Mena-Exklusiv

Ein mehr als zweifelhafter „Experte“: Michael Lüders

Von Florian Markl

Die Zeit im Bild 2 brachte am 19. November einen Beitrag, in dem die Rolle der palästinensischen Hamas „im gegenwärtigen Konflikt“ genauer beleuchtet werden sollte. Was darauf folgte, war ein in wahrstem Sinne des Wortes herausragendes Stück Journalismus – wenn auch leider in ausschließlich negativem Sinn.

Um nur zwei Beispiele aus dem Bericht herauszugreifen: Die Behauptung, der einige Tage zuvor bei einer Operation der israelischen Luftwaffe gezielt getötete Militärchef der Hamas Ahmed al-Jabari sei an einem, „endgültigen Waffenstillstand“ mit Israel interessiert gewesen, ist ungefähr so glaubwürdig wie die Meldung, der Papst trete für das Adoptionsrecht homosexueller Ehepaare ein.

Dass al-Jabari „aus einem Haufen wilder Kämpfer eine disziplinierte kleine Armee geformt hat“, ist sogar noch wahnwitziger: Hamas-Kämpfer geben sich weder durch Uniformen zu erkennen, noch tragen sie offen ihre Waffen – beides Erfordernisse des Kriegsrechts. Sie verstecken sich hinter der Zivilbevölkerung des Gazastreifens und machen sie zur Geisel ihrer Aggression gegen Israel. Sie feuern aus dicht besiedelten Gebieten Raketen auf Israel ab. Sie lagern ihre Waffen in normalen Wohnhäusern, Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern. Sie greifen nicht militärische Einrichtungen Israels an, sondern beschießen wahllos israelische Dörfer und Städte und jubeln über jeden verwundeten oder getöteten israelischen Zivilisten. (Dass die Raketen der Hamas es gelegentlich nicht bis nach Israel schaffen, sondern im Gazastreifen auf die eigene Bevölkerung niedergehen bzw. dass sie in Israel auch Palästinenser töten könnten, gehört zu den „Kollateralschäden“ dieser Art von „Kriegsführung“). Jeder einzelne dieser Punkte stellt nach internationalem Kriegsrecht ein Kriegsverbrechen dar. Würde man sich auf die Suche nach einer Gruppe machen, die in fast jeglicher Hinsicht gegen die Anforderungen verstößt, die eine „disziplinierte Armee“ ausmachen, der militärische Arm der Hamas wäre wahrlich nicht das schlechteste Beispiel.

Getoppt wurden diese eklatant falschen Behauptungen nur noch durch die im ZiB 2-Beitrag kaum verhohlene Unterstellung, Israel habe al-Jabari womöglich „ermordet“, gerade weil er dafür eingetreten wäre, „dass der Beschuss durch die Raketen aus dem Gazastreifen ein Ende nimmt“. Wie, so fragt man sich in ungläubigem Staunen, kann man auf derartig infamen Unsinn kommen?
 

Auftritt Michael Lüders

Als in dem Beitrag zum ersten Mal der zur Erläuterung der aktuellen Vorgänge auserkorene „Nahost-Experte“ zu Wort kam, war zumindest diese Frage geklärt. Es gibt in der großen Schar möglicher sachkundiger Interviewpartner kaum jemanden, der weniger zum unabhängigen Fachmann qualifiziert wäre, als Michael Lüders. Denn wenn er in seiner bisherigen „Karriere“ etwas unter Beweis gestellt hat, dann sind dies seine ans Pathologische grenzende Abneigung gegen Israel, seine Besessenheit von der Vorstellung einer Unheil anrichtenden „Israel-Lobby“ und sein nicht minder ausgeprägtes Bedürfnis, die fortdauernde Bedrohung des jüdischen Staates kleinzureden sowie dessen deklarierte Todfeinde in Schutz zu nehmen.

Wer dieses Urteil für zu harsch formuliert hält, dem sei ein Blick in sein dieses Jahr erschienenes Buch „Iran: Der falsche Krieg. Wie der Westen seine Zukunft verspielt“ angeraten. Wie sich dem Titel schon entnehmen lässt, warnt Lüders darin vor einem Krieg gegen Iran. So nennt er jedenfalls mögliche Militärschläge gegen iranische Atomanlagen, die seiner Ansicht nach schon so gut wie sicher beschlossen seien und deren unweigerliche Ausführung nur mehr eine Frage der Zeit wäre. Nun ist Lüders selbstverständlich nicht vorzuwerfen, dass er einen Krieg verhindern wolle, denn das ist, wie ihm auch von Rezensenten des Buches zugestanden wird, eine durchaus ehrenvolle Absicht. „Einen Krieg verhindern – wer würde da nicht spontan zustimmen?“, fragte Helmar Dumbs in der Presse. Aber gerade weil Lüders ein „ehrenwertes Anliegen“ habe, sei das Buch ein „besonderes Ärgernis, denn der Autor verfolgt sein hehres Ziel mit völlig untauglichen, ja geradezu kontraproduktiven Mitteln.“

