Warum immer mehr Türken ihre Heimat verlassen

„Deutsche Sprachlehrer in Istanbul berichten, sie könnten sich vor Anfragen nicht mehr retten, das gilt auch für das Goethe-Institut. Vor allem Akademiker wollen weg, Ärzte, Ingenieure, Computerfachleute. Ein junger Arzt sagte der Süddeutschen Zeitung: ‚Ich gehe nicht wegen des Geldes, ich verdiene hier genau so viel wie in Deutschland.‘ Es sind die politischen Umstände, die der Mann beklagt, weshalb er in der Zeitung auch namenlos bleiben will. Schon wegen ein paar Tweets, in denen Präsident Recep Tayyip Erdoğan kritisiert wird, wurden Menschen festgenommen. Der Mann sagt: ‚Dass bei uns Wikipedia gesperrt ist, ist doch verrückt.‘ Der Exodus trifft die türkischen Universitäten, wo zuletzt ohnehin viele Forscher entlassen wurden. Denen warf man entweder Sympathien für die Putschisten vom 15. Juli 2016 vor, oder für die verbotene kurdische PKK. Ein Politikprofessor, der eine Weile im Gefängnis verbringen musste, erzählt, sein Sohn sei mit Frau und Kind nach London gezogen. Der Professor selbst hat Reiseverbot. Ein anderer Professor hat in Istanbul seine Wohnung verkauft, er lebt nun in Griechenland. Es gibt viele solche Geschichten jetzt.

Erdoğan wetterte schon im März 2018 gegen die Auswanderer: ‚Wir sollten ihre Tickets bezahlen und sie ins Flugzeug setzen. Solche Bürger sind nichts als eine Last für unser Land.‘ Und denen, die ihr Kapital außer Landes brächten, würde man ‚nicht vergeben‘. Nach Zahlen des türkischen Statistikamts zogen 2017 mehr Türken weg als zu: genau 11 554. Im Jahr davor sah es noch anders aus, da kehrten 37 726 mehr Menschen in die Türkei zurück als weggingen. Inzwischen ist der Verlust von Akademikern wohl doch zu schmerzhaft geworden, schließlich möchte die Türkei selbst Hochtechnologieland werden: Rückkehrern in gefragten Branchen werden Sondergehälter versprochen. Davon lassen sich bislang nur wenige locken.“ (Bericht in  der Süddeutschen Zeitung: „Die Türkei erlebt eine neue Auswanderungswelle“)

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