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Musiker Xavier Naidoo: Ein Wahnwichtel mit Aluhut, der nun geächtet wird

Protest vor einem Xavier-Naidoo-Konzert in München
Protest vor einem Xavier-Naidoo-Konzert in München (© Imago Images / Overstreet)

RTL und ProSieben haben die Zusammenarbeit mit Xavier Naidoo aufgekündigt – besser spät als nie, könnte man sagen. Doch der Verschwörungsideologe, der sich immer stärker radikalisiert, hat eine große Fangemeinde und wird weitermachen. Seine Kolleginnen und Kollegen im Kulturbetrieb halten sich mit Kritik derweil zurück, statt ihm die Grenzen aufzuzeigen.

Lange hat es gedauert, doch schließlich hatte man auch bei den Verantwortlichen des Senders RTL die Nase voll von Xavier Naidoo.

Anfang März hatte der Sänger mit der unübersehbaren Neigung zu Verschwörungsideologien, Antisemitismus in Songtexten und „Reichsbürger“-Fantasien über den Messenger-Dienst Telegram mehrere kurze Videos veröffentlicht, in denen er recht unverblümt über eine angeblich von Geflüchteten ausgehende tödliche Gefahr in Deutschland rappt („Aber was, wenn fast jeden Tag ein Mord geschieht, bei dem der Gast dem Gastgeber ein Leben stiehlt?“), das Fehlen eines starken Führers bedauert („Weit und breit ist hier kein Mann, der dieses Land noch retten kann“) und gesellschaftliches Engagement gegen Rassismus und Neonazismus als „peinlich und deutschlandfeindlich“ bezeichnet.

RTL zeigte sich darüber in einer Erklärung erst „irritiert“ und teilte schließlich mit, auf Naidoos Dienste als Juror in der populären Fernsehshow „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) künftig zu verzichten. Später zog der Sender ProSieben nach. Via Twitter kündigte er an: „Der Sänger mit dem Aluhut wird nie wieder mit seiner Musik in unseren Shows sein. Nie wieder.“

„Noch einmal ins Fernsehen kommen“

Ende März meldete sich der 48-Jährige erneut zu Wort, diesmal in einem Interview des Verschwörungsideologen Oliver Janich. Darin sagt er unter anderem, er habe sich „die Reichweite von RTL zunutze gemacht“, weil er davon ausgegangen sei, nach dem Erscheinen seines nächsten, „patriotischen“ Albums nicht mehr die Gelegenheit zu bekommen, in einer Show wie DSDS mitzumachen.

Er müsse aber „trotzdem einfach weiterhin zu meiner Meinung stehen und meine Meinung sagen können“, lässt er die Zuseher wissen – als hätte ihm das jemand untersagt und als hinge das vom Fernsehen ab.

Es folgen Äußerungen, die von Naidoo in ähnlicher Form schon häufiger zu hören waren, etwa über die angeblich fehlende Souveränität Deutschlands und das dortige vermeintliche „Unrechtssystem“, das man nicht per Wahl legitimieren solle, über „Bilderberger“, die „Mainstreammedien“, eine „Atlantikbrücke“ und andere Themen der Rechten, „Reichsbürger“, Antisemiten und Konspirationsfantasten. In einem weiteren Videoclip führt er aus, dass für ihn SPD und Linkspartei „die neuen Faschisten“ seien.

Naidoos Wahnwichtelei ist nicht neu

Das alles ist krudester Unfug aus einem Paralleluniversum und Wahnwichtelei par exellence, es kommt aber im Duktus und Habitus des mutigen Aufklärers daher, der ja nur unterdrückte Wahrheiten ausspricht. So ist Xavier Naidoo schon länger, wie jeder wissen kann, der es wissen will und in den vergangenen Jahren nicht weggeschaut oder weggehört hat.

In seinem Song „Raus aus dem Reichstag“ aus dem Jahr 2009 beispielsweise geht es um „Baron Totschild“, eine Chiffre für die in den Augen von Antisemiten übermächtige jüdische Bankiersfamilie Rothschild. Im Jahr 2011 behauptete der Barde im Morgenmagazin der ARD, Deutschland sei „immer noch ein besetztes Land“. Drei Jahre später sprach er in Berlin auf einer Kundgebung von „Reichsbürgern“ und Neonazis.

Als der NDR im Jahr 2015 trotzdem beschloss, Naidoo ohne Vorausscheidung als deutschen Kandidaten zum Eurovision Song Contest zu schicken, hagelte es Proteste, und das überaus fragwürdige Vorhaben wurde schließlich fallen gelassen.

Doch statt diesen Schritt zu begrüßen, solidarisierten sich über 100 prominente Sänger, Schauspieler, Comedians und Journalisten öffentlich mit dem Musiker – in einer kostenträchtigen ganzseitigen Anzeige in der FAZ mit dem Titel „Menschen für Xavier Naidoo“. Dazu gehörten unter anderem Jan Delay, Mario Adorf, Andreas Gabalier, Til Schweiger, Heinz Rudolf Kunze, Jan Josef Liefers und Atze Schröder. Das Armutszeugnis, das sich bedeutende Teile des deutschsprachigen Kulturbetriebs da selbst ausstellten, hätte kaum finsterer sein können.

Antisemitische Klischees

Naidoo machte jedenfalls weiter: Vor knapp drei Jahren veröffentlichte er einen Song mit dem Titel „Marionetten“, in dem „Puppenspieler“ die Fäden ziehen – ein altes antisemitisches Klischee – und in dem es vor nicht misszuverstehenden Anspielungen auf „Lügenpresse“ und „Volksverräter“ (die Naidoo gerne „in Fetzen reißen“ würde), Verschwörungsfantasien, vermeintlich pädophilen Politikern und der Reichsbürger-Ideologie nur so wimmelt.

