Wochenbericht, 23.7. bis 29.7.2012

Die Nahostberichterstattung österreichischer Tageszeitungen wurde in der vergangenen Woche klar von den aktuellen Entwicklungen im syrischen Bürgerkrieg dominiert. Vierzig Jahre nach dem Anschlag auf die Olympischen Spiele in München 1972 und nur kurze Zeit nach dem Anschlag auf israelische Touristen in Bulgarien sorgte ferner die Terrorgefahr bei den Spielen in London für Schlagzeilen.

Allgemeiner Überblick

In den vergangenen sieben Tagen erschienen in den regelmäßig von MENA ausgewerteten österreichischen Tageszeitungen insgesamt 230 Beiträge mit Bezug zu den Regionen Nordafrika und Naher Osten:

Im Vergleich zur letzten Woche, die sowohl im Hinblick auf die Gesamtzahl der relevanten Beiträge als auch wegen der zahlenmäßigen Dominanz der Presse-Artikel eine Ausnahme war, hat sich dieses Bild wieder dem längerfristigen Durchschnitt angenähert.

Folgende Länder standen dieses Mal im Zentrum des medialen Interesses:

Wochenbericht Tabellen - Wochenbericht - 30Jul12 - Tab2

Syrien war somit wieder das Land, das in der Berichterstattung am häufigsten genannt wurde, und wieder stand auch ein Großteil der übrigen erwähnten Länder im Zusammenhang mit der Syrienkrise. Das galt in erster Linie für den Irak, der nur selten unter den fünf häufigsten Nennungen zu finden ist, betraf aber auch die Erwähnung des Libanon in 27 sowie Jordaniens in insgesamt 15 Artikeln, meist in Verbindung mit dem immer stärker werdenden Flüchtlingsstrom aus Syrien.

Syrien

Galt das Hauptaugenmerk der Berichterstattung über den Bürgerkrieg in Syrien zuletzt der Ausweitung der Kämpfe auf die Hauptstadt Damaskus, so sorgte in dieser Woche das Übergreifen der Auseinandersetzungen auf Aleppo für Schlagzeilen. Die Handelsmetropole und größte Stadt des Landes hatte in der Vergangenheit schon Demonstrationen gesehen, war aber bislang noch von Kampfhandlungen verschont geblieben. Im Laufe der Woche zog das Regime jetzt eine große Menge Truppen rund um die Stadt zusammen. (Presse, 26. Juli 2012; Kleine Zeitung, 26. Juli 2012) Während Rebellen die „Befreiungsschlacht um Aleppo“ ankündigten (Presse, 23. Juli 2012), sprach eine regimetreue Zeitung davon, in der „Mutter aller Schlachten“ würden die „Terroristen“ vernichtend geschlagen werden. (Standard, 28./29. Juli 2012; Kurier, 28. Juli 2012; Kronen Zeitung, 28. Juli 2012). Im Westen machten Warnungen vor einem unmittelbar bevorstehenden „Massaker“ die Runde. (Presse, 28. Juli 2012; Kronen Zeitung, 28. Juli 2012) Besonderen Sinn fürs Dramatische bewies dabei Ban Ki-moon: Als erster UN-Generalsekretär besuchte er im bosnischen Potočari die Gedenkstätte für das Massaker von Srebrenica und forderte anlässlich eines Treffens mit Angehörigen der Opfer von damals „die Weltgemeinschaft in aller Schärfe auf, aus der schändlichen Tragödie von Srebrenica endlich die Lehren zu ziehen“. (Kronen Zeitung, 27. Juli 2012) „Schiebt es nicht länger auf! Handelt!“, so der UN-Generalsekretär. (Presse, 27. Juli 2012)

Gegen Ende der Woche berichteten Zeitungen darüber, Teile der Stadt stünden unter „Dauerbeschuss“ (Kurier, 28. Juli 2012; Kleine Zeitung, 28. Juli 2012). Offenbar setzte das Regime auch Kampfflugzeuge ein, die Luftangriffe auf Ziele in Aleppo flogen. (Kurier, 29. Juli 2012) Bislang hatte das Regime aus der Luft nur Hubschrauber in die Gefechte geschickt, der Einsatz von Kampfjets markiert eine neuerliche Eskalation des Krieges. (Presse, 25. Juli 2012) Angesichts der sich ausweitenden Kämpfe im Land zogen die Vereinten Nationen die Hälfte ihrer 300 Beobachter aus Syrien ab (Standard, 26. Juli 2012) – als ob deren An- oder Abwesenheit noch irgendeinen Unterschied machen würde.