Dumbs’ Urteil fällt eindeutig aus: „Hätte Lüders die Absicht gehabt, das Lager der Kriegsgegner zu diskreditieren, er hätte es nicht besser machen können.“ Der Autor arbeitete „mit problematischen Vergleichen, unzulässigen Vereinfachungen … und unredlichen Zuspitzungen.“ Wenn Lüders jenen, die er stets als „Kriegstreiber“ bezeichnet, Manipulation vorwirft, so sei es „weder hilfreich noch elegant, selbst manipulativ zu arbeiten.“ Für Sylke Tempel, Chefredakteurin der von der „Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik“ herausgegebenen Zeitschrift Internationale Politik, handelt es sich bei dem Buch um „reine Propaganda“, manche der darin enthaltenen Ausführungen basierten „allein auf Lüders Fantasie“, wie überhaupt „viel Fantasie und wenig seriöse Recherche die Grundlage für dieses Buch“ sei. In den Augen des Politikwissenschaftlers Matthias Küntzel fällt Lüders’ Machwerk in das Genre „Märchenbuch“: „Was auf den ersten Blick wie ein profunder historischer Abriss erscheint, hält einer Quellenprüfung nicht stand“; was Lüders als Fakten präsentiere, erweise sich in mehreren Fällen als „Fiktion, reine Phantasie.“ Mehrfach beziehe er sich zur Untermauerung seiner Argumentation auf Quellen, die auf den ersten Blick seriös wirken, etwa Berichte der New York Times, doch versuche man seine Verweise zu überprüfen, stoße man auf „Erfindungen“ und auf „als Tatsachen verpackte Fiktionen“.

Um einen Eindruck von der „Qualität“ der Lüders’schen Argumentationsweise zu bekommen, mag ein Blick ins Vorwort des Buches dienlich sein, in dem der Autor einige Gründe dafür anführt, warum gegenüber den Begründungen für einen Krieg gegen den Iran Misstrauen und Skepsis angesagt seien, um dann fortzufahren: „Dessen ungeachtet reden die meisten Politiker und Meinungsmacher in Deutschland einem Irankrieg leichtfertig das Wort, betrachten ihn als unabänderlich oder setzen sich damit gar nicht erst auseinander.“ Die Behauptung hat nichts mit der Realität zu tun: Wenn von deutschen Politikern und Meinungsmachern über einen Irankrieg gesprochen wird, so handelt es sich fast ausschließlich um dezidierte Warnungen. Wie Helmar Dumbs festhielt, ist Lüders‘ Behauptung „schlicht Unsinn.“

Aber genau diese Art von „Unsinn“ ist es, die das Buch durchzieht wie ein roter Faden – so „funktioniert das Prinzip Lüders.“ Alles, so Sylke Tempel, „wird so verdreht, dass es in sein Weltbild“ passt, in dem es im Wesentlichen zwei Seiten gibt: Auf der einen befinden sich die „bösen israelischen und amerikanischen Kriegshetzer“, auf der anderen wird das Bild eines „armen, rein defensiven Iran“ gezeichnet. Auf der einen Seite, so kann man weiter ausführen, würden Israel und der Westen (manipuliert von der Macht einer finsteren Israel-Lobby) seit Jahrzehnten auf eine militärische Konfrontation mit dem Iran drängen, weswegen es selbstredend die Schuld des Westens sei, dass es bislang zu keiner Verständigung mit dem Iran gekommen sei. Dem stehe ein „dämonisierter“ Iran entgegen, der in Wirklichkeit „legitime Sicherheitsinteressen“ habe und aus Lüders‘ Sicht „fahrlässig“ handeln würde, wenn er nicht in den Besitz aller zum Bau der Atombombe nötigen Komponenten gelangen wolle.
 

