Universität München: Neuauflage des Antisemitismusstreits von 1879

„Nach heftigen Protesten hat die Veranstaltung mit dem Titel ‚Israel, Palästina und die Grenzen des Sagbaren‘ am 7. November im Hauptgebäude der LMU stattgefunden. Überraschungen gab es keine. Der Lehrbereich Meyen der LMU präsentierte eindrücklich eine Neuauflage des Antisemitismusstreits von 1879 – und positionierte sich in der Debatte eindeutig. Es wird still im Saal, als Michael Meyen, Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU, ans Mikrophon tritt. Der Hörsaal ist brechend voll, viele müssen stehen. Im Vorfeld hatte die Veranstaltung viel Kritik geerntet. Ein gutes Dutzend Organisationen warfen der Veranstaltung Antisemitismus oder eine Nähe zur Israelboykott-Bewegung (BDS) vor. (…)

Meyen, dessen Lehrbereich die Veranstaltung ausrichtet, ist die Nervosität leicht anzusehen. Er eröffnet mit Verweisen auf wissenschaftliche Kapazitäten, um die Folgen staatlichen Eingreifens in den öffentlichen Diskurs darzustellen. Als erstes wählt Meyen den Volkswirtschaftler Albert Schäffle (1831-1903), der durch das Werk ‚Bau und Leben des sozialen Körpers‘ 1881 auffällig wurde. (…) Tatsächlich hatte Schäffles Buch seinerzeit Furore gemacht – als ein maßgebliches Werk zur Begründung des modernen Antisemitismus nämlich. In ‚Bau und Leben des sozialen Körpers‘ entwickelt Schäffle den ‚socialen Parasiten‘, der sich die Arbeitskraft und das Vermögen seines Wirts zunutze mache, ohne selbst etwas dazu beizusteuern. Als besonders gefährlichen Teil dieses ‚Sozialschmarotzertums‘ bezeichnete er in seinem Werk die im Kreditwesen tätigen, ‚wuchernden‘ Juden. In jüngeren Auflagen kommen die Juden nicht mehr vor, dennoch bleibt in Schäfflers Ideologie und Buch der strukturelle Antisemitismus erhalten – selbst wenn Juden nicht mehr explizit erwähnt werden. (…)

Der Journalist Andreas Zumach vom ‚Bündnis zur Beendigung der Israelischen Besatzung‘ (BIB) schließt mit dem Hauptvortrag an – und leitet mit seiner Einschätzung ein, wo die Grenze des Sagbaren in jedem Falle für ihn verlaufe: ‚Wer mich mit der Absicht der Verleumdung falsch zitiert, der bekommt großen Ärger, das sage ich in aller Klarheit, das wird viel Geld kosten.‘ Er habe gute Anwälte, fügt er hinzu. (…) Der ‚inflationäre […] Antisemitismusvorwurf‘ dieser Kampagne banalisiere zudem ‚Antisemitismus und Judenfeindlichkeit‘. Und damit auch den Holocaust. Ergo sei ‚diese Anti-Antisemitismus-Kampagne im Grunde eine antisemitische Anti-Antisemitismus-Kampagne in ihrer Wirkung‘, stolpert Zumach durch einen sperrigen Argumente-Friedhof. Antisemitismus könne Zumach hingegen in den ‚antisemitischen Tiraden‘ von Trump, Orban, Erdogan, Putin und Nethanjahu gegen den ‚ungarischen Juden Georg Soros‘ erkennen, in denen sich das judenfeindliche Stereotyp des ‚raffgierigen Juden‘ zum ‚Teil auch fortsetzt‘. Der israelische Präsident Benjamin Netanjahu also auch ein Antisemit, Haken dran. Ausgiebig beschimpft Zumach an diesem Abend seine Kritikerinnen und Kritiker. (…)

Die Veranstaltung fiel nicht hinter die Erwartungen zurück. Bereits einleitend wurde die ‚Grenze des Sagbaren‘ ausgelotet, indem ein glühender Antisemit und Emporkömmling des Berliner Antisemitismusstreits (1879-1881), Albert Schäffle (Buchveröffentlichung 1881), als Opener herangezogen wurde. Schäffle war in dieser Debatte ohne Frage antisemitisch positioniert – an seine Tradition knüpfte die Veranstaltung heute an.“ (Bericht auf Schlamassel Muc: „Münchner Antisemitismusstreit 2018: LMU-Lehrbereich bekennt Farbe“)

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