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Rassismus, in der arabischen Welt tief verwurzelt

Propalästinensische Aktivisten versuchen die Proteste anlässlich des gewaltsamen Todes von George Floyd für sich zu instrumentalisieren
Propalästinensische Aktivisten versuchen die Proteste anlässlich des gewaltsamen Todes von George Floyd für sich zu instrumentalisieren (© Imago Images / Willi Schewski)

Arabische Intellektuelle nehmen die Prosteste anlässlich des gewaltsamen Todes von George Floyd zum Anlass, eine Aufarbeitung des arabischen Rassismus zu fordern.

Der gewaltsame Tod von George Floyd solle für die arabische Gesellschaft Anlass sein, sich mit dem bei ihr grassierenden Rassismus und vielfältigen Formen von Diskriminierung beschäftigen – das schreibt der palästinensische Journalist ‚Abd Al-Ghani Salameh in einem Beitrag für Al-Ayyam, die offizielle Tageszeitung der Palästinensischen Autonomiebehörde.

Der 46-jährige George Floyd war am 25. Mai durch einen Polizeieinsatz in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota ums Leben gekommen – mutmaßlich erstickte er am Boden liegend, als der Polizist Derek Chauvin ein Knie auf seinen Hals drückte und auch dann nicht von Floyd abließ, als dieser sagte, er könne nicht atmen.

Seither gibt es in zahlreichen Städten der USA sowohl friedliche Straßenproteste als auch Ausschreitungen, Plünderungen und Brandschatzungen. Die Stellungnahme Salamehs überrascht – denn Selbstkritik ist nichts, womit die Palästinensische Autonomiebehörde üblicherweise in Verbindung gebracht wird.

Tief verwurzelt

Der Kommentar, der von der amerikanischen Medienbeobachtungsstelle MEMRI ins Englische übersetzt wurde, ist laut dieser eine Reaktion auf zuvor in arabischen Zeitungen veröffentlichte Beiträge, die den Rassismus in den USA angeprangert hatten. Salameh schreibt:

„Floyds Tragödie ist auch eine Gelegenheit für uns Araber, die Formen des Rassismus zu untersuchen, die in unseren [Gesellschaften] seit Jahrtausenden existieren: Rassismus gegen Schwarze, [Diskriminierung] gegen Frauen, gegen Minderheiten, gegen Menschen anderer Religionen oder Konfessionen und gegen Behinderte.“

„Rassismus“, schreibt Salameh weiter, sei schon „sehr lange in arabischen Gesellschaften verwurzelt“ – seit den Zeiten, „als arabische Sklavenhändler den Indischen Ozean befuhren und afrikanische Sklaven auf die arabische Halbinsel brachten“. In der arabischen Kultur habe die Farbe Schwarz „negative, verwerfliche und pessimistische Konnotationen“. Dies zeige sich in populären Redensarten wie etwa dem Fluch: „Möge Allah dein Gesicht schwärzen.“

Salameh weist auch auf den Rassismus gegen asiatische und afrikanische Bedienstete und Arbeiter hin: Insbesondere im Libanon und am Persischen Golf, aber auch in den übrigen arabischen Ländern würden sie „geschlagen, verhaftet, des Schlafes beraubt, gedemütigt und ihrer Bezahlung beraubt, die nicht den niedrigsten Standards der Menschlichkeit genügt“.

Zudem erinnert er an die Diskriminierung von Frauen in arabischen Ländern, die in etlichen Staaten gesetzlich verankert ist:

„In einer 2014 von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) durchgeführte Studie zur Diskriminierung von Frauen weltweit rangiert der Jemen an erster Stelle, gefolgt von Sudan und Somalia. Saudi-Arabien und dem Libanon.“

Formen der Diskriminierung

Die arabische Frau sei „immer noch Schlägen und Demütigungen durch ihren Ehemann und andere Männer in ihrer Familie ausgesetzt, die sie ihres Erbes berauben und sie daran hindern können, ihre Kinder zu sehen, wenn sie geschieden ist.“ Zwar gebe es solche Verhaltensweisen auf der ganzen Welt, doch in arabischen Gesellschaften seien sie „besonders schlimm“.

