Häusliche Gewalt: In der Türkei werden monatlich 20 Frauen totgeschlagen

„Auf dem Papier haben türkische Frauen alle Rechte: Die Gesetze zum Schutz vor häuslicher Gewalt können internationalen Vergleichen durchaus standhalten. Doch im Alltag sieht es anders aus. Nun erstattete ein Popstar Anzeige. (…) Sıla Gençoğlu, wie sie bürgerlich heißt, [ging] zur Staatsanwaltschaft. Vor dem Justizpalast trat sie anschließend dem Blitzlichtgewitter entgegen. Ja, sie habe Anzeige erstattet, sagte Sıla, und zwar gegen Ahmet Kural – einen bekannten Schauspieler, der bis zu jener Nacht ihr Freund und Lebensgefährte war. (…) Einen kollektiven Stoßseufzer taten türkische Frauenrechtlerinnen angesichts dieser Szene, die wegen Sılas Prominenz in allen Sendern und Blättern abgebildet wurde.

Sie gratuliere Sıla von Herzen und danke ihr für ihren Mut, sagte die Aktivistin Dilber Sünnetcioglu von der Vereinigung der Frauenräte in einer Diskussionsrunde. Täglich stehe sie auf Gerichtsfluren herum, um Gerechtigkeit für geschlagene und getötete Frauen zu fordern, sagt Sünnetcioglu, weil die Gesetze nicht zur Anwendung kämen. Die Türkei habe ausgezeichnete Gesetze zum Schutz der Frauen – nur würden diese nicht angewendet. Dass Sıla nun den Mut gehabt habe, ihre Rechte einzufordern, werde andere Frauen dazu ermuntern, das auch zu tun. Nötig wäre das. Nach offiziellen Angaben, die das türkische Innenministerium jetzt erstmals vorlegte, werden in der Türkei monatlich 20 Frauen von Männern totgeschlagen. Aktivistinnen schätzen die Dunkelziffer höher, da viele Fälle als Selbstmord getarnt werden. Monatlich werden fast 15.000 Fälle von häuslicher Gewalt registriert, das sind nahezu 500 verprügelte Frauen pro Tag – ohne die Dunkelziffer. Eine wichtige Ursache ist die verbreitete Verharmlosung solcher Gewalt (…)

Es sind nicht nur Männer, die zu dieser Verharmlosung von Gewalt beitragen. So meldete sich zum Fall Sıla in den sozialen Medien auch eine andere türkische Popsängerin zu Wort, die deutlich weniger erfolgreich ist als Sıla: ‚Sich zu beklagen wie ein kleines Kind, das schickt sich nicht für eine starke Frau und Künstlerin. Rangeleien und Schubsereien gibt es in jeder Beziehung. Und Frauen, die keine Prügel verdienen, bekommen sie auch nicht.‘ Ihrer Karriere dürfte diese Sängerin damit keinen Gefallen getan haben, denn die Sympathien der türkischen Öffentlichkeit sind eindeutig auf Sılas Seite. Sowohl von anderen Promis als auch von Fans hagelt es Solidaritätserklärungen für die Sängerin. Und ein führendes türkisches Unternehmen kündigte Ahmet Kural jetzt den Werbevertrag.“ (Susanne Güsten: „Ein Popstar bricht ein Tabu“)

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