff in der Region Idlib 33 türkische Soldaten ums Leben, was zu der Befürchtung führte, es könne einen Krieg zwischen Russland und der Türkei geben. Eine solche Eskalation möchte der russische Präsident Wladimir Putin sicherlich nicht, darum könnte es für ihn besser sein, Assad mit fliegendem Kriegsgerät auszustatten, statt seine eigenen Bomber im türkisch kontrollierten Gebiet einzusetzen.

Oder für Libyen bestimmt?

Man kann indessen Syrien heutzutage nicht losgelöst von Libyen betrachten. Dort findet ebenfalls ein Krieg statt, bei dem der türkische Präsident Erdogan die eine Seite unterstützt: nämlich die Regierung der Nationalen Einigung in der Hauptstadt Tripolis, und Russland die andere: nämlich die Libysche Nationalarmee von General Khalifa Haftar.

In den letzten Wochen war die Türkei höchst erfolgreich: Die Regierung der nationalen Einigung hat nicht nur den Angriff Haftars auf die Hauptstadt abgewehrt, sondern steht Berichten zufolge vor einer Einnahme der wichtigen Stadt Sirte.

Es sieht nicht gut aus für Haftar, und türkische Waffen – vor allem bewaffnete Drohnen – waren es offenbar, die die Wende brachten. Da wäre es aus Putins Sicht logisch, die Gegner Erdogans aufzurüsten (falls die Lieferung der MiG-29 an Syrien nicht ohnehin seit langem geplant war, was aus der Meldung von SANA nicht hervorgeht).

Das könnte zwei Vorteile bringen: Zum einen könnte es Erdogan zwingen, wieder größeres Augenmerk auf Syrien zu richten und ihn von Libyen ablenken. Zum anderen könnte es dazu dienen, zu verschleiern, dass Syrien womöglich nicht Zielpunkt, sondern Umschlagplatz für die russischen MiG-29 ist, die in Wahrheit auf dem Weg nach Libyen sind.

Wäre nicht das erste Mal

Medienberichten zufolge hat Russland nämlich Ende Mai 14 Kampfflugzeuge der Typen Mig-29 und Su-24 von Syrien nach Libyen geflogen.

Satellitenaufnahmen, die ein amerikanischer Militärblog präsentiert, sollen zeigen, dass sich etliche russische Jets, die am 18. Mai auf dem russischen Luftwaffenstützpunkt Khmeimim in Syrien befanden, eine Woche später verschwunden waren. Der Autor spekuliert, dass sie in Libyen sind, wo Zeugen russische Flugzeuge gesichtet haben wollen. Sowohl die Libysche Nationalarmee als auch Russland bestreiten das.

Möglich wäre es also, dass die MiG-29 entweder nie von der syrischen Luftwaffe geflogen werden (die „Empfangszeremonie“ wäre dann wirklich nur Show gewesen), oder dass sie vielleicht ein Geschenk an Assad sind, weil er Russland dabei hilft, Flugzeuge nach Libyen zu bringen.

Sorge der USA

Am 18. Juni veröffentlichte AFRICOM, das US-Oberkommando über Militäroperationen auf dem afrikanischen Kontinent, Satellitenbilder, die russische MiG-29 in Libyen zeigen sollen. In einer Pressemitteilung schreibt AFRICOM:

Wir wissen, dass diese Kampfjets nicht etwa bereits in Libyen waren und dort repariert wurden. Sie kamen eindeutig aus Russland. Sie kamen aus keinem anderen Land.“

Russlands Einführung „bemannter, bewaffneter Angriffsflugzeuge in Libyen“ verändere die „Art des gegenwärtigen Konflikts“ und erhöhe das „Risikopotenzial“ für alle Libyer, heißt es in der Pressemitteilung.

Brigadegeneral Bradford Gering vom US-Marinecorps wird mit den Worten zitiert, es bestehe die „Sorge“, dass diese russischen Flugzeuge von „unerfahrenen, nichtstaatlichen Söldnern privater Militärkonzerne geflogen werden, die sich nicht an das Völkerrecht halten, da sie nicht an die traditionellen Gesetze des bewaffneten Konflikts gebunden sind“. Sollte dies zutreffen und in Libyen Bombenangriffe geflogen werden, dann seien „unschuldige Libyer in Gefahr“.

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