Mena-Exklusiv

Türkei macht Grenzen für syrische Flüchlinge dicht

Von Thomas von der Osten-Sacken

Seitdem in Norwdestsyrien erneute Kämpfe ausgebrochen sind, erst in Idlib dann in Afrin, versuchen Angaben der UN, zufolge, über 250.000 Menschen in sichere Gebiete zu fliehen. Nur: Die gibt es in diesen Teilen Syriens nicht. Die Provinz Idlib – eines der letzten größeren Gebiete, die von Rebellen kontrolliert wird, wobei die meisten von ihnen islamistischen Gruppierungen angehören – hat in den letzten Jahren fast eine Million Binnenflüchtlinge aufnehmen müssen. Hierher wurden beispielsweise im Dezember 2016 die letzten Bewohner Ostaleppos evakuiert, für die Sunniten, die aus ihren Heimatorten vertrieben wurden, bietet Idlib den letzten Zufluchtsort innerhalb Syriens. Seit Dezember findet eine Großoffensive syrischer Truppen, verbündeter schiitischer Milizen und der russischen Luftwaffe statt, bei der, wie in Syrien üblich, auch gezielt die verbleibende zivile Infrastruktur bombardiert und zerstört wird. Und so irren nun Hunderttausende, von denen viele zuvor schon mehrmals innerhalb Syrien haben fliehen müssen, von einem Ort zum anderen, von einem überfüllten und schlecht versorgten Flüchtlingslager zum nächsten, nur um im schlimmsten Fall auch noch bombardiert zu werden.

Und ganz ähnlich sieht es im benachbarten Afrin aus, wo täglich türkische Truppen und verbündete syrische Milizeinheiten etwas weiter vorrücken.

Einzig eine Flucht in die benachbarte Türkei verspräche etwas Sicherheit und Schutz, nur nimmt die Türkei seit langem keine syrischen Flüchtlinge mehr auf. Ein fast unüberwindlicher hunderte von Kilometer langer Grenzzaun, der in den vergangenen Jahren errichtet wurde und teils mit Selbstschussanlagen versehen ist, spricht eine deutliche Sprache. Nachdem Ankara inzwischen über 3,5 Millionen Menschen aus Syrien aufgenommen hat, sind seine Grenzen zu. Wer es jetzt noch versucht, wird mit Gewehrfeuer begrüßt. Laut einem kürzlich veröffentlichten Bericht von Human Rights Watch wurden in den vergangenen Monaten zehn Syrer beim Versuch, in die Türkei zu gelangen, erschossen:

„Eine Menschenrechtsorganisation beschuldigte den türkische Grenzschutz ‚wahllos‘ auf syrische Asylsuchende zu schießen, die versuchen die Grenze zur Türkei zu überqueren. Zeugen sagen aus, dass in den vergangenen Monaten 10 Menschen, darunter ein Kind, an der Grenze getötet wurden. Flüchtlinge, die im Zuge der jüngsten Kämpfe aus Idlib vertrieben wurden und es zwischen Mai und Dezember 2017 in die Türkei geschafft haben, sagten Human Rights Watch (HRW), dass die von türkischen Grenzschützern mit Gewalt abgewiesen worden waren. Die Grenze ist für alle geschlossen, außer für die dringendsten medizinischen Notfälle. Das zwingt viele dazu, gefährliche Ausweichrouten durch die Berge zu nehmen, die mit unzähligen Landminen übersät sind.“

Was bleibt ist also der Versuch, die grüne Grenze zu überqueren. Mit den entsprechen Folgen. Vier Kinder sollen erst jüngst in einem Grenzfluss ertrunken sein. Aus dem Libanon wird Ähnliches berichtet: Anfang Januar erfroren fünfzehn Syrer beim Versuch durch ein Grenzgebirge in das Land zu gelangen.

Human Rights Watch fürchtet zu Recht, dass sich die Lage an der syrisch-türkischen Grenze in den nächsten Wochen weiter verschlimmern wird, denn, so lautet die ganz einfache Frage: Wohin sollen diese Menschen fliehen? 

In den von Assad kontrollierten Gebieten will man sie nicht haben und vielen droht Verfolgung, Verhaftung, ja sogar Folter und Tod. Oft können sie, selbst wenn sie wollten, nicht in ihre Heimatorte zurückkehren, die entweder zerstört sind oder in denen Assad und seine iranischen Verbündeten inzwischen gezielt Schiiten angesiedelt haben. Ihnen bleibt, so zynisch das klingen mag, nichts als der Tod an der Grenze.

Für europäische Politiker, die sich einzig Gedanken über Zuzugsbegrenzungen von Flüchtlingen machen, sicher nicht die schlechteste Lösung. So verhindert man in Kooperation mit der Türkei einfach am Ursprungsort, dass Menschen überhaupt zu Flüchtlingen werden. Verrecken sie zu Hause, mag das bedauerlich sein, aber dann zumindest können sie nicht mehr versuchen, nach Europa zu kommen. Derweil geht vor aller Augen im siebten Jahr das Elend in Syrien weiter, wo inzwischen fast zwei Drittel der Bevölkerung entweder in Flüchtlinge oder Binnenvertriebene verwandelt wurden.

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