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Israels arabische Bürger (Teil 2): Zwischen Solidarität und Extremismus

Der arabische Politiker Ayman Odeh rief zur Ruhe zwischen Arabern und Juden in Israel auf. (© imago images/UPI Photo)
Der arabische Politiker Ayman Odeh rief zur Ruhe zwischen Arabern und Juden in Israel auf. (© imago images/UPI Photo)

Die große Mehrheit der arabischen Israelis verurteilt den Hamas-Terror. Doch nicht alles im Zusammenleben ist eitel Sonnenschein.

Israel musste immer wieder die Zahlen der Verletzten, Toten, Verschollenen und der in den Gazastreifen verschleppten Geiseln nach oben korrigieren. Sogar vier Wochen nach dem Blutbad, das Hamas-Terroristen am 7. Oktober in den grenznahen Kibbuzim und Dörfern und in viel weiter landeinwärts liegenden Städten anrichteten, sind noch immer nicht alle Leichen identifiziert. Weiterhin gibt es Personen, die als verschollen gelten. Deshalb gibt es ebenfalls noch keinen endgültigen Überblick über die Zahl der betroffenen arabischen Bürger Israels, darunter beduinische Muslime im israelischen Polizeidienst, aber auch ermordete arabische Zivilisten.

Zu den Opfern in Israels arabischer Gemeinschaft gehören auch solche, die im Zuge selbstloser Rettungsaktionen ermordet wurden. Auch bezüglich der Betreuung dieser betroffenen Familien versagten Israels Behörden, sodass der hochdekorierte beduinische Soldat Oberstleutnant der Reserve Wahid al-Huze‘il gemeinsam mit einer jüdischen Organisation für die Einrichtung einer Zentrale ausschließlich für betroffene Familien seiner Gemeinschaft sorgte.

Weitgehend unbegründete Befürchtungen

In den schwierigen Tagen nach dem Pogrom blickte die jüdische Mehrheitsgesellschaft rasch auf die Ereignisse von Mai 2021 zurück. Damals war es der palästinensischen Propaganda wieder einmal erfolgreich gelungen, eine Verknüpfung zwischen den Vorgängen in Gaza und im Westjordanland und jenen in Jerusalem sowie der angeblich »gefährdeten Al-Aqsa-Moschee« herzustellen. Nachfolgend war es in Israel, allerdings geschürt von noch sehr viel komplexeren Spannungsfeldern, zu schweren Unruhen gekommen.

Israels inzwischen für nationale Sicherheit zuständige Minister Itamar Ben-Gvir (Jüdische Stärke), der während der letzten Wochen mit Abwesenheit glänzte, erteilte Polizeichef Kobi Shabtai sogar konkrete Anweisungen zur Vorbereitung auf ein solches – aus seiner Sicht vorprogrammiertes – Szenario. Israelis vernahmen hingegen, dass Shabtai, der zuvor mit mehr als nur fragwürdigen Äußerungen über Israels Araber aufgefallen war, nunmehr das Verhalten der arabischen Minderheit in aller Öffentlichkeit als »vorbildlich« bezeichnete, wenngleich er betonte, jede Unterstützung der Hamas würde harsch geahndet werden.

Zurückweisung der Hamas

Schon am Mittag des 7. Oktobers waren von der politischen Führung der in der Knesset vertretenen arabischen Parteien aussagekräftige Statements zu hören gewesen. Sehr viel deutlicher als Mansour Abbas, Vorsitzender der an der Veränderungskoalition (2021–2022) beteiligten Partei Ra‘am, wurde Ayman Odeh, der als Abgeordneter der Vereinigten Liste ansonsten selten ein gutes Haar an Israel als dem jüdischen Staat lässt. In einem arabischsprachigen Interview meinte er, der im Kreis der schiitisch geprägten Ahmadiyya-Gemeinschaft der israelischen Hafenstadt Haifa aufgewachsen ist: »Jeden Aufruf zu militanten Aktionen und zur Anzettelung eines Kriegs zwischen Arabern und Juden in Israel werden wir in keiner Weise akzeptieren.«

Odeh bezog sich damit auf die Bemühungen der Hamas, längst nicht nur das Westjordanland zu Terrorakten zu mobilisieren, sondern vor dem Hintergrund ihrer palästinensischen Wurzeln ebenfalls Israels Araber. Die Hamas-Kampagne lief unter den arabischen Bürgern Israels allerdings kläglich ins Leere. Die bestialischen Bluttaten der palästinensischen Terroristen bewirkten unter der überwältigenden Mehrheit nämlich genau das Gegenteil.