Der unschuldige Iran

Worin soll nun die ungerechtfertigte „Dämonisierung“ des Iran bestehen, die der Vorbereitung eines Krieges diene und von der „Israel-Lobby“ vorangetrieben werde? Laut Lüders basiert sie auf drei Behauptungen: „Erstens: Iran unterstützt Terrorgruppen. Zweitens: Iran greift nach der Bombe. Drittens: Iran sabotiert den Friedensprozess oder … sucht Israel zu ‚vernichten‘.“ Das Sonderbare daran ist, dass das Regime selbst an der iranischen Unterstützung für Terrororganisationen überhaupt keinen Zweifel lässt, dass selbst die lange Zeit sehr zurückhaltende IAEO sich mittlerweile Teherans nukleare Bemühungen nicht anders als mit dem Wunsch nach der Bombe erklären kann und die iranische Führung bei jeder möglichen Gelegenheit ihre grundsätzliche Feindschaft gegen Israel und einen Friedensprozess in der Region kundtut – gerade eben erst brüstete sich das iranische Regime damit, jene Raketen an die Hamas geliefert zu haben, die in der vergangenen Woche auf Tel Aviv und Jerusalem abgefeuert wurden. Jeder dieser drei Vorwürfe trifft somit leider zu – nur in dem Lüders’schen Alternativuniversum besteht „Dämonisierung“ im Hinweis auf die Realität.

Besonders der letzte Vorwurf – der Iran strebe nach der Vernichtung Israels – verdient eine genauere Betrachtung. Wer der iranischen Führung dieses Ziel unterstelle, sei ein Demagoge. Denn: „Die Hardliner in Teheran halten Israel für einen Unrechtsstaat ohne Legitimation.“ Deshalb, so könnte man einwenden, gehört das Ziel der Vernichtung Israels seit der islamischen Revolution zur iranischen Staatsräson und wird auch überhaupt nicht verheimlicht. In Michael Lüders’ Welt sieht die Sache aber natürlich anders aus: Ziel der iranischen Machthaber sei eben nicht „die ‚Vernichtung‘ Israels, sondern ein neu zu schaffender Staat ‚Palästina‘ ohne jüdische Vorherrschaft über Araber und Muslime. Dieses Ziel versuchen sie zu erreichen, indem sie Hamas und Hisbollah unterstützen.“ Sollten Sie das Argument nicht verstanden haben, können Sie beruhigt sein – es gibt hier keines, das rational nachvollziehbar wäre. Selbst die ausgeklügeltste Sophisterei vermag nicht zu erklären, warum ein Staat Palästina, in dem Juden nur eine Minderheit darstellen würden, nicht gleichbedeutend mit der Zerstörung des jüdischen Staates Israel sein sollte. In der Wirklichkeit, in der Michael Lüders sich befindet und in der Israel und der Westen an allem schuld sind, sind die iranischen Vernichtungsdrohungen gegen Israel aber ohnehin nur eine Reaktion, ist „Ahmadinedschads Rabulistik … eine Antwort auf die Kriegsrhetorik in Washington und Tel Aviv“.

Wie völlig gegen die Realität abgedichtet Lüders‘ Fantasiewelt ist, wird an folgendem Argument deutlich: „Im Grunde spielt es keine Rolle, ob sich Iran kooperativ verhält oder nicht. Selbst wenn die iranische Führung dem deutschen Beispiel folgen und aus der Atomenergie aussteigen würde, hieße es vermutlich: Die bluffen doch nur.“ Seit einem Jahrzehnt hat der Iran nicht die geringste Andeutung gemacht, im Atomstreit zu Kompromissen bereit zu sein, aber Lüders behauptet: Selbst wenn der Iran, wofür es keinerlei Anzeichen gibt, bereit wäre, sich ganz anders zu verhalten, als er es tut, würde es nichts bringen, weil der Westen damit nicht zufrieden wäre – wiederrum haben wir es nicht mit einer rationalen Argumentationsweise zu tun, sondern mit kontrafaktischen Spekulationen zur Entlastung des iranischen Regimes.
 

Eklatante Unkenntnis

Fast noch bedenklicher als Lüders Versuche, der Diktatur der Mullahs in jeder nur möglichen Hinsicht Persilscheine auszustellen, ist seine offenkundige Inkompetenz, sobald er auf Israel zu sprechen kommt. Beachten Sie beispielsweise folgende Passage seinem Buch: „Bereits in den 1920er Jahren setzte sich der so genannte ‚Revisionismus‘ innerhalb der jüdischen Frühgemeinschaft in Palästina durch.“ In Wahrheit dauerte es bis in die späten 1970er-Jahre, bis die zionistische Rechte bei Wahlen in Israel erstmals eine Mehrheit gewinnen konnte. Lüders‘ Behauptung ist historisch einfach völlig aus der Luft gegriffen.