Ähnlich verhalte es sich mit der Diskriminierung von Behinderten „sowohl auf offizieller als auch auf kultureller Ebene“. Ein Beispiel sei das Fehlen von Gesetzen zum Schutz von Behinderten bzw. die Nichtumsetzung solcher Gesetze. „Diese Diskriminierung spiegele sich auch im alltäglichen Verhalten der Menschen wider, in Erniedrigung und Bevormundung, Grausamkeit und Respektlosigkeit.“

Die „gravierendste“ Form der Diskriminierung in der arabischen Welt aber sei die Diskriminierung von Menschen anderen Glaubens. Sie habe in den letzten Jahrzehnten zu „Bürgerkriegen, religiösen Konflikten und Terrorakten gegen unschuldige Menschen“ geführt sowie einer „Kultur des Takfir [eine Art Exkommunikation im Islam; S.F.], in der sich Menschen gegenseitig der ‚Häresie’ bezichtigen“.

Diese „rassistische Kultur“, so ‚Abd Al-Ghani Salameh, führe „zu vielen rassistischen Vorfällen und Einstellungen, von denen einige auch in den sozialen Medien aufgetaucht sind und Empörung verursachen – von denen die meisten aber völlig vergessen sind“. Weiter schreibt er:

„Rassismus in unseren [Gesellschaften] ist ein hässliches soziales Phänomen und eine abscheuliche psychische Störung, die wir aus unseren Herzen entfernen müssen, bevor wir andere für ihren Rassismus kritisieren …“

Selten beleuchtet

Während einige der angesprochenen Punkte wohlbekannt sind, wird der Rassismus gegen Schwarze in der arabischen Welt nur selten beleuchtet. In einigen arabischen Staaten wie dem Sudan und Mauretanien wurden Schwarze bis in die jüngste Vergangenheit versklavt. In Libyen sind Sklavenmärkte in den letzten Jahren zurückgekehrt.

Ein Fall von Rassismus, über den vor Jahren auch einige Zeitungen in Europa berichteten, war ein Musikvideo der libanesischen Sängerin und Schauspielerin Haifa Wehbe. Wehbe, die von arabischen und westlichen Magazinen oft mit Wörtern wie „Sexsymbol“ und „Superstar“ beschrieben wird und als glühende Anhängerin von Hisbollahführer Hassan Nasrallah gilt, sorgte 2009 für Aufsehen, als in einem ihrer Songs Nubier – so werden die dunkelhäutigen Ägypter genannt – als Affen bezeichnet wurden. In dem Musikvideo mit dem Titel „Wo ist Papa?“ singt ein Kind, zu Wehbe gewandt: „Wo sind mein Teddybär und der nubische Affe?“

Die New York Times berichtete im August 2019 über eine im libyschen Fernsehen ausgestrahlte Sendung, in der Streiche mit versteckter Kamera gezeigt werden. Einer davon: Eine ganz schwarz geschminkte Frau kommt mit einem Kinderwagen zu einem Aufzug. Sie steigt ein, die Aufzugtür geht zu, ehe sie den Kinderwagen in den Aufzug geschoben hat. Sie brüllt in gespieltem Entsetzen zu arglosen Passanten: „Passen Sie auf meine Babys auf!“ Die Pointe, so die New York Times: „Aber als die Passanten die Wagenabdeckung zurückziehen, springen zwei Affen heraus.“

Die Zeitung führte den Fall im Rahmen eines Artikels über Rassismus in arabischer Fernsehunterhaltung an. Dabei ging es auch um das sogenannte „Blackfacing“, das Schwarzschminken von Weißen:

„Blackfacing, ein rassistisches Unterhaltungsmittel mit Wurzeln im Amerika des 19. Jahrhunderts, lebt und gedeiht in der arabischen Mainstream-Unterhaltung. In Fernsehsendern im Nahen Osten schwärzen Darsteller regelmäßig ihre Gesichter in Comedy-Sketchen, um mit erniedrigenden Stereotypen und jahrhundertealten Vorurteilen billige Lacher zu ernten.

