Was den Investoren in der Türkei Sorgen bereitet

„Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan steht bedauerlicherweise zu seinem Wort. Er hatte im Wahlkampf versprochen, die Geldpolitik in höherem Maße selbst steuern zu wollen. Gesagt, getan. Er hat das türkische Auffangnetz endgültig durchtrennt und man kann in dem Land nun praktisch nicht mehr investieren. (…) Am Montag erklärte Erdogan, sein Schwiegersohn Berat Albayrak werde ein neues Superfinanzministerium leiten. Damit sind alle Hoffnungen auf eine vernünftige und verantwortliche fiskalische Politik hinfällig. Zudem hat Erdogan sich selbst die Vollmacht erteilt, den Gouverneur der Zentralbank zu ernennen und kann so seine unorthodoxe Ansicht durchsetzen, dass höhere Leitzinsen die Inflation beschleunigen. Die schmerzliche Reaktion der Märkte am Dienstag dürfte erst der Anfang gewesen sein. Der Wert der Lira dem Dollar gegenüber verringerte sich weiter, zehnjährige Renditen stiegen auf mehr als siebzehn Prozent, und der Bankensektor führte mit 3,7 Prozent die Verlustliste an. Dass die Ratingagenturen die neuen politischen Realitäten in der Türkei nicht zum Anlass nehmen sollten, die Bonität der Türkei auf Ramsch herabzustufen, ist kaum vorstellbar. (…)

Die Eckdaten, an denen Investoren sich zu ihrer Absicherung orientieren könnten, scheinen hoffnungslos. Der neue Haushalt dürfte darauf hinauslaufen, dass Albayrak den Geldhahn aufdreht, um die Ausgaben in Gegenden wie den Großstädten zu steigern, wo die Unterstützung der herrschenden APK bislang nicht so stark gewesen ist. Die nächste Sitzung der Zentralbank am 24. Juli böte eine Gelegenheit, die Preissteigerungen durch eine Erhöhung der Leitzinsen zu begrenzen. Dass Erdogan eine Erhöhung genehmigt, ist aber schwer vorstellbar. Womöglich wird er sogar eine Senkung der Leitzinsen fordern. Die Inflation stieg im Juni auf 15,4 Prozent. Das Vorgehen der Regierung und die schwächere Währung dürften sie weiter in die Höhe treiben.

Noch könnte der Präsident sich umentscheiden. Immerhin hat er seit letztem April die Erhöhung der Leitzinsen um fünf Prozentpunkte gestattet. Demnach ist er gegen die Implikationen der abrutschenden Lira in einer Situation, in der die Türkei aufgrund ihres massiven Leistungsbilanzdefizits massiv vom Dollar abhängig ist, nicht völlig immun. Doch angesichts seiner absurden Ansichten zur Geldpolitik und seiner jüngsten Entscheidungen sollte man sich wohl nicht allzu viele Hoffnungen machen. (…) Das Schicksal der Türkei liegt vollständig in Erdogans Händen. Und genau das bereitet den Investoren Sorgen.“ (Marcus Ashworth: „Erdogan’s New Dynasty Makes Turkey Uninvestable“)

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