Erweiterte Suche

Sänger Ebi: Irans Regime steht für die Vernichtung der Kultur

Der populäre iranische Sänger Ebi. (Foto: Kilian Foerster)
Der populäre iranische Sänger Ebi. (Foto: Kilian Foerster)

Ebrahim Hamedi, Künstlername Ebi, ist einer der wichtigsten Vertreter der iranischen Popmusik. Seit der islamischen Revolution im Iran lebt er im Exil. Bis heute erfreuen sich seine Lieder sowohl unter jüngeren als auch älteren Iranern großer Beliebtheit. Kilian Foerster sprach mit Ebi im Rahmen der auf seiner Website publizierten Serie »Iranische Worte«.

Kilian Foerster (KF): Welchen Klang verbinden Sie mit Ihrer Kindheit im Iran?

Ebi: Alles, was ich als Musiker mache, meine gesamte Arbeit, hat ihre Wurzeln im Iran. Meine Gefühle und ich als Person sind bis heute wie mit einer Nabelschnur mit dem Iran verbunden.

In meiner Kindheit vor ungefähr 65 Jahren waren meine Idole die Sänger Aref, Viguen, Ali Nazari und Davood Maghami. Diese Personen waren die Vorbilder der iranischen Musik in meiner Jugendzeit.

KF: Warum wollten Sie Sänger werden?

Ebi: Jeder Mensch hat irgendetwas, und das ist auch der jeweiligen Person bewusst. Ich bin mit dem Gottesgeschenk meiner Stimme auf die Welt gekommen, und mit diesem Geschenk musste ich Sänger werden. Im Alter von vier oder fünf Jahren habe ich angefangen, für meine Freunde zu singen. Das Singen habe ich immer weitergemacht bis zum Teenageralter, und dann habe ich eine Band gegründet. Das Talent meiner Stimme war in mir, und als Jugendlicher konnte ich das noch weiterentwickeln. Auf diese Art bin ich zum Sänger geworden.

Ich hätte natürlich auch mit einem anderen Talent auf die Welt kommen können, dann wäre ich diesem Talent gefolgt und würde zum Beispiel als Musiker, Künstler oder Schriftsteller arbeiten. In meinen Augen hat jeder Mensch irgendein Talent. Ich habe das Talent zu singen bei mir selbst entdeckt und bin ihm gefolgt.

KF: Gab es in Ihrer Schulzeit besonderen Musikunterricht?

Ebi: Leider habe ich überhaupt keine Musikschule besucht. Später jedoch, als Jugendlicher, wurde ich Solist im Nationalen Kultur- und Kunst Orchester Iran, der iranische Kulturminister wollte mich für eine Gesangsausbildung in der Oper. Aber ich war noch ein junger Sänger, der in den besten Nachtclubs von Teheran auftrat. Mir gefielen und ich sang die Lieder von Jim Morrison, Tom Jones, Van Morrison, Albano … Opernausbildung war für mich nicht so angesagt.

Zurück in eine sehr alte Zeit

KF: Sie waren gerade auf einer Tournee in den USA, als im Iran die islamische Revolution stattfand. Wie haben Sie diesen Umbruch erlebt?

Ebi: Es ist verständlich, dass man bei einer Veränderung zuerst einmal das Positive für sich erhofft oder erwartet. Aber kurz nach der islamischen Revolution haben wir im Ausland gemerkt, dass das Ganze im Iran in keine gute Richtung läuft. Wir haben gesehen, dass es keine Revolution ist, die uns Fortschritte bringt oder uns weiterentwickelt, sondern das Gegenteil, also eine Revolution, die uns zurückwirft. Wir haben sofort verstanden, dass diese Revolution uns in eine sehr alte Zeit zurückkatapultiert. Und als die ersten Befehle von Khomeini und seinen Anhängern bekannt wurden, war klar, dass eine kleine Diktatur entstanden war, die größer und größer und noch größer werden wird.

Erst hatten wir noch die Hoffnung, dass wir unseren Fehler rückgängig machen können. Aber sehr schnell verstanden wir, dass dies unmöglich war. Und nachdem unsere Hoffnung gestorben war, begann eine große Fluchtbewegung von Iranern ins Ausland. Uns wurde bewusst, dass eine Umkehr der Geschehnisse im Iran nicht mehr möglich war.

KF: Können Sie sich noch erinnern, welches Lied sie zuletzt im Iran öffentlich gesungen haben, bevor Sie das Land verlassen haben?

Ebi: Ich hatte zuletzt einen Vertrag mit einem Cabaret am Vanak-Platz in Teheran, dort hatte ich meinen letzten öffentlichen Aufritt im Iran. Ich kann mich aber nicht mehr erinnern, welches Lied ich zuletzt gesungen habe. Die meisten meiner Lieder habe ich erst nach der islamischen Revolution gesungen, nur einen kleinen Teil von ihnen habe ich davor im Iran gesungen.

