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Wie man die Shoah gegen Israel instrumentalisiert

Unweit des Holocaust-Mahnmals in Berlin erhielt ein Israelhasser frenetischen Applaus von sich progressiv wähnenden Holocaust-Relativierern. (© imago images/Jürgen Ritter)
Unweit des Holocaust-Mahnmals in Berlin erhielt ein Israelhasser frenetischen Applaus von sich progressiv wähnenden Holocaust-Relativierern. (© imago images/Jürgen Ritter)

Wenn eine Holocaust-Konferenz den Sohn eines Shoa-Überlebenden ängstigt und den Holocaust verharmlost, befinden wir uns im Berlin des Jahres 2022.

Deutschland, 2022: Unter dem tosenden Applaus des Publikums denunziert der Redner die jüdische Debatte über den Holocaust, Israel und den Antisemitismus als »jüdisches Psychodrama« und beschwört die Legende vom »kolonialistischen« und »kindermordenden« »Apartheidstaat« Israel. Nicht etwa auf dem Bierfest irgendeines AfD-Ortsverbands in Sachsen oder in der Freitagspredigt einer islamistischen Moschee, sondern auf einer Historikerkonferenz mitten in Berlin.

»Baconi sprach vom ›Kindermörder Israel‹. Davon, dass Yad Vashem, die zentrale Gedenkstätte für die ermordeten Juden des Holocausts, auf den blutigen Ruinen palästinensischer Dörfer errichtet sei. Und er monierte, dass die ›palästinensische Frage‹ bei Veranstaltungen wie ebendieser Konferenz nur am Rande eine Rolle spiele, obwohl der Holocaust angeblich als ›jüdisches Psychodrama‹ – dieses Motiv unterstellte er verschiedenen Beiträgen auf der Konferenz – im Zentrum der ›palästinensischen Tragödie‹ stehe.«

Jan Grabowski, der in einem Interview mit der WELT von dem gespenstischen Auftritt des palästinensischen Aktivisten Tareq Baconi bei der Holocaust-Tagung »Hijacking Memory« erzählt, ist nicht irgendwer. Der Historiker lehrt seit 1994 an der Universität Ottawa. 2018 veröffentlichte er gemeinsam mit Barbara Engelking das Buch Danach ist nur Nacht, in dem auf 1.700 Seiten dokumentiert wird, wie polnische Zivilisten der deutschen Besatzung halfen, aus Ghettos und Konzentrationslagern geflohene Juden aufzuspüren und zu ermorden.

Grabowski wurde in Polen bedroht und verklagt, ein – in der Berufung gewonnenes – Zivilverfahren war vor dem Hintergrund eines Gesetzes, das »Angriffe auf den guten Namen der polnischen Nation« unter Strafandrohung stellt, auch strafrechtlich brisant. Der Eklat in Berlin hat den Sohn eines jüdischen Holocaust-Überlebenden tief getroffen:

»Das Schlimmste war die Reaktion des Publikums, das Baconis Äußerungen mit enthusiastischem Beifall quittierte. Im Zentrum Berlins saßen also, ich weiß nicht, 200 Vertreter der deutschen Intelligenzija – Intellektuelle, Studenten, Professoren, Journalisten – und applaudierten enthusiastisch, als Israel als Kindermörder, die Holocaust-Debatte als ›jüdisches Psychodrama‹ bezeichnet wurde. Ich war entsetzt. Ich wusste natürlich, dass es solche Tendenzen innerhalb der akademischen Linken gibt, aber das war das erste Mal, dass ich das live mitansehen musste. …

Als Nachfahre der vernichteten Nation der polnischen Juden, drei Millionen ermordeten Menschen, empfand ich Angst an diesem Samstagnachmittag in Berlin. Zu sehen, wie deutsche Intellektuelle sich gemeinsam in der Verurteilung Israels vereinen – ja, das fand ich nicht nur schockierend, sondern beängstigend. Diese Worte benutze ich nicht leichtfertig.«

Eine Holocaust-Konferenz, die den verdienten Historiker und Sohn eines Shoa-Überlebenden schockiert und ängstigt, während sie von der Süddeutschen Zeitung unter der Überschrift »Ein fairer Streit, endlich« bejubelt wird, verdient eine nähere Betrachtung.

