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Der Terror in Jerusalem und die Medien

Ort des Terrors in Jerusalem. (© imago images/ZUMA Wire)
Ort des Terrors in Jerusalem. (© imago images/ZUMA Wire)

Einebnung moralischer Unterscheidungen, dumme Floskeln, absurde Perspektiven: Nach dem Terror in Jerusalem ist bei vielen Medien alles beim Alten.

Was über das vergangene Wochenende alles in Israel geschehen ist, stellte sich in einem Bericht in der Hauptnachrichtensendung des ORF letzten Sonntag folgendermaßen dar:

»Die jüngsten Eskalationen, sie beginnen mit einer Razzia des israelischen Militärs im Westjordanland. Zehn Palästinenser kommen dabei ums Leben. Darauf folgen in Jerusalem zwei Terroranschläge von Palästinensern. Auch hier gibt es Tote.« (ZiB 1, 29. Januar 2023)

Die Darstellung suggerierte eine Abfolge von Aktion und Reaktion: Gewalt der einen Seite sei mit Gewalt von der anderen Seite beantwortet worden. Dies wurde später am Abend in einer weiteren Sendung noch einmal betont:

»Am Sonntag tötete ein Palästinenser sieben Menschen vor einer Synagoge, am Donnerstag töteten israelische Soldaten bei einer Razzia zehn Palästinenser.« (ZiB 2, 29. Januar 2023)

In beiden Meldungen wurde betont, dass beim israelischen Militäreinsatz Palästinenser »ums Leben gekommen« bzw. »getötet« worden waren, die Opfer der palästinensischen Terroranschläge wurden im Gegensatz dazu nicht klar benannt. Stattdessen »gab es Tote« bzw. wurden »Menschen« getötet.

Dass die Opfer des palästinensischen Terrors Juden waren, war freilich nicht das Einzige, das unerwähnt blieb. Durch die bloße Schilderung der zeitlichen Abfolge der Ereignisse wurde der fundamentale Unterschied zwischen ihnen eingeebnet und die »Gewalt der einen Seite« mit der »Gewalt der anderen Seite« qualitativ auf eine Stufe gestellt. Doch was war tatsächlich geschehen?

Dschenin und Jerusalem

Am Donnerstag hatten die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) einen Einsatz in Dschenin durchgeführt, das neben Nablus die zweite Hochburg des Terrors im Westjordanland ist. Terrorgruppen wie der Palästinensische Islamische Dschihad können dort ungehindert von den Sicherheitskräften der Palästinensischen Autonomiebehörde agieren und ihre blutigen Angriffe auf Israelis vorbereiten. Insbesondere im vergangenen Jahr gab es einen massiven Anstieg an Terrorattacken, die im Westjordanland ihren Ursprung hatten.

Die IDF, die auf der Suche nach drei bereits an mehreren Anschlägen beteiligten Mitgliedern des Islamischen Dschihads waren, wurden von Anfang an von Terroristen mit Schusswaffen, Bomben und Brandsätzen attackiert. Die Folge war ein mehr als dreistündiges Feuergefecht, bei dem neun palästinensische Terroristen getötet wurden. Berichten zufolge soll auch mindestens eine Zivilistin ums Leben gekommen sein. Dass es sich bei der überwiegenden Mehrzahl der getöteten Palästinenser tatsächlich um Terroristen gehandelt hat, belegen die in solchen Fällen üblichen Märtyrerehrungen, die von Terrorgruppen via Social Media verbreitet wurden. Auf mehreren palästinensischen Twitter-Kanälen wurden darüber hinaus auch Aufnahmen von den überaus intensiven Kämpfen verbreitet.

Nach allen vorliegenden Informationen war die IDF-Aktion in Dschenin am Donnerstag ein legitimer Antiterroreinsatz, bei dem die Soldaten sich verteidigten, nachdem sie massiv unter Beschuss gekommen waren. Dass in Anbetracht der engen örtlichen Gegebenheiten nicht noch mehr Zivilpersonen in Mitleidenschaft gezogen wurden, deutet auf das umsichtige und unter diesen Umständen zurückhaltende Agieren der Soldaten hin.

Die Attacke des 21-jährigen Palästinensers in Jerusalem am Freitagabend war im Gegensatz dazu die Tat eines Terroristen, der vor einer Synagoge gezielt das Feuer auf Juden eröffnete, um so viele wie möglich zu ermorden.

Im einem Fall handelte es sich bei den Getöteten also um bewaffnete Terroristen, die Soldaten attackiert und sich damit zu legitimen Zielen in einem von ihnen begonnen Gefecht gemacht hatten, im anderen Fall dagegen um völlig unschuldige Zivilisten, deren einzige »Schuld« darin bestand, Juden zu sein. Von den konkreten Umständen so zu abstrahieren, dass am Ende nur »Tote auf beiden Seiten« übrigbleiben, wie der ORF es in den eingangs zitierten Meldungen getan hat, bringt wesentliche moralische Unterscheidungen zum Verschwinden und setzt Terroristen mit Opfern von Terror gleich.