In der arabischen Welt, in der Rassismus ein tief verwurzeltes, aber selten diskutiertes Thema ist, wird die Blackface-Komödie in den sozialen Medien zunehmend kritisiert und zwingt sogar gelegentlich zu Entschuldigungen. Die Praxis ist jedoch nach wie vor weit verbreitet und akzeptabel genug, um in großen Fernsehsendern als ein Grundmittel [der Unterhaltung] zu dienen.“

„Blackfacing und rassistische Stereotype

„Blackfacing ist widerlich und beleidigend, sagte Sara Elhassan, eine sudanesische Schriftstellerin, die in den Vereinigten Staaten lebt, gegenüber der New York Times. Es gehe indessen nicht nur um die Hautfarbe, sondern um „Stereotypen“:

„Die schwarze Person ist faul. Sie spricht nicht richtig Arabisch. Wenn es sich um Sudanesen handelt, haben sie einen lächerlichen Akzent. Oder sie liegen auf einem Bett und schlafen immer wieder ein.“

Sie spielte offenbar auf die Comedyserie Block Ghashmara an, die während des Ramadan 2018 im kuwaitischen Fernsehen gezeigt wurde und auch im Land selbst umstritten war. In jeder Folge wurde sich über eine fremde Nationalität lustig gemacht. Die „Sudanesen“, die von dunkel geschminkten hellhäutigen Schauspielern gespielt wurden, lagen wie bei einem altrömischen Gelage beieinander und machten beim Sprechen immer wieder seltsame, tierähnliche Geräusche.

Abdullahi Hassan, ein Kameramann, der in Saudi-Arabien geboren und in Ägypten aufgewachsen ist, stellte letztes Jahr auf Twitter zwei Dutzend Beispiele für Rassismus gegen Schwarze zusammen, die er arabischen Unterhaltungsmedien entnommen hatte. Das Musikvideo von Haifa Wehbe war auch darunter.

Andere Szenen enthalten Kalauer über braune oder schwarze Hautfarbe (mit Konnotationen wie „Dunkelheit“ oder „Stromausfall“) oder über die vermeintlichen Charaktereigenschaften dunkelhäutiger Menschen. Ein Ausschnitt zeigt den gefeierten saudi-arabischen Schauspieler und Komiker Nasser al-Qasabi, wie auch er mit schwarz geschminktem Gesicht einen Sudanesen parodiert.

In anderen Ausschnitten aus Film und Fernsehen werden Schwarze abfällig als „Sklaven“ oder „Türsteher“ bezeichnet. In einer Fernsehdiskussion im libanesischen Fernsehen sagte eine Libanesin, sie würde nicht mit ihrer (schwarzen) Hausangestellten gemeinsam am Tisch essen: „Der Platz des Dienstmädchens ist in der Küche, sonst vergisst es, wer es ist“.

Kein Unrechtsbewusstsein

Abdullahi Hassan kündigte an, er wolle dieses von ihm gesammelte Material für eine Dokumentation nutzen, um Bewusstsein für Rassismus in der arabischen Welt zu wecken. Er meint sogar:

„Ich sage nicht, dass es keinen Rassismus im Westen gäbe, aber es ist dort nicht so schlimm wie in der arabischen Welt.“

Der Hauptunterschied zwischen dem Rassismus im Westen und dem in der arabischen Welt sei, dass Rassismus im Westen als „Verbrechen“ betrachtet werde, in der arabischen Welt sei das überhaupt nicht der Fall.

Auf Twitter schreibt Hassan, dass er sich vor einigen Jahren mit seiner Sammlung von Belegen