Wer ihn dafür einen Antisemiten nennt, muss allerdings damit rechnen, von ihm juristisch belangt zu werden – und vor Gericht zu verlieren, wie eine Fachreferentin der Amadeu Antonio Stiftung erfahren musste. Naidoo weiß sich beizeiten als Gegner von Rassismus und Judenhass zu inszenieren, wenn es ihm situativ nützt.

Selbst die Polizei hält ihn für „völlig hirnverbrannt“

Seinem Ruhm hätten die politischen Auslassungen und Betätigungen jedenfalls nie geschadet, „und jedes Mal, wenn er damit durchkommt, dreht er etwas weiter auf“, schrieb Steven Geyer bereits vor rund fünf Jahren in einem lesenswerten Beitrag für die Frankfurter Rundschau. Auch bei seinen Konzerten trage er inzwischen das „Freiheit für Deutschland“-Shirt, mit dem er 2014 bei der „Reichsbürger“-Kundgebung aufgelaufen war.

Naidoo sei „wie der eigentlich liebenswerte Onkel, der leider bei jedem Treffen früher oder später anfängt, wirres Zeug zu reden, das er sich mit Halbwissen aus dem Fernsehen und von halbgaren Internetseiten zusammenreimt und dem wir nicht einmal dann laut widersprechen, wenn er wieder mal über die Allmacht der Juden schwadroniert. Kann er ja nicht so meinen, so nett wie er ist.“ Irgendwann tauche er dann „angetrunken auf einer Polizeiwache auf, um den Bundespräsidenten wegen Hochverrats anzuzeigen, weil er wieder irgendwas im Internet gelesen hatte“.

So war es bei Naidoo tatsächlich, wie Geyer berichtet: Der Sänger habe nach eigenen Angaben im Jahr 2010 „über ein paar Leute gelesen, die das damalige Staatsoberhaupt, Horst Köhler, anzeigten, weil er geholfen habe, in Deutschland ‚ohne verfassungsrechtliche Legitimation‘ den Euro einzuführen“. Naidoo sei daraufhin zur nächsten Polizeiwache gegangen, um sich anzuschließen. Als er dann mit einer Alkoholfahne den Polizisten von Horst Köhlers angeblichem Hochverrat habe berichten wollen, hätten diese immer „Hochfahrrad“ verstanden und ihn, wie Naidoo selbst sagt, für „völlig hirnverbrannt“ gehalten.

Ein provozierter Rauswurf?

Für diese Erkenntnis der Polizeibeamten brauchten die Fernsehsender, bei denen der Mannheimer regelmäßig auftrat, deutlich länger. Und Sony Music begann noch im Sommer des vergangenen Jahres mit der Kooperation.

Denn die Fangemeinde des Sängers ist groß – alleine bei Facebook beläuft sie sich auf mehr als 1,4 Millionen Menschen –, und das ganz gewiss nicht nur trotz der abstrusen Weltsicht ihres Idols, sondern gerade deswegen. Sie hat jedenfalls für starke Einschaltquoten und gute Verkaufszahlen gesorgt, deshalb hat man die Hetze von Naidoo lange Zeit genauso ignoriert wie die Kritik daran. Das ist die eigentlich befremdliche Nachricht, denn Naidoo ist nichts ohne diejenigen, die ihn massenwirksam werden lassen.

Sorgt der Rückzug von RTL und ProSieben nun also dafür, dass die Popularität von Xavier Naidoo sinkt? Beim Redaktionsnetzwerk Deutschland nimmt man einen „provozierten Rauswurf“ und eine „gezielte PR-Aktion“ des Musikers für sein neues Album an.

Thorsten Hindrichs von der Universität Mainz schlägt in die gleiche Kerbe. In einem lesenswerten Text von Stefan Lauer auf dem Portal Belltower, das zur Amadeu Antonio Stiftung gehört, wird der Musikwissenschaftler mit den Worten zitiert: „Naidoo macht PR für sein neues Album. Ich gehe zwar davon aus, dass einige seiner alten Fans seine Radikalisierung nicht mitmachen wollen, aber dafür wird er sich neue erschließen.“ Noch spannender sei es jedoch, „ob und wie sich Sony Music als Vertriebspartner für Naidoos Label Naidoo Records verhalten wird“.

Was ist mit seinen Verteidigern?

Und was ist mit den vielen Big Shots, die Ende des Jahres 2015 viel Geld bezahlten, um als „Menschen für Xavier Naidoo“ in der FAZ ihren Schulterschluss anzuzeigen? Hat irgendjemand von ihnen kundgetan, sich geirrt zu haben, kritischer als damals zu sein oder auf Distanz gehen zu wollen? Teilweise ist das genaue Gegenteil der Fall: Andreas Gabalier etwa besingt gerne gemeinsam mit Naidoo den angeblichen Verlust der Meinungsfreiheit, und Til Schweiger hat sich nach dem Rauswurf von Naidoo bei RTL erneut mit dem Sänger solidarisiert.

Von den anderen sind manche vielleicht so peinlich berührt, dass sie am liebsten gar nicht mehr über den störrischen, der Realität entrückten Kollegen sprechen wollen, der ganz aktuell auch noch die Verschwörungserwählung verbreitet, ein weltweiter Pädophilenring foltere und töte rituell Kinder. Man darf diese Kulturbetriebsnudeln allerdings nicht so einfach davonkommen lassen. Sie haben Naidoo schließlich ermutigt, statt ihm öffentlich die Grenzen aufzuzeigen.

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