Solidarität

Auch die arabische Gesellschaft Israels, einerlei, ob Muslime, Christen, Drusen oder Tscherkessen, ereilte ein Schock. Eine Umfrage, die Mitte Oktober unter israelisch-arabischen Bürgern durchgeführt wurde, bestätigte, was ganz Israel in den Tagen nach dem Blutbad wahrgenommen hatte: Die überwältigende Mehrheit der arabischen Gesellschaft des Landes verurteilte den Hamas-Terror nicht nur, sondern reihte sich in die unzähligen Hilfsaktionen für Gerettete, die als Flüchtlinge im eigenen Land mit nichts dastehen, und für Evakuierte ein.

Man kann die Initiativen gar nicht alle aufzählen. Hier seien lediglich zwei hervorgehoben:

  • Der in Arad aufgewachsene Beduine Sami Al-Krenawi etablierte sich vor etlichen Jahren als Besitzer mehrerer Hotels und Gästehäuser in der Negev-Stadt Mitzpe Ramon. Laut eigener Aussage öffnete er die Pforten seiner Unterkünfte bereits wenige Stunden nach Beginn des Hamas-Angriffs.
    Bis Mitte Oktober hatte er bereits dreitausend Gerettete und Geflohene aufgenommen, ohne nachzufragen, wer die Kosten dafür tragen würde. Da Israels Regierungsbehörden in Sachen Kostenausgleich für die Unterbringung von Evakuierten noch immer nicht funktionieren, könnte er auf hohen Ausgaben sitzen bleiben, doch die Linderung des menschlichen Leids steht für ihn, wie er betont, trotzdem weiterhin im Vordergrund.
  • In der rund 80.000 Einwohner zählenden beduinischen Stadt Rahat funktionierte Foad al-Zeadna, dessen Familie den Tod eines ermordeten Angehörigen zu beklagen hat und auf vier in den Gazastreifen verschleppte Verwandte blickt, das ihm unterstehende Gemeindezentrum kurzerhand um. Hier stellen seither arabische und jüdische Ehrenamtliche Hilfspakete für die Opfer des Hamas-Terrors zusammen.
    Auf jedes Paket, das Menschen im ganzen Land und ohne Ansehen von religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit zukommt, wird ein Sticker auf Hebräisch und Arabisch geklebt, der das Motto dieser Initiative wiedergibt: Partners in Destiny (Schicksalspartner). Einer der hier tätigen Ehrenamtlichen meinte dazu: »Das ist unsere Antwort an alle, die versuchen, uns zu spalten und meinen, sie können uns und unsere Hoffnung auf ein Zusammenleben zerstören: Ihr werdet keinen Erfolg haben!«

Nicht alles eitel Sonnenschein: die arabische Seite

Auch wenn weite Teile der arabischen Minderheit Trauer und Mitgefühl aussprachen, sich solidarisch mit der jüdischen Mehrheitsgesellschaft erklärten und dem ebenfalls gute Taten folgen ließen, kam es natürlich dennoch auch zu gegenteiligen Zwischenfällen.

In den Medien machte vor allem die in Nazareth geborene Muslima und als Schauspielerin bekannte Maisa Abd Elhadi Schlagzeilen. Sie postete das Foto einer entführten israelischen Seniorin mitsamt hinzugefügten lachenden Emojis und dem Text: »Sie erlebt das Abenteuer ihres Lebens.« Vor dem Bezirksgericht Nazareth wurde noch über weitere fragwürdige Posts dieser auf dem Filmfestival 2011 in Dubai ausgezeichneten israelischen Araberin beraten. Abd Elhadi, die ihrerseits bei der Polizei Beschwerde wegen gegen sie gerichteter Morddrohungen einreichte, wurde gegen Kaution freigelassen und unter Hausarrest gestellt. Sie darf vorerst nicht mehr in den sozialen Medien posten. Israels Innenminister hat eine Untersuchung eingeleitet, um zu klären, ob man ihr wegen Terrorunterstützung die israelische Staatsbürgerschaft entziehen kann.

