Die türkische Mär vom „sauberen Krieg“ gegen die syrischen Kurden

„Sicher, man kann schockiert sein über die nationalistische Aufwallung in der Türkei. Über Pazifisten, die von der Straße weggeknüppelt werden, über Imame, die in Freitagsgebeten den Jihad preisen, über Kinder, die bei Großkundgebungen in Soldatenuniform auftreten. Aber die Strategie der Führung in Ankara funktioniert. Um 5 Prozentpunkte zugelegt hat die Regierungspartei AKP in Umfragen seit Beginn der Militäroffensive in Nordsyrien im Februar. Bei 55 Prozent liegt die Zustimmung zur Politik von Recep Tayyip Erdogan.

Und selbst wer mit dem autoritären Präsidenten über Kreuz liegt und seine Partei nicht wählen will, muss deswegen noch lange nicht dessen ‚Krieg gegen den Terror‘ im Nachbarland ablehnen. Denn als Vaterlandsverräter will in der Türkei niemand gelten. Nationalismus funktioniert. Krieg funktioniert. Das hat Erdogan, der auf einen satten Sieg bei den Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr hofft, verinnerlicht wie kein Zweiter. So herrscht Heldenrhetorik in den staatshörigen Medien. So werden kritische Fragen, etwa über die hohen Kosten und Risiken der ‚Operation Olivenzweig‘, nicht gestellt. Und so kann die Staatsführung weiter munter behaupten, einen ‚sauberen Krieg‘ gegen die syrische Kurdenmiliz YPG zu führen, in dem Zivilisten nicht ums Leben kämen.

Tatsächlich hat die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (deren Asad-kritische Berichterstattung die Türkei sonst kaum in Zweifel zieht) bereits an die 200 zivilen Todesopfer seit Beginn der Militäroffensive gezählt. Dabei haben sich die Kämpfe bisher noch in dünn besiedelten Grenzgebieten abgespielt. Nun aber droht ein Vorrücken der türkischen und protürkischen Einheiten auf die Stadt Afrin und damit ein blutiger Häuserkampf. Spezialeinheiten, die bereits im türkischen Südosten eingesetzt wurden, sollen unter ihnen sein. Das verheißt nichts Gutes. Im Städtekampf mit der PKK haben sie in der Vergangenheit selten Rücksicht auf Zivilisten genommen und die Zerstörung ganzer Stadtteile in Kauf genommen.“ (Daniel Steinvorth: „Erdogans schmutziger Krieg“)

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