Lässt sich der IS mit Assad bekämpfen?

„Der Westen ist bestrebt gewesen, die im Irak begangenen Fehler in Syrien nicht zu wiederholen; im Klartext: sich nicht in einen unbegrenzten vermeidbaren Krieg im Nahen Osten hineinziehen zu lassen. Folglich hat man mit verschränkten Armen zugesehen, während das Regime Bashar al-Assads friedliche Demonstranten massakrierte, uralte Städte mit Kampffliegern und Giftgas entvölkerte und so einen Exodus verursachte, der Instabilität nach Europa gebracht hat, und es gefährlichen strategischen Gegnern wie dem Iran und Russland gestattete, sich Positionen zu sichern, die die Politik des Westens ihnen in der Vergangenheit vorenthielt. Erst als der Islamische Staat ein Kalifat errichtet hatte und westliche Geiseln köpfte, beschloss man, dass es an der Zeit sei, etwas zu unternehmen. Da er Partner brauchte, bot der Westen Syrern die Gelegenheit, sich an der Niederringung der Terroristen zu beteiligen, deren Aufstieg das Regime seit mehr als einem Jahrzehnt ermöglicht hatte. Im Gegenzug würden wir Assad und seinen Verbündeten – dem Iran, seiner schiitisch-jihadistischen Fremdenlegion und Russland – oder Parteien wie der Kurdischen Demokratischen Einheitspartei (PYD), die als in regimenah wahrgenommen wurden, erlauben, vom Islamischen Staat befreite Gebiete zu erobern. Dadurch wurden die Aufständischen, die mit uns kooperieren wollten, als Söldner wahrgenommen, die die Revolution verraten hatten. So wurde ihre Position unhaltbar, was den Jihadisten nur weitere Gelegenheiten bot.

Die Annahme, dass der Islamische Staat  der seinen Aufstieg als Symptom des von Assad begonnen Kriegs begründete – mit einer begrenzten Antiterrorstrategie, die den breiteren Konflikt außer acht ließ, besiegt werden könnte, war von Anfang an eine Fantasterei. Die kürzlich erfolgte Vermengung des Koalitionskriegs gegen den Islamischen Staat mit dem Bürgerkrieg signalisiert lediglich den Einbruch der Realität. Es handelte sich schon immer um ein- und denselben Krieg. Während die von den USA angeführte Koalition das Kalifat zerstörte, verteilte sie Gebiete an verschiedene Bewerber in Syrien und veränderte dadurch das politische und militärische Gleichgewicht in dem gesamten Krieg – und zwar in erster Linie zu Lasten der Aufständischen, denen der Islamische Staat den größten Teil seines Territoriums abgenommen hatte. Dennoch scheint für viele im Westen eine Sache immer noch ausgemacht zu sein – die in der Realität jedoch nicht aufgeht: ‚Assad ist ein Bösewicht aber der Islamische Staat ist ein Ungeheuer! Sie ertränken Menschen in Käfigen und versklaven Jesiden. Diese mittelalterliche Barbarei muss doch wohl für jeden die oberste Priorität darstellen.‘ Mustafa Khalifas Roman von 2008 – The Shell – zerstört die moralische Illusion einer Wahl zwischen einer jihadistischen Organisation, die in ihrer Brutalität schwelgt, und einem Regime, das stillschweigend ein System von unbeschreiblicher Grausamkeit implementiert, von dessen Ausmaß der Islamische Staat nur träumen kann.“ (Kyle Orton: „Book Review | The Shell“)

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