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Argentiniens Präsident vergleicht Corona mit Holocaust

Argentiniens Präsident Fernández beim bilateralen Gespräch mitDeutschlands Kanzler Scholz im Rahmen des G7-Gipfels in Elmau
Argentiniens Präsident beim Gespräch mit Deutschlands Kanzler Scholz im Zuge des G7-Gipfels im Juni (© Imago Images / Political-Moments)

In letzter Zeit scheint es bei Politikern unterschiedlichster Couleur wieder in Mode gekommen zu sein, den Holocaust zu den unpassendsten Vergleichen heranzuziehen.

Rund zwei Wochen nachdem der Chef der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, mit seiner im Bundeskanzleramt in Berlin aufgestellten Behauptung, Israel habe »50 Holocausts« verübt, in Deutschland für Empörung gesorgt hatte, hat auch Argentiniens Präsident Alberto Fernández den Holocaust in den Plural gesetzt, um ihn als rhetorisches Mittel zu missbrauchen.

Bei einer Rede auf dem Gipfeltreffen der Gemeinschaft Lateinamerikanischer und Karibischer Staaten (CELAC) in Buenos Aires, das am 18. August zu Ende ging, sprach Fernández über die Zahl der Menschen, die weltweit an COVID-19 gestorben seien und sagte, ihre Anzahl belaufe sich auf »ein bis zwei Holocausts«:

»Wir wissen noch nicht, wie viele an der Pandemie gestorben sind. Nach Angaben der Vereinten Nationen zwischen sechs und zehn Millionen Menschen. Sie forderte zwischen einem und zwei Holocausts. Es sind viele Leute, es ist eine riesige Tragödie.«

Der Präsident fügte hinzu:

»Wir haben es alle auf die gleiche Weise erlebt, denn als die Pandemie auftauchte, wurde die Welt gleich. Die aus dem Norden, die aus dem Süden sind gestorben, die Reichen und die Armen sind gestorben. Wir alle, die hier sind, sind Überlebende der Pandemie. Haben wir nicht die Pflicht, eine bessere Welt zu schaffen, haben wir nicht eine ethische Pflicht, damit die Welt eine andere ist?«

Schon das zweite Mal

Die Delegación de Asociaciones Israelitas Argentinas (DAIA) – der Dachverband der jüdischen Gemeinde Argentiniens – kritisierte die Äußerung umgehend:

»Das systematische Abschlachten von sechs Millionen Juden, das vom Nationalsozialismus praktiziert wurde, kann und sollte nicht mit einer anderen Situation gleichgesetzt werden.«

Waldo Wolff, ein jüdischer Abgeordneter des argentinischen Parlaments, schrieb auf Twitter:

»Wir weisen die Äußerungen des Präsidenten zurück, der die Pandemie erneut mit dem Holocaust verglich. Aus Unwissenheit oder Arglist verletzt er das Andenken aller Opfer.«

Diese »Verharmlosungen« dürften »niemals schweigend hingenommen werden«, so Wolff. Gemeinsam mit zwölf anderen Abgeordneten verfasste er einen Resolutionsentwurf und sandte diesen an die Parlamentspräsidentin. Das argentinische Parlament möge den »trivialisierenden Vergleich« des Präsidenten zurückweisen und ihn auffordern, die Äußerung zurückzunehmen. Im Holocaust seien »absichtlich Verbrechen gegen die Menschlichkeit« verübt worden; ihrer müsse man sich erinnern, und zwar »ohne verharmlosende Vergleiche«.

Erst im Mai dieses Jahres hatte Präsident Fernández die Corona-Pandemie mit dem Holocaust verglichen. Damals sagte er:

»Die Menschheit ist sich dessen, was sie erlebt hat, nicht bewusst. Wir leben in einer Pandemie, mehr als sechs Millionen Menschen sind gestorben, fast die gleiche Anzahl von Menschen, für die wir den Holocaust niemals vergessen werden.«

Schon damals, also vor drei Monaten, hatte sich Wolff in einem offenen Brief an Präsident Fernández gewandt und ihn darauf aufmerksam gemacht, wie unpassend der Vergleich sei. Vergeblich, wie sich nun zeigt. Dabei präsentiert sich Fernández durchaus manchmal gern nachdenklich. Am 27. Januar, dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, twitterte er ein Foto des Eingangstors des Vernichtungslagers Auschwitz, und schrieb dazu:

»Die Erinnerung an den Holocaust verletzt uns und fordert uns als Menschheit heraus. Wir sind das einzige lateinamerikanische Land, das Vollmitglied der International Holocaust Remembrance Alliance ist. Das ist der Wert der Erinnerung; mobilisiert uns, bessere Gesellschaften aufzubauen.«

Statt aber seinen Teil dazu beizutragen, »bessere Gesellschaften« aufzubauen, trägt der Präsident selbst dazu bei, die Trivialisierung des Holocaust respektabel zu machen.