Die Instrumentalisierung des Holocaust

Die viertägige Tagung »Hijacking Memory – Der Holocaust und die Neue Rechte« wurde von der Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, Stefanie Schüler-Springorum, der Direktorin des Potsdamer Einstein-Forums, Susan Neiman, und der Journalistin Emily Dische-Becker organisiert.

Angekündigt als »internationale Konferenz zur politischen Vereinnahmung des Holocaust-Gedenkens«, sollten sich die vierzig Referenten den Fragen widmen, in welchem Verhältnis die Ritualisierung des Holocaust-Gedenkens und der internationale Aufstieg der radikalen Rechten stünden und mit welchen Strategien diese versuche, das Gedenken zu kapern. Dagegen ist nichts zu sagen, und wenn jemand weiß, wie es sich anfühlt, wenn eine rechte Regierung die Vergangenheit instrumentalisiert und zur Waffe macht, dann Jan Grabowski.

Tatsächlich wurde die Konferenz zur Bühne für die Proponenten der Initiative »GG 5.3 Weltoffenheit«, in der sich »Kulturschaffende« vehement gegen eine Resolution des Deutschen Bundestags wehren, welche die BDS-Bewegung als antisemitisch bezeichnet und folgerichtig deren Förderung durch öffentliche Mittel beschränkt.

Die Organisatorinnen haben ein Who is Who der linken Israelkritik um sich gesammelt, von Daniel Cohn-Bendit bis Peter Beinart, der seit Jahren nichts weniger fordert als das Ende Israels als jüdischem Staat durch ein uneingeschränktes »Rückkehrrecht« der Palästinenser nach Israel. Was übrigens kein Problem wäre, würden »palästinensische Flüchtlinge« definiert wie alle anderen Flüchtlinge weltweit, statt ihren Flüchtlingsstatus über Generationen an Millionen Nachkommen vererben und sogar durch Adoption weitergeben zu können, aber das nur nebenbei.

Zu Teilnehmern wie Eva Menasse, dem Direktor eines jüdischen Museums in der österreichischen Provinz, Avraham Burg oder Omri Boehm finden sich genügend Beiträge auf Mena-Watch, man muss an dieser Stelle nicht auf sie eingehen.

Wer den einschlägigen Diskurs im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren verfolgt hat, dürfte also kaum überrascht sein, dass der Holocaust verharmlost und für die vorgebliche Sache der Palästinenser instrumentalisiert wurde.

Selbst der dezidiert linke Der Freitag konstatiert in seinem Bericht: »Dass Antizionismus bei einer Konferenz zum Holocaust-Gedenken vorkommt, ist kaum noch als Verzerrung zu beschreiben: Insbesondere im progressiv-akademischen Raum in den USA und Großbritannien sind israelkritische bis -feindliche Positionen im Zusammenhang mit der Erinnerungsdebatte wenig umstritten …« Insofern habe »Hijacking Memory« ein zeitgemäßes Bild einer internationalen Debatte gezeichnet, »ob nun ansehnlich oder nicht«.

Ist Antizionismus antisemitisch?

Israel ist Schutzmacht, sicherer Hafen und Überlebensgarantie für alle Juden dieser Welt. Das Judentum braucht einen jüdischen Staat, denn nichts und niemand sonst kann eine Wiederholung der Shoah verhindern. Die obenstehende Frage wurde daher von der Geschichte entschieden: nach der Shoah ist Antizionismus immer antisemitisch. Mit diesem Fazit schließt ein Gespräch über Antisemitismus mit Raimund Fastenbauer, das ich vor ein paar Tagen geführt habe und das am Mittwoch, den 22. Juni, auf Mena-Watch veröffentlicht wird.