Darüber hinaus wurden Dutzende arabisch-israelische Studenten wegen Posts in den sozialen Medien kurzerhand von ihren Universitäten suspendiert oder exmatrikuliert. Einige klagen gegen diese Schritte mit der Begründung, dass es sich bei ihren Posts um Zitate aus dem Koran gehandelt habe.

In mehreren israelischen Städten, darunter im gemischt jüdisch-arabischen Haifa sowie in den an das Westjordanland angrenzenden arabischen Bevölkerungszentren Tayibe und Umm al-Fahm, löste die Polizei am 18. Oktober Pro-Gaza-Demonstrationen auf. Landesweit kam es zudem zu Verhaftungen israelischer Araber, die auf unterschiedliche Weise ihre Unterstützung für die Hamas zum Ausdruck gebracht hatten. Im Vergleich zum Rest von Israel wurden allerdings sehr viel mehr derartige Fälle in Ost-Jerusalem verzeichnet.

Nicht alles eitel Sonnenschein: die jüdische Seite

In den ersten Tagen nach dem 7. Oktober gingen in den sozialen Medien Israels immer wieder Meldungen um, dass Unbekannte in jüdisch geprägten Städten Häuser und Hauseingänge fotografieren. Als das zur Hysterie auszuufern drohte, weil alle die Unbekannten als Araber identifizierten, ging die Polizei in die Medien, um mit Nachdruck klarzustellen: Es handelte sich in allen Fällen um arabisch-israelische Gartenarbeiter oder Reinigungskräfte, die für ihre privaten oder kommunalen Auftraggeber die verrichtete Arbeit dokumentierten.

Auch in den nachfolgenden Tagen und Wochen ereigneten sich mehrere Fälle, in denen Misstrauen gegenüber arabischen Bürgern des Landes freien Lauf gelassen wurde. Demonstranten vor einem Supermarkt im zentralisraelischen Beit Shemesh forderten die Entlassung der Angestellten der arabischen Minderheit Israels. Die Betreiberfirma gab nachfolgend an, die Mitarbeiter hätten sich entschieden, nicht mehr dort zu arbeiten. Sie seien nicht entlassen, sondern in Filialen anderer Orte versetzt worden.

In einigen Regionen des Landes blieben laut Angaben der nationalen Gewerkschaft Histadrut bis zu sechzig Prozent der arabischen Busfahrer aus Angst vor verbalen Anfeindungen und einigen polizeilich dokumentierten tätlichen Übergriffen ihrer Arbeit fern. Niemand kommt für ihren Verdienstausfall auf. Einige Betreiberfirmen haben sich hinter ihre arabischen Angestellten gestellt und zugesagt, für deren Sicherheit zu sorgen, doch laut den Fahrer habe sich nichts geändert. Die größte israelische Busgesellschaft, Egged, meinte dazu lakonisch: »Die überwiegende Mehrheit der Fahrer des Unternehmens erscheint zur Arbeit, abgesehen von einer kleinen Anzahl, die dies aus situationsbedingten Gründen nicht tut. Der Service für unsere Passagiere wird dadurch nicht beeinträchtigt.«

Am dritten Wochenende nach dem Hamas-Pogrom kam es zu dem bislang schwerwiegendsten Zwischenfall. Arabisch-israelische Studierende mussten aus ihrem Studentenwohnheim am Netanya Kolleg gerettet werden. Sie waren unter die Belagerung eines wütenden Mobs rechtsnationaler Aktivisten gekommen, eines sogenannten Garin Torani, deren Anhänger auch in vielen anderen Städten auf die kleinsten Anlässe mit teils massiver Gewalt reagieren. Die Aktivisten, die versuchten, das Wohnheim zu erstürmen, schritten unter der Parole »Tod den Arabern« zur Tat, weil die arabischen Studenten ihren Schabbat-Gottesdienst gestört hätten.

(Lesen Sie hier Teil 1 dieser Serie.)

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