KF: Welchen Klang verbinden Sie als Musiker mit der Iran vor der islamischen Revolution 1979?

Ebi: Meine Erinnerungen an den Iran vor der islamischen Revolution sind nicht mit bestimmten Klängen verbunden, sondern es sind Namen und Erinnerungen an bestimmte Personen. Herr Farrochsad[1] hat in meinem Leben und für meine Arbeit eine sehr große Rolle gespielt, das werde ich niemals vergessen. Er wird immer in meinem Gedächtnis bleiben und ich bin sehr stolz, dass er in meinem Leben so eine große Bedeutung hatte.

Daneben habe ich drei Jahre mit dem Sänger Farhad Mehrad zusammengearbeitet, diese Erinnerungen und Namen verbinde ich mit meinem Leben im Iran vor der islamischen Revolution. Besonders Farhads Stimme im Couchini-Club, wo wir zusammen aufgetreten sind, prägt meine Erinnerung an diese Zeit. Auch auf die Zusammenarbeit mit Farhad bin ich sehr stolz, und für mich war das damals meine beste Zeit.

Vernichtung der Kultur

KF: »Sogar Musik stumpft den Geist ab, denn sie verursacht Vergnügen und Ekstase, ähnlich wie Drogen. Eure Musik, meine ich. Gewöhnlich lobt eure Musik den Geist nicht, sondern sie schläfert ihn ein. Und sie zerstört unsere Jugend, die durch sie vergiftet wird und sich dann nicht mehr um ihr Land kümmert,« sagte Chomeini 1979 im Interview mit der Journalistin Oriana Fallaci.[2] Gibt es für Sie etwas kulturell Wertvolles, das die Islamisten im Iran nach 1979 erschaffen haben?

Ebi: (lacht) Auf gar keinen Fall gibt es irgendetwas kulturell Wertvolles im Kunst-, Kultur- oder Musikbereich, das von den Islamisten erschaffen wurde. Sie standen eher für die Vernichtung der Kultur und nicht dafür, etwas Neues zu erschaffen. Sie wollten etwas Unmögliches möglich machen, nämlich unsere Kultur zu vernichten. Das ist ihnen aber bis heute nicht gelungen, obwohl sie es immer noch versuchen mit Zensur, Kontrollen und Verboten im Film- und Theaterbereich, bei Schriftstellern und Musikern.

Die Islamisten haben im Kulturbereich überhaupt keine Fortschritte vollbracht, sondern ihr Ziel war es, die Kultur zurückzuentwickeln und zu vernichten. Das, was damals vor der islamischen Revolution im Kulturbereich erschaffen wurde, waren richtige Kunstwerke mit Inhalt und Wert, aber was heute von den Islamisten gemacht wird, hat keinen Inhalt und ist sehr oberflächlich und wertlos. Trotz all der Zensur und der verschiedenen Arten von Gefängnisstrafen, Arbeitsverboten und Auflagen für iranische Künstler im Iran ist es ihnen nicht gelungen, unsere persische Kultur und unsere Kunst in eine islamische, ideologische Kunst umzuändern.

KF: Musik wird auch als Sprache auf der Ebene der Gefühle beschrieben. Welches Gefühl möchten Sie an erster Stelle mit Ihrer Musik ausdrücken?

Ebi: Ich denke, dass alles, was in der Welt passiert, immer auf der Grundlage von Liebe geschehen sollte. Ich versuche in meiner Arbeit als Sänger, ein Gefühl der Liebe auszudrücken. Dieses Gefühl der Liebe kann sich auf eine Person, eine Familie oder auch Verwandtschaft beziehen, und meine Lieder bestehen aus diesem Gefühl der Liebe. Es geht mir um einen Austausch der Gefühle, um ein Verliebtsein und die Wirkungen, die Liebe in den Menschen auslöst. Aus diesem Grund nenne ich die aktuelle Tournee auch Love Project. Dieses Love Project beinhaltet die Elemente Frau, Heimat, Freundschaft, Menschlichkeit und Frieden.

KF: Hat die Musik Ihnen im Exil geholfen, den Verlust Ihrer Heimat zu verarbeiten, oder wecken die alten Erinnerungen und Lieder eher Schmerz und Sehnsucht nach dem Iran aus?

