Wer hat wen angegriffen? Anatomie einer ganz „normalen“ Meldung

Der Standard berichtet in einem kurzen Artikel über die palästinensischen Terrorattacken von gestern. Das hebt ihn immerhin von anderen Medien ab, die über einen weiteren Tag des Terrors gegen Juden kein Wort verlieren. Trotzdem ist der Standard-Bericht symptomatisch für die Unfähigkeit oder den Unwillen, im Grunde simple Sachverhalte auszudrücken, wenn es um die aktuelle palästinensische Terrorwelle geht. Sehen wir uns die Meldung im Detail an.

Schon die Überschrift „Israel: Weitere Messerattacken gegen Polizisten und Zivilisten“ lässt die Frage offen, von wem die Angriffe ausgeführt wurden: Nicht die Messer wollten morden, sondern die Angreifer, die sich ihrer bedienten. Um wen es sich dabei handelte, ging aus der Überschrift aber nicht hervor.
 

„Ein 18-Jähriger“, „eine Frau“

„In Jerusalem sind am Montag weitere Messerattacken auf Israelis verübt worden“. Werden wir jetzt erfahren, von wem? Nein, das wird bestenfalls angedeutet: „Ein 18-Jähriger aus dem Ostteil der Stadt wurde in der Nähe des Löwentores erschossen, nachdem er auf einen Polizisten eingestochen hatte.“ Statt des Mordanschlags auf den Polizisten rückt plötzlich der Umstand in den Vordergrund, dass der potenzielle Mörder an der Vollendung seiner Tat gehindert wurde. Wer war der 18-Jährige „aus dem Ostteil der Stadt“? Ein Israeli? Ein Palästinenser? Ein gewöhnlicher Krimineller? Ein geisteskranker Amokläufer? Ein Terrorist? Man weiß es nicht.

„Unweit einer Polizeizentrale griff außerdem eine Frau einen Ordnungshüter an und verletzte diesen leicht.“ Eine Frau? „Der Mann wehrte den Angriff laut Polizeiangaben ab, die Frau wurde mit Verletzungen ins Krankenhaus gebracht“ Die Frau? Wir befinden uns am Ende des ersten von drei Absätzen der Meldung, und noch immer hat der Standard es geschafft, den Kern der Nachricht zu umgehen: Wieder haben sich Palästinenser aufgemacht, um Juden zu töten.

Das wird auch in weiterer Folge der hier vollständig wiedergegebenen Meldung nicht klar ausgedrückt. „Zwei Palästinenser verletzten kurz darauf zwei junge Israelis mit Messern. Ein Angreifer wurde auf der Flucht verletzt, der andere von Polizisten erschossen.“ Endlich werden die Angreifer als Palästinenser identifiziert. Umgangen wird aber immer noch, dass sie nicht einfach „Israelis“ angriffen, denn dann hätten sie schließlich auch israelische Araber treffen können, sondern Menschen, die sie für Juden hielten und sie deswegen ermorden wollten.
 

Es „kam“ zu einem Angriff

 „Am Abend kam es in einem Bus bei Jerusalem zu einer vierten Attacke, der Angreifer wurde erschossen.“ Es „kam“ zu einer Attacke? Warum wird eine Formulierung verwendet, die die Intention des Angreifers verschweigt, so wie man schreiben würde, es kam zu einem Zusammenstoß zweier Autos, der nicht gewollt war, aber leider passierte? Wer hat angegriffen, wer wurde attackiert?

„Insgesamt gab es seit Anfang Oktober rund 20 ähnliche Zwischenfälle. Sechs Israelis starben im Zuge der Attacken, mehrere Angreifer wurden erschossen.“ Die „Zwischenfälle“ waren Mordanschläge. Ob der Standard auch nur von „Zwischenfällen“ sprechen würde, wenn in der Wiener Innenstadt binnen zweier Wochen Terroristen zwanzig Mal versucht hätten, Menschen zu ermorden?

Die sechs Israelis „starben“ nicht „im Zuge der Attacken“, sondern wurden ermordet. Man beachte die Formulierung: die Opfer der Attacken „starben“, die Mörder hingegen „wurden erschossen“. Nur bei Letzteren wird das Fremdverschulden auch sprachlich hervorgehoben. In diesem Tonfall geht es weiter: „Auch bei Protesten wurden Palästinenser getötet.“ Israelis „sterben“, Palästinenser „werden getötet“.

Und wobei ? Bei „Protesten“? Wogegen wurde „protestiert“? Gegen zu hohe Mieten? Gegen Umweltverschmutzung? Für Frieden und Eintracht? Oder kann es vielleicht sein, dass israelische Sicherheitskräfte mit Steinen und Brandsätzen attackiert worden waren und sich verteidigt hatten?
 

Skandalöse Gleichsetzung

„Die EU warnte beide Seiten vor Eskalation“. Der Klassiker zum Schluss. Die Reaktion der EU auf eine palästinensische Terrorwelle besteht wie immer nicht darin, sich unmissverständlich auf die Seite der Opfer zu stellen und den Judenmord zu verurteilen, sondern von „beiden Seiten“ zu fordern, die Mörder und deren Opfer mögen sich zurückhalten. Wenn es um palästinensische Gewalt gegen Juden geht, stellt derartiger moralischer Relativismus den Normalfall dar.


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