Umso zynischer und menschenverachtender liest sich Peter Beinarts Argument gegen einen jüdischen Staat in der Berliner Zeitung. Die israelische Regierung und ihre deutschen Verbündeten hätten den Deutschen eingeprägt, dass sie den jüdischen Staat verteidigen müssten, weil ihre Vorfahren Juden ermordet haben. Letzteres sei sowohl analytisch als auch moralisch falsch, denn:

»Es ist analytisch falsch, weil die im Holocaust ermordeten Juden ganz unterschiedliche Meinungen zur jüdischen Staatlichkeit hatten. Viele waren Antizionisten, also Anhänger jener Ideologie, die der Bundestag für antisemitisch erklärt hat. Es ist moralisch falsch, weil der Holocaust nicht deshalb böse war, weil die Nazis Juden (und andere) ermordet haben. Der Holocaust war böse, weil die Nazis Menschen ermordet haben – darunter sehr viele Juden.«

Beinart ignoriert, dass ein jüdischer Staat auch antizionistische Juden vor ihrer Ermordung bewahrt hätte und leugnet, dass die »Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa« ein Kernelement der nationalsozialistischen Ideologie war. Man liegt wohl nicht ganz falsch mit der Vermutung, dass Beinarts Geschichtsrevisionismus ein Fall für den Verfassungsschutz wäre, stammte er von einem Autor aus dem Antaios Verlag statt von einem Kolumnisten der New York Times.

Die Linke überwindet den »Judenknax«

Ironischerweise war es ausgerechnet der spätere Unterstützer der Initiative »GG 5.3 Weltoffenheit« Micha Brumilk, der 2008 der Frage des linken Antisemitismus nachging und in seinem lesenswerten Text festhielt:

»Heute hat der Antisemitismus vielfach die Form des ›Antizionismus‹ angenommen. … Der vermeintlich politisch korrekte Antizionismus und Antiisraelismus, der keineswegs nur von radikalen Splittern der Linken vertreten wurde, war in den meisten Fällen ein Fall von Judenhass, wenngleich das Feindbild der jüdischen Wucherer nun gegen den kollektiven Juden, den sogenannten ›Vorposten des US-Imperialismus‹ ausgetauscht wurde. Dieter Kunzelmann fand in seinen (angeblichen) Briefen aus Amman nach dem missglückten Anschlag die passenden Sätze: ›Palästina ist für die BRD und Europa das, was für die Amis Vietnam ist. Die Linken haben das noch nicht begriffen. Warum? Der Judenknax …«

Überwinden wollte der Kommunarde Dieter Kunzelmann seinen »Judenknax« bekanntlich durch einen Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin bei einer Gedenkveranstaltung zu den Novemberpogromen von 1938. Der Anschlag wurde von den »Tupamaros West-Berlin« verübt, die er selbst gegründet hatte, gleichwohl bestritt er später seine Beteiligung.

Schlussstrich

Alles in allem tischte »Hijacking Memory« in Berlin nur alten Wein in neuen Schläuchen auf und bestätigte das Urteil des Historikers Michael Wolffsohn in der NZZ über den deutschen Kulturbetrieb:

»Volkes Stimme in Deutschland ersehnt den Schlussstrich. Gebildete Postkolonialisten umschreiben das gleiche Sehnen nur gebildeter. Sie verniedlichen den Holocaust und erklären das jüdische Opfervolk zum (post)kolonialistischen Tätervolk.«

Einmal mehr hat sich die identitäre, post-koloniale Linke als durch und durch spießig, reaktionär und revisionistisch entlarvt. Nur den »Judenknax«, den hat sie wohl endgültig überwunden.

EDIT: Der erste Absatz des Texts wurde gegenüber der ursprünglich veröffentlichten Fassung präzisiert. Die Veranstalterinnen haben darauf hingewiesen, dass nicht der Holocaust zum »jüdischen Psychodrama« erklärt wurde, sondern die jüdische Debatte darüber. Auch sei der Begriff »Kindermörder« nicht wörtlich gefallen, Tareq Baconis Aussagen liefen bloß darauf hinaus. Na dann. Alles nicht so schlimm?

Grabowski hat in der Sache unzweifelhaft recht. Dass die Veranstalterinnen nunmehr versuchen, ihn zu diskreditieren und mehr oder weniger offen der Lüge bezichtigen, verdeutlicht nur ihren Mangel an Einsicht in die Problematik und die Entschlossenheit, mit der sie die Ausritte Baconis verharmlosen. 

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