Für eine veritable Eskalation der Lage sorgte derweilen der Sprecher des syrischen Außenministers, als er das Ausland vor einer Einmischung in die „internen Angelegenheiten“ Syriens warnte und mit dem Einsatz chemischer Waffen im Falle einer „Aggression von außen“ drohte. (Standard, 24. Juli 2012, Presse, 24. Juli 2012; Kurier, 24. Juli 2012) Nur einen Tag nach dieser Aufsehen erregenden Stellungnahme folgte das Dementi: Niemals, so erneut der Sprecher des Außenministeriums, werde sein Land chemische oder biologische Waffen einsetzen. (Presse, 25. Juli 2012) Gerüchten zufolge soll dieses Zurückrudern nicht zuletzt auf Druck von Russland erfolgt sein, das Assad wissen habe lassen, dass er „nicht einmal daran denken solle“, derartige Waffen zu verwenden. (Standard, 26. Juli 2012)

Das syrische Gerede über den Einsatz von Chemiewaffen löste jedenfalls in Israel scharfe Reaktionen aus. Bereits zuvor hatte Verteidigungsminister Barak Militäraktionen nicht ausgeschlossen, um die Weitergabe solcher Waffensysteme an die libanesische Terrororganisation Hisbollah zu verhindern. (Presse, 22. Juli 2012) Jetzt stellte Außenminister Liebermann fest: „In the moment we see the Syrians transfer chemical and biological weapons to Hezbollah, this is a red line for us, and from our point of view it’s a clear casus belli.” Dem Standard blieb es vorbehalten, dies auf der Titelseite in die Überschrift “Israel droht Syrien mit Krieg” zu verpacken (Standard, 25. Juli 2012)

Dagegen „erwäge“ ein anderes Nachbarland bloß eine „Militäraktion“ (Standard, 27. Juli 2012): Im Zuge der Konzentration syrischer Truppen rund um Damaskus und Aleppo zog sich die syrische Armee weitegehend aus dem Grenzgebiet zur Türkei im Norden des Landes zurück. Das hieraus entstehende Vakuum versuchen seitdessen syrische Kurden zu nutzen, die einige Städte und Gebiete als „befreit“ und „unabhängig“ erklärten. (Standard, 24. Juli 2012) Die Türkei lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie nicht gewillt ist, neben Irakisch-Kurdistan jetzt noch ein zweites unter kurdischer Kontrolle stehendes Gebiet an ihrer Grenze zu akzeptieren. (Kurier, 26. Juli 2012)

Auf die seltsame „Ausgewogenheit“ des Standard in der Berichterstattung über die israelischen bzw. türkischen Drohungen mit Militäreinsetzen haben wir in unserem Beitrag vom 27. Juli ausführlicher hingewiesen.

Terror und Terrordrohungen gegen Israel

Ein bizarres Nachspiel vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in New York hatte diese Woche der mörderische Terroranschlag vom 18. Juli auf israelische Touristen in Bulgarien: Der iranische UN-Botschafter Mohamed Khasai wies jede iranische Verantwortung für die Bluttat zurück und beschuldigte stattdessen Israel, selbst für die Ermordung seiner Bürger verantwortlich zu sein – in einem Akt des „Staatsterrorismus“ hätte Israel den Bus gesprengt, um anschließend die Verantwortung dafür anderen Ländern in die Schuhe zu schieben. Der stellvertretende israelische UN-Botschafter bezeichnete diese Anschuldigung als „entsetzlich, aber nicht überraschend“ (Standard, 27. Juli 2012) und führte aus, weshalb es sich dabei um ein nur allzu durchsichtiges Ablenkungsmanöver handelt: „In recent months, Israelis were targeted in terrorist attacks and attempted attacks in India, Azerbaijan, Thailand, Kenya, Turkey and, most recently, in Cyprus. Iran and Hezbollah were responsible for each and every one of these acts. This is just one part of a bigger picture. Iran and Hezbollah’s most recent terrorist plots span five continents and at least 24 countries.“ (Rede von Botschafter Haim Waxman, 25. Juli 2012)

Zu all den geplanten und durchgeführten Anschlägen auf Israel kamen noch Nachrichten aus London, wo am Freitag die Olympischen Sommerspiele 2012 eröffnet wurden. Im ganzen Land herrschte hohe Anspannung, weil britische Geheimdienste zum 40. Jahrestag des Anschlags auf die Olympischen Spiele in München 1972 Hinweise darauf hatten, dass Terroristen „einen größtmöglichen Anschlag gegen das israelische Team“ planten. (Kronen Zeitung, 27. Juli 2012)

Das Internationale Olympische Komitee hat sich bekanntlich geweigert, bei der Eröffnungszeremonie in London der 1972 ermordeten israelischen Sportler mit einer Trauerminute zu gedenken. Zu groß war die Angst, es sich mit den arabischen Ländern zu verscherzen. Beachten Sie dazu die folgende Wortmeldung: „Der Sport soll eine Brücke der Liebe, der Verbundenheit und des Friedens zwischen den Nationen sein; er darf keinesfalls als Grund für Zerwürfnisse und die Verbreitung von Rassismus dienen“ – so sprach Jibril Rajoub, der Präsident des palästinensischen Olympischen Komitees und begründete damit, warum es keine Gedenkminute für die ermordeten Israelis geben dürfe. Willkommen in der palästinensischen Parallelwelt, in der es einen Akt des Rassismus darstellt, Menschen zu gedenken, die einzig und allein getötet wurden, weil sie Israelis waren.


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