Venezolanischer Medienunternehmer: »Mittagessen mit Hitler«

Fernández ist, wohlgemerkt, kein Radikaler. Noch schockierender war, was Esteban Trapiello, Gründer und Direktor des venezolanischen Pay-TV-Senders La Tele Tuya, vergangenen Montag in dem populären Podcast »Par de Calvos« (»Ein Paar Glatzen«) der Journalisten Pedro Carvajalino und Vladimir Villegas von sich gab. Trapiello bezeichnet sich selbst als »Chavez-Chavista«. Weil er es ablehnt, sich im politischen Spektrum »links« oder »rechts« einzuordnen, fragte ihn Villegas, ob er »lieber mit Adolf Hitler oder Fidel Castro zu Mittag essen« würde (hier ab Minute 20:44).

Trapiello antwortete: »Mit beiden. Mit Hitler, um ihn zu fragen, warum er das, was er tun wollte, nicht zu Ende gebracht hat.« Als er zu erklären begann, warum er sich mit Fidel Castro treffen wolle, unterbrach ihn Villegas und bat ihn, seine Aussage zu erklären.

Trapiello wiederholte: »Er hat nicht zu Ende gebracht, was er tun wollte.« Villegas fragte: »Schluss machen mit den Juden, Schluss machen mit den Kommunisten…?« Worauf Trapiello Unwissenheit vorspielte: »Ich weiß nicht, was er tun würde, er hat Selbstmord begangen. Ich war es damals nicht.« – »Es gab keinen Holocaust? Sind Sie ein Leugner?«, fragte Villegas ihn und stellte klar, dass er der Sohn einer geflohenen Jüdin und eines Kommunisten sei. Darauf sagte Trapiello:

»Jeder erzählt seine Geschichte und ich war nicht in dieser Geschichte. Ich lese nicht, ich schaue Filme. Da die Filme aus Hollywood sind, erzählen sie mir die Geschichte auf eine bestimmte Weise. Die Geschichte hängt davon ab, wer sie erzählt.«

Danach ging das joviale Gespräch mit anderen Themen noch zwanzig Minuten weiter. In dem Interview sprach Trapiello auch darüber, dass Tarek El Aissami ein »politisches Phänomen« und sein »Lebensfreund« sei.

El Aissami steht seit zwei Jahrzehnten in wechselnden Ämtern an der Spitze des venezolanischen Regimes. Wegen Drogenhandels läuft gegen ihn ein Interpol-Haftbefehl, ausgestellt von den USA, die auch ein Kopfgeld von zehn Millionen Dollar für Informationen, die zu seiner Festnahme führen, ausgesetzt haben. El Aissami gilt als Unterstützer der libanesischen Terrororganisation Hisbollah. So passt eines zum anderen: die Nähe zum Iran und den Terroristen und das Leugnen des Holocaust.

Man sollte aber nicht aufgrund dieser Beispiele annehmen, dass Lateinamerika – jahrhundertelang ein Zufluchtsort von Juden, die vor Antisemitismus und wirtschaftlicher Not aus Europa flohen –, was das Verunglimpfen des Gedenkens an den Holocaust betrifft, schlimmer sei als Europa.

Überall auf der Welt ist das Andenken der Shoah unter Beschuss; es wird infrage gestellt oder lächerlich gemacht, weil es Antisemiten ein Dorn im Auge ist, die darin in ihrem blinden Hass und gemäß ihrem Glauben an eine jüdische Weltverschwörung ein jüdisches Herrschaftsinstrument sehen. In Deutschland etwa sind es gleichermaßen Rechtsextremisten und linke Intellektuelle, die einen »Holocaust-Katechismus« oder ein »sakralisiertes Holocaust-Gedenken« beklagen. Die Formen der Angriffe unterscheiden sich von Land zu Land, von Kontinent zu Kontinent; die Stoßrichtung jedoch ist die gleiche.

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