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»Normalisierung« mit Israel? Für palästinensische Journalisten ein schlimmes Vergehen

Geht es gegen Israel, schreibt der Palästinensische Journalistenverband sich die Pressefreiheit auf die Fahnen. Frieden und Versöhnung betrachtet er dagegen als Verletzung des »Rechts des palästinensischen Volkes«. (© imago images/ZUMA Wire)
Geht es gegen Israel, schreibt der Palästinensische Journalistenverband sich die Pressefreiheit auf die Fahnen. Frieden und Versöhnung betrachtet er dagegen als Verletzung des »Rechts des palästinensischen Volkes«. (© imago images/ZUMA Wire)

Für den palästinensischen Journalistenverband ist klar: Wer für Frieden und Versöhnung mit Israel eintritt, verletzt das »Recht des palästinensischen Volkes«.

Ein Mal im Jahr findet der »Gemeinsame israelisch-palästinensische Gedenktag« statt, eine der Versöhnung dienende Veranstaltung, bei der der Opfer des jahrzehntelangen Konflikts auf beiden Seiten gedacht wird. Dieses Jahr fand der Gedenktag, der vom Vater eines 1995 im Libanon getöteten israelischen Soldaten zusammen mit anderen Friedensaktivisten ins Leben gerufen und heuer bereits zum 17. Mal abgehalten wurde, an zwei Orten gleichzeitig statt: an der Universität von Tel Aviv und in Beit Jala, einer mehrheitlich christlichen palästinensischen Stadt nahe Bethlehem.

Kritik an mangelnder Differenzierung

Die Veranstaltung ist in Israel nicht unumstritten, nicht zuletzt, weil sie stets am Tag vor dem nationalen Feiertag Jom haZikaron stattfindet, dem Gedenktag für die gefallenen Soldaten der israelischen Kriege und die Opfer von Terroranschlägen. Kritiker monieren, dass am »Gemeinsamen Gedenktag« der Unterschied zwischen Tätern und Opfern eingeebnet würde. So sehr es grundsätzlich richtig sei, auch der Palästinenser zu gedenken, die zu unschuldigen Opfern des Konflikts geworden sind, so sehr müsse differenziert werden.

»Der Tod derjenigen«, so war in einem Kommentar in der Jerusalem Post dieses Jahr zu lesen, »die aktiv an Aggression beteiligt waren – einschließlich des Werfens von Steinen, des Bombenbaus, gewalttätiger Proteste und tatsächlicher Morde –, sollte in keiner Weise mit dem Tod israelischer Soldaten, die bei der Verteidigung ihres Landes starben, oder den Opfern des palästinensischen Terrorismus in einen Topf geworfen werden.«

Rauswurf aus dem Berufsverband

In Beit Jala wurde der diesjährige »Gemeinsame Gedenktag« von der Journalistin und Friedensaktivistin Rafa Mismar geleitet – und das hat Konsequenzen. Mehrere ihrer palästinensischen Berufskollegen kritisierten ihre Teilnahme an einer Veranstaltung, die sich dem Hervorstreichen der Gemeinsamkeiten von Israelis und Palästinensern verschrieben hat. Sie forderten den palästinensischen Journalistenverband auf, gegen Mismar vorzugehen, weil diese die »Normalisierung« mit Israel propagiert habe.

Der Verband leitete prompt eine Untersuchung ein und kam zu einem eindeutigen Urteil: Mismar, die sich geweigert hatte, ihr Verhalten vor einer Art Tribunal zu rechtfertigen, wurde aus dem Verband gefeuert. Ihr schwerwiegendes Vergehen: Sie habe auf einer Politik beharrt, »die von unseren Bürgern, Institutionen und Gewerkschaften abgelehnt wird«. Und schlimmer noch, mit ihrer Beteiligung an einer gemeinsamen israelisch-palästinensischen Veranstaltung habe sie das »Recht des palästinensischen Volkes« verletzt und sich mit dem »Narrativ der Besatzung« identifiziert und dieses gefördert.

Pressefreiheit? Von wegen

Der Journalistenverband, der von der im Westjordanland regierenden, vermeintlich »moderaten« Fatah kontrolliert wird, hat mit seiner Entscheidung eindrücklich unter Beweis gestellt, was er unter Pressefreiheit versteht: Palästinensische Journalisten haben dem nationalen Narrativ des Kampfes gegen Israel zu folgen. Wagt es einer von ihnen, dem nicht zu folgen und sogar für Frieden und Versöhnung mit Israel einzutreten, fliegt er hochkant raus, was de facto einem Berufsverbot gleichkommt.

Unabhängiger Journalismus ist in einer Diktatur – und die Palästinensische Autonomiebehörde ist eine – so gut wie unmöglich. Journalisten, die nicht zum Wohlgefallen der herrschenden Fatah arbeiten, droht der Verlust ihres Lebensunterhalts und sind an Leib und Leben bedroht. Von ihren Kollegen haben sie keine Solidarität zu erwarten. Diese verstehen sich vielmehr als Ausführungsorgan des nationalen Willens – und in dessen Wortschatz kommen Frieden und Versöhnung nicht vor.

Während große Teile der arabischen Welt ihre Haltung gegenüber Israel überdenken und die Normalisierung der Beziehungen zum jüdischen Staat betreiben, hängt der palästinensische Journalistenverband weiter der Ideologie an, die den Palästinensern seit Jahrzehnten nichts als Elend einbringt.

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