Die »Siedlung« Neve Yaakov

In fast allen Berichten über den Anschlag am Freitag war davon die Rede, die Gewalttat habe sich »in einer Siedlung in Ostjerusalem« ereignet, gelegentlich noch erweitert um die Betonung, dass es sich um eine »jüdische Siedlung« (Kurier, 28. Januar 2023) handle und solche »Siedlungen« international als »illegal« erachtet würden.

In Wahrheit existierte Neve Yaakov, wo sich die Bluttat ereignet hat, schon bevor es den Staat Israel gab. Die damals landwirtschaftliche Gemeinde wurde 1924 völlig legal auf Land gegründet, das arabischen Bewohnern von Beit Hanina abgekauft worden war. Außer arabischen Nationalisten und Judenhassern wäre niemand auf die Idee gekommen, irgendetwas daran für »illegal« zu halten, zumal damals die Vorstellung eines »arabischen Ost-Jerusalem«, in dem Juden nicht zu leben hätten, noch unbekannt war.

Die rund hundert Bewohner von Neve Yaakov wurden im Zuge der arabischen Unruhen 1929 zum ersten Mal von arabischen Nachbarn attackiert und der Ort wurde während des arabischen Aufstands in den Jahren 1936 bis 1939 aus den umliegenden arabischen Dörfern regelmäßig beschossen. Im Zuge des israelischen Unabhängigkeitskriegs war Neve Yaakov eine der jüdischen Ortschaften im Umland Jerusalems, deren Einwohner nach Warnungen durch die Briten vor der herannahenden jordanischen Armee flüchteten. Das Dorf wurde von den Jordaniern vollständig zerstört.

Wie das gesamte von Jordanien kontrollierte Gebiet des ehemaligen Mandats Palästina blieb auch Neve Yaakov bis zum Sechstagekrieg grundsätzlich für Juden verschlossen. Keiner der früheren Bewohner konnte zurückkehren – und niemand in der sogenannten internationalen Gemeinschaft wäre je auf die Idee gekommen, ein »Rückkehrrecht« für sie zu fordern.

Erst nach dem Sechstagekrieg konnten Juden wieder auf das Gebiet des früheren Neve Yaakov ziehen, das heute zum Stadtgebiet von Jerusalem gehört. Die Bezeichnung des Ortes als »illegale Siedlung« mutet angesichts seiner tatsächlichen Geschichte zynisch an, wird mit dieser pejorativen Ausdrucksweise doch implizit zum Ausdruck gebracht, dass er – wie das angeblich traditionell »arabische Ost-Jerusalem« – gefälligst so »judenrein« zu sein habe, wie er von den Jordaniern einst gemacht wurde.

Warnungen vor der »Eskalation«

Wie jedes Mal, wenn palästinensische Terroristen ein Blutbad unter Israelis anrichten, wird in den hiesigen Medien die Floskelmaschine angeworfen. Dann taucht die unvermeidliche »Gewaltspirale« genauso auf wie die Warnung, jetzt drohe eine »Eskalation«.

Denn nach der Logik vieler Medien stellt nicht etwa das tödlichste palästinensische Massaker an Israelis seit mehr als zehn Jahren bereits eine »Eskalation« dar, sondern diese findet erst statt, wenn Israel die blutige Gewalt nicht einfach über sich ergehen lässt und Schritte gegen die ausufernde palästinensische Gewalt unternimmt. So kommen dann Sätze wie jener im gestrigen Kurier zustande: »Jetzt wird eine Gewalt-Eskalation in Nahost befürchtet«, der freilich von den Salzburger Nachrichten vom Vortag getoppt wurde: »Die Gewaltspirale schürt Befürchtungen vor einer weiteren Eskalation.«

Wie absurd der Blick auf Israel im Zuge dessen werden kann, stellte der ORF am Freitagabend unter Beweis. In der ZiB 2 wurde allen Ernstes behauptet, dies seien »die tödlichsten Tage im Nahen Osten seit vielen Jahren«. Am selben Tag hatte die Organisation für das Verbot chemischer Waffen bekannt gegeben, dass ihrer Untersuchung zufolge das syrische Regime für einen Giftgaseinsatz im April 2018 verantwortlich war, bei dem allein über vierzig Menschen getötet wurden. Wie riesengroß müssen die Scheuklappen beim Blick auf die Region sein, um nach den Hunderttausenden Toten, die allein der Syrien-Krieg im vergangenen Jahrzehnt gefordert hat, die »tödlichsten Tage im Nahen Osten« ausgerechnet in Israel auszumachen?

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