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Islamischer Staat: Corona ist Strafe für die „Kreuzzügler“

Flagge des Islamischen Staates in Irakisch-Kurdistan
Flagge des Islamischen Staates in Irakisch-Kurdistan (© Imago Images / Xinhua)

Besonders originell ist die neue Botschaft des IS-Sprechers Abu Hamza al-Qurashi im Namen des „Kalifen“ nicht. Wie alle Welt beschäftigt die Corona-Pandemie auch den „Islamischen Staat“, und das Virus erscheint den Islamisten als Bestrafung der „Kreuzzügler“. Man preist die jüngste Angriffswelle, droht dem Westen mit Vernichtung und vertröstet die Abertausenden von gefangenen IS-Kämpfern, ihre Befreiung stehe demnächst an.

Tatsächlich gehört die Pandemie zu den Faktoren, die es dem IS ermöglicht haben, wieder ein bisschen in Richtung Rampenlicht zu rutschen. Angriffe und Überfälle in Syrien und im Irak sollen zeigen, dass man wieder zurück ist: im Februar will man 93mal zugeschlagen haben, im April 151 und im Mai schon 193mal. Auch wenn offizielle Stellen wie gerade ein irakischer Militärsprecher frohgemut versichern, der islamische Staat stelle keine Bedrohung mehr dar, hat er sich in diesem Frühjahr unüberhörbar zurückgemeldet.

Es ist die erste große Offensive der Islamisten im Nahen Osten seit der Götterdämmerungsschlacht von Baghouz, als das „Kalifat“ im März 2019 das letzte Stück Territorialherrschaft verlor. Danach mussten sich die Reste der Islamisten buchstäblich in den Wüsten, Bergen und Wadis des Iraks und Syriens verkriechen. Die Truppe, die jahrelang die Ängste und Schlagzeilen des Westens dirigiert hatte, war auf den Status gejagter Outlaws zurückgesetzt worden.

Nicht dass der IS jemals ganz verschwunden gewesen wäre, aber sein Aktionsradius war nun beschränkt auf nächtliche Überfälle, um die Bevölkerung mehr oder minder entlegene Dörfer einzuschüchtern, oder auf das Abfackeln von erntereifen Feldern. Der Tiefpunkt war mit dem Tod des „Kalifen“ Al-Bagdadi erreicht, den ein US-Kommando im Oktober in einem syrischen Weiler aufspürte.

Nicht wiederholbar

Und dann, ein halbes Jahr später, das langsame Zurückmelden in diesem Frühjahr. Wie sehr der IS tatsächlich durch den aufrecht erhaltenen militärischen Druck  geschwächt wurde, zeigt sich in der langen Phase, die er zur Reorganisation brauchte – und dass er überhaupt die Chance dazu bekam, liegt einmal mehr in den instabilen Gesamtsituation der Region begründet, nicht in einer etwaigen Stärke der Islamisten. Sie nutzen nur den Raum, den man ihnen überlässt.

Dem IS gehören in Syrien und dem Irak zur Zeit schätzungsweise bis zu 18.000 Mann an, das sind aber nicht nur aktive Kämpfer, hier sind auch die Schläferzellen und Verwaltungskader mit eingerechnet; in ihren Operationsgebieten kämpfen jeweils nur wenige 100 Mann.

Das ist für eine Wiederauflage des Kalifats bei weitem nicht genug, aber darum geht es gerade auch nicht. Der Erfolg des IS in den Jahren 2014/15 mit der praktisch handstreichartigen Eroberung Mossuls und weiter Teile des nördlichen Irak entsprang einer historischen spezifischen Situation, und ist so nicht einfach wiederholbar.

Der Effekt, den die Islamisten damals erzielten, fußte nicht zuletzt auf der Überraschung, zu welchen absonderlichen Grausamkeiten sie fähig waren, und ihrem Blitzkriegstempo – vor allem aber auf der eklatanten Schwäche ihrer Gegner. Und wie im Auge des Sturmes konnten sie für eine Weile praktisch ungehindert in ihrem Herrschaftsgebiet agieren, weil drumherum alle anderen damit beschäftigt waren, ihre eigenen Händel in Syrien und im Irak auszutragen. In dem Augenblick, in dem sich die militärische Aufmerksamkeit dem Kalifat zuwandte, war sein Ende nur noch eine Frage der Zeit.

Die Bedingungen, die den rasanten Aufstieg des Kalifats ermöglichten, sorgen auch für das Überleben des IS als Terrortruppe, die sich immer wieder in ihre Nische zurückziehen kann, um von dort aus erneut auszuschwärmen. Der IS lebt von der Instabilität, vom Herrschaftsvakuum in umstrittenen Landstrichen, vom Krieg rundherum.

Er ist, wenn man so will, selbst eine Art Virus, der sich von einem spezifischen Milieu nährt, Flächen kontaminiert und sich in Ritzen zurückzieht, wenn diese Flächen gesäubert werden, um dann wieder hervorzukommen. Das wird auch so lange weitergehen, solange die Konflikte und Widersprüche in der Region nicht im Grundsatz angegangen werden.