Oder nehmen wir diese Sätze: „Im Zuge der Staatsgründung Israels 1948 und des ersten israelisch-arabischen Krieges wurden rund 800.000 Palästinenser aus ihrer Heimat vertrieben.“ Tatsächlich wurden im israelischen Unabhängigkeitskrieg nicht 800.000 Araber zu Flüchtlingen (selbst aller Wahrscheinlichkeit nach überhöhte Schätzungen gehen von einer deutlich kleineren Zahl aus), darüber hinaus wurde nur einer kleiner Teil davon vertrieben, während die große Mehrheit freiwillig das Land verließ, den Evakuierungsaufrufen arabischer Führer folgte oder vor den Kriegshandlungen floh. „Ein palästinensischer Staat, obwohl im UNO-Teilungsplan von 1947 für Palästina vorgesehen, wurde von israelischer und arabischer Seite verhindert.“ Wieder falsch: Die Juden stimmten dem Teilungsplan zu, wohingegen die Araber ihn ablehnten und gegen den entstehenden jüdischen Staat in den Krieg zogen. „Die Vertreibung, ausgeführt von jüdischen Milizen, erfolgte mittels gezielter ‚ethnischer Säuberung‘. Sie wurde maßgeblich vom ersten israelischen Premierminister David Ben Gurion geplant und angeordnet“ – eine ungeheure Behauptung, die keiner seriösen historischen Überprüfung standhält und ausschließlich von anti-zionistischen „Historikern“ wie Ilan Pappe vertreten wird, die offen eingestehen, nicht an historischer Wahrheit, sondern an politischer Propaganda interessiert zu sein.

In dieser Tonart geht es Seite für Seite dahin, nur um zu belegen, dass Israel von Anbeginn an nur auf Vertreibung, Unterdrückung und kriegerischer Expansion beruhe, und zu betonen, wie fürchterlich nicht die „ultranationalistische“ Regierung von Premier Netanjahu sei, der anscheinend auch nichts anderes im Sinn habe, als die Region ständig mit Krieg zu überziehen. (Das jedenfalls behauptete Lüders jüngst in einem Kurier-Interview: „Netanyahu konnte nicht gegen den Iran Krieg führen, wie er wollte. Also warum jetzt nicht im Gazastreifen?“)

Wie Sylke Tempel hervorhebt, ist Lüders‘ Unkenntnis über Israels Geschichte und Gegenwart so eklatant, dass eigentlich nur „rätselhaft bleibt …, wie er sich den Ruf eines ‚Experten‘ erworben haben mag“. Woher Lüders all seine faktischen Unwahrheiten hat, wird allerdings verständlich, wenn man einen Blick auf die am Ende seines Buches empfohlene Liste weiterführender Literatur wirft: Darin findet sich kein einziges Buch, das als seriöse Darstellung israelischer Geschichte dienen könnte, dafür aber jede Menge israelfeindlicher Propaganda aus der untersten Schublade.
 

Persönliche Interessenkonflikte

Lüders‘ Weißwaschungsversuche der iranischen Diktatur und seine fachliche Inkompetenz in Sachen Israel allein sollten schon Grund genug für den ORF und andere Medien sein, ihn nicht als „Nahost-Experten“ für ihre Berichterstattung zu Rate zu ziehen. Dazu kommt aber noch ein wichtiger Punkt: Seine kaum verhohlene Parteilichkeit kann nicht unabhängig davon gesehen werden, dass hier ganz handfeste wirtschaftliche Interessen im Spiel sind: Auf seiner Homepage empfiehlt er sich Wirtschaftsunternehmen ganz offen als „Nahostberater“, der Firmen, „die sich im Nahen und Mittleren Osten engagieren oder bestehende Geschäftsfelder erweitern möchten“, seine fachkundige „Begleitung“ anbietet und für „Kontaktvermittlung zu Entscheidungsträgern“ in der Region sorgen könne. Darüber hinaus ist er Mitglied im Beirat des „Nah- und Mittelostvereins NUMOV“, der sich Matthias Küntzel zufolge aktiv gegen Wirtschaftssanktionen gegen den Iran einsetzt.

„Bei Lüders“, bemerkt Küntzel, „sind nicht nur Fiktionen und Fakten, sondern auch Berufsinteressen und ‚Expertisen‘ vermixt. Ihn als ‚Nahostexperten‘ vorzustellen, ohne seine Berufstätigkeit als Nahost-Wirtschaftslobbyist zu erwähnen, kommt einem Etikettenschwindel gleicht.“


Schreiben Sie einen Kommentar

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.


Login