Worüber Deniz Yücel schriebe, wäre er Türkei-Korrespondent …

„Türkei-Korrespondent müsste man jetzt sein. Womöglich müsste man den nach dem ‚Gerechtigkeitsmarsch‘ des Oppositionsführers Kemal Kilicdaroglu und der Verfassungsabstimmung wohlverdienten Urlaub abbrechen, aber das wäre es wert. Man dürfte, ja müsste die Zeitung oder den Sender vollklatschen mit Berichten, Analysen und Kommentaren. Man müsste erläutern, warum es der türkischen Wirtschaft nicht halb so gut geht, wie die teils aufgeblähte, teils erschummelte amtliche Wachstumszahl von fünf Prozent vielleicht vermuten lässt. (…) Zum Beispiel könnte man in der Konzernzentrale von Bosch nachfragen, warum der für die Türkei zuständige Bosch-Manager just an dem Tag, an dem Gabriel in Berlin vor die Presse trat, erklärte, sein Unternehmen werde an den für dieses Jahr geplanten Investitionen in Höhe von etwa 600 Millionen Euro festhalten, und behauptete, in der Türkei sei alles prima, wofür er von den Regierungsmedien gefeiert wurde. Bei dieser Gelegenheit könnte man eruieren, ob die Pressemeldungen zutreffen, wonach in der türkischen Niederlassung von Bosch 25 Mitarbeiter entlassen worden seien, weil sie sich einer Gewerkschaft angeschlossen hätten. Man könnte die Konzernführung fragen, ob sie unter idealen Investitionsbedingungen die Friedhofsruhe einer Diktatur versteht und ob sie sich nicht wenigstens ein bisschen schämt.

Natürlich müsste man diese Frage auch anderen Unternehmen stellen und dabei daran erinnern, dass sich Staatspräsident Tayyip Erdogan neulich vor einem Verein für Außenhandel damit rühmte, dass die Regierung den Ausnahmezustand dazu nutze, Streiks und Arbeitsniederlegungen zu unterbinden – obwohl gemäß der türkischen Verfassung Notstandsdekrete nur im Zusammenhang mit jenen Dingen verkündet werden dürfen, die zur Ausrufung des Ausnahmezustands geführt haben. Gerne würde man von der deutschen Wirtschaft wissen, ob sie diese Erklärung des türkischen Staatspräsidenten als einladend oder als abschreckend empfindet – und was die Bundesregierung dazu sagt. (…) Kurz: Als Journalist könnte ich mir in diesen Tagen keine interessantere und als Bürger dieses Landes keine sinnvollere Aufgabe vorstellen als diese. Ich sag’s ja: Türkei-Korrespondent müsste man jetzt sein. Journalismus ist schließlich kein Verbrechen.“ (Deniz Yücel: „Türkei-Korrespondent müsste man jetzt sein…“)

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