Ebi: Selbstverständlich hat meine Arbeit in einem positiven Sinne auch einen Einfluss auf mein privates Leben. Wenn ich niedergeschlagen war, dann habe ich traurige Lieder gesungen, und wenn ich mich in einer heiteren Stimmung befand, dann habe ich auch fröhliche Lieder gesungen. Eine Mischung von bestimmten Gefühlen, zum Beispiel fern der Heimat und der Familie zu sein und im Exil zu leben, spiegelt manchmal die eigene Stimmung, aber es kann sich auch sehr verletzend anfühlen und einen traurig machen. Manchmal können diese Gefühle also angenehm sein, oder aber auch sehr verletzend und traurig.

KF: Der Iraner Madschid-Resa Rahnaward wurde mit 23 Jahren wegen moharebeh (»Kriegsführung gegen Gott«) zum Tode verurteilt. Vor seiner Hinrichtung am 12. Dezember 2022 sagte er als letzte Botschaft an seine Angehörigen in Iran: »Sie sollen nicht den Koran lesen und beten. Sie sollen glücklich sein. Frohe Lieder spielen.« Was ging in Ihnen als iranischer Musiker und Sänger vor, als Sie diese Worte gehört haben?

Ebi: Ich kann dazu nicht viel sagen. (Ebi hat Tränen in den Augen) Vor solchen Menschen, vor ihrem Mut und ihrer Tapferkeit, kann man nur Respekt haben, und man kann daraus für sich selbst lernen.

KF: Mit seinem Song »Soorakh Moosh« wurde der iranische Rapper Toomaj Salehi bekannt. Er weist in diesem Lied auf die Gleichgültigkeit und Ignoranz all derjenigen inner- und außerhalb Irans hin, die sich mit dem islamischen Regime arrangiert haben. Weil Toomaj Salehi offen und direkt über die Zustände in seinem Land spricht, wurde er im Iran im Oktober 2022 festgenommen, misshandelt und nach einem Jahr Haft gegen Kaution wieder freigelassen, nach ein paar Tagen aber erneut vom Regime verschleppt. Haben Sie eine Botschaft an Toomaj Salehi, der den Mut hatte, nicht mehr zu schweigen?

Ebi: Ich kenne die Arbeit von Toomaj und seine Lieder und ich weiß, was er geleistet hat. Ich möchte ihm sagen, dass der Weg, den er geht, ein Vorbild ist, und dass auch die iranische Bevölkerung ihm auf diesen Weg folgt. Dafür möchte ich ihm danken und ihm für seinen Mut und seine Klarheit in seiner Arbeit meinen Respekt zeigen.

Wenn man im Iran lebt, dann ist es in der aktuellen Situation sehr wichtig, solche klaren Worte auszusprechen. Dafür braucht man eine sehr, sehr große Persönlichkeit, dass man trotz des Wissens darum, was passieren kann, sich nicht einschüchtern lässt und keine Angst zeigt, sondern seinen Weg weitergeht und seine Arbeit weitermacht. Ich habe höchsten Respekt vor der Arbeit von Toomaj.

KF: Haben Sie nach Ihrer langen und erfolgreichen Karriere als Sänger den Grund herausgefunden, warum es Musik gelingen kann, völlig unterschiedliche Menschen zusammenzuführen und zu verbinden?

Ebi: Das bringt mich wieder zum Thema Liebe zurück, weil die Liebe alles verbindet, auch die Menschen untereinander. Diese Verbindungen führen zu guten Dingen im Leben. In der Liebe, die ich zu meinem Beruf als Sänger empfinde, versuche ich meinen Zuhörern auch meine ganzen Gefühle zu zeigen. Wenn meine Zuhörer Gefallen daran finden, dann sind dieser Austausch und diese Verbindung der Liebe eine Art Verliebtheit. Die meisten Sänger im Exil werden ähnliche Gefühle empfinden.

KF: Angenommen, Sie könnten wieder im Iran auftreten, welches Lied würden Sie zuerst singen?

Ebi: In der Vergangenheit habe ich an andere Lieder gedacht, aber jetzt, nach der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung im Iran gibt es für mich nur ein Lied, das Lied »Khanoom Gol«. Als erstes würde ich dieses Lied im Iran singen.


[1] Fereydun Farrochsad, Bruder der iranischen Dichterin Forugh Farrochsad, war einer der bekanntesten Sänger und Entertainer des Landes. Wegen der islamischen Revolution ging er 1979 nach Deutschland ins Exil und wurde in seiner Wohnung in Bonn am 6. August 1992 von Khomeinis Schergen brutal ermordet.

[2] Fallaci, Oriana: An Interview With KHOMEINI, The New York Times, 7. Oktober 1979

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren sowie ein Editorial des Herausgebers.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir sprechen Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie einen unabhängigen Blickzu den Geschehnissen im Nahen Osten.
Bonus: Wöchentliches Editorial unseres Herausgebers!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!