Bedingungen vor Ort

Das Wiedererstarken des IS in den letzten Wochen und Monaten hängt so maßgeblich mit anderen Ereignissen in der Region seit Anfang des Jahres zusammen. Vor allem mit der schwindenden Präsenz der US-Streitkräfte vor Ort, den frischen Spannungen zwischen Iranern und Amerikanern im Irak und der politischen Dauerblockade in Bagdad.

In Syrien waren es vor allem Donald Trumps spontane Rückzugsankündigungen, die zwar im Endeffekt zweimal zurückgenommen wurden, aber nicht nur zur Räumung diverser Stützpunkte geführt haben, sondern auch zur grundsätzlichen Verunsicherung der Verbündeten – der kurdisch dominierten SDF (Syrian Democratic Forces).

Hinzu kam die gegen die kurdische YPG gerichtete türkische Intervention im Norden Syriens. Die möglichen Folgen dieses Im-Stich-Lassens der syrischen Kurden haben schließlich sogar kurzzeitig Beachtung im Westen gefunden, als Angehörigen des Islamischen Staates aus den überfüllten Lagern und Gefängnissen unter Aufsicht der Kurden die Flucht gelang.

Im Irak haben die Amerikaner bei den Operation gegen den IS in den letzten Jahren keineswegs nur Hightech-Überwachung und Luftunterstützung zur Verfügung gestellt, sie haben auch eigene Bodentruppen zusammen mit den irakischen Streitkräften eingesetzt. Nun sind die Aktivitäten der Internationalen Koalition gegen den IS nicht zuletzt im Zeichen von Corona weitgehend ausgesetzt, die Amerikaner haben weitere Basen an die Iraker übergeben, und nach dem Tod des iranischen Generals Qassem Soleimani Anfang des Jahres hat die Bedrohung der amerikanischen Streitkräfte durch vom Iran dominierte schiitische Milizen weitere militärische Kapazitäten gebunden.

Das alles kam dem IS zu Gute. Ob der irakischen Regierung die vom Iran angefachte Diskussion über die Vertreibung der Amerikaner aus dem Irak dabei so ganz recht ist, darf bezweifelt werden. Der Rückzug der Amerikaner aus der Region läuft sowieso schon seit Langem, und Donald Trump hat ihn beschleunigt.

Das heißt aber auch, den krisengeschüttelten irakischen Staat mit dem Problem des IS letztlich alleine zu lassen. Ein ranghoher Vertreter der Internationalen Koalition gegen den IS wurde gerade in der Zeitschrift Foreign Policy mit der Überlegung zitiert, die Unterbrechung der internationalen Aktivitäten gegen den IS  sei eine Gelegenheit, den irakischen Partner von der Unterstützung der USA zu entwöhnen. „Aber langfristig besteht der ganze Sinn und Zweck darin, dass es nur die Iraker sind, die ihr Land gegen ISIS absichern.“ Ja, darauf wird auch der IS hoffen.

Ausnutzen des Chaos

Im Irak sind es vor allem die sogenannten umstrittenen Gebiete, in denen der IS seine Aktivitäten nun weiter ausbaut. Hier findet er verwüstete Landstriche, verlassene Dörfer und undurchsichtige Machtverhältnisse. Hier leben Kurden neben Arabern, Sunniten neben Schiiten oder Turkmenen, hierher stammen die über eine Million Binnenvertriebenen, die vor allem im kurdischen Nordirak noch immer in Lagern leben.

Hauptziele des IS sind kurdische Peshmerga, schiitische Milizionäre und die Teile der sunnitischen Bevölkerung, die mit dem Staat zusammenzuarbeiten. Vor allem staatliche Repräsentanten stehen auf seiner Abschussliste, Dorfvorsteher oder Polizisten.

Es ist ein hässlicher Kleinkrieg, hier eine Entführung, dort eine Roadside bomb, Morde, Drohungen, Hinterhalte. Das Niveau der Angriffe steigert sich nur langsam, der IS, der jahrelang buchstäblich Tausende von Selbstmordattentätern an den irakischen Checkpoints verheizte, spart nun Ressourcen und macht schon Schlagzeilen, wenn er wie jüngst in Kirkuk zwei Selbstmordattentäter auf die örtliche Geheimdienstzentrale loslässt.

Es geht darum, Präsenz zu zeigen, die Bevölkerung zu verunsichern oder je nach Herkunft, aus bestimmten Gegenden zu vertreiben. Der IS sucht nun den Sprung aus den unzugänglichen verwüsteten Landstrichen zurück in die Vorstädte.

In Syrien wiederum haben die IS-Kämpfer mit einer Reihe größer angelegte Operation in der syrischen Wüste gezeigt, dass sie sich dort vergleichsweise ungehindert bewegen können. Hier in diesem weiten leeren Gebiet zwischen Homs über Palmyra bis zur irakischen Grenze war der IS sowieso nie verschwunden, es war sein Rückzugsgebiet. Aber auch gegen die Kämpfer der SDF wird der IS aktiver. In den arabisch besiedelten, aber kurdisch kontrollierten Gebiete zwischen Raqqa und Deir ez Zor hoffen die Islamisten das arabisch-kurdische Konfliktpotential für sich auszunutzen.

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