Der Wandel der saudischen Gesellschaft, aus der Nähe betrachtet

Der saudische Kronprinz und Reformer Mohammed bin Salman.

„Der zermürbende Stellvertreterkrieg des saudischen Königreichs gegen den Iran und seine Verbündeten im Jemen, seine allzu lange hinausgezögerte Entscheidung, Frauen das Autofahren zu gestatten, und jüngst sein bizarrer Streit mit Kanada wegen der Verhaftung saudischer Aktivisten haben die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Saudis gezogen und erbitterte Diskussionen über die Innenpolitik des Landes ausgelöst. Trotz dieses Interesses gibt es vieles über das Königreich, das man eher selten erfährt. Im Juli war ich zu einer von einem neuen unabhängigen Forschungsinstitut in Riad abgehaltenen Konferenz über die Zukunft Syriens eingeladen. Mein Aufenthalt gestattete mir einen kleinen Einblick in das saudische Sozialgefüge. Die saudische Gesellschaft erwies sich dabei nicht nur als vielfältiger, als sie von außen erscheinen mag, sondern auch als kulturell viel weniger konservativ, als sie einst war.

Allerdings muss festgehalten werde, dass der Wandel gesellschaftlicher, nicht aber politischer Natur ist. Während die saudische Monarchie also die Ausweitung persönlicher Freiheiten gestattet und sogar befördert, bleibt es beim Fehlen politischer Freiheit. Als ich das Land vor 25 Jahren erstmals besuchte, lautete die Parole der Regierung (kaum zu glauben, aber wahr): ‚Saudi-Arabien: Fortschritt ohne Wandel.‘ Ein passender Slogan heute wäre vielleicht: ‚Saudi-Arabien: Liberalisierung ohne Demokratie‘. (…)

Die Anerkennung von Diversität in der saudischen Öffentlichkeit geht mit einer gewissen Maß an religiöser Liberalisierung einher. Weder die saudischen Behörden noch die Öffentlichkeit sind heute so fundamentalistisch, wie sie es noch vor wenigen Jahren waren. Dabei geht es um mehr als die Freigabe des Fahrens für Frauen (meiner eigenen und der Erfahrung meiner saudischen Bekannten zufolge nach wie vor ein eher seltenes Vorkommnis) und die Eröffnung einiger AMC-Kinos in Riad. Noch vor wenigen Jahren begann jedes Gespräch, an dem ich teilnahm, und jedes Fernsehinterview, an dem ich beteiligt war, mit der Formel ‚bismillah al-rahman al-rahim‘ (Im Namen Allahs, des Barmherzigen und Gnädigen). Während meines jüngsten Aufenthalts begann nur ein Redner mit dieser Formel. Wie sehr die strenge öffentliche Einhaltung der religiösen Gebote abgenommen hat, wurde mir besonders deutlich, als ich in Riad spazieren ging und bemerkte, wie sich das Verhalten vieler Leute während der Gebetszeiten verändert hat. Läden und Restaurants bleiben geöffnet und Passanten stellten ihre Gespräche nicht ein. Daran wäre noch vor wenigen Jahren nicht zu denken gewesen – damals stand das Land fünf Mal am Tag vollkommen still. (…)“ (David Pollock: „Seeing Saudi Changes Up Close: A Week’s Worth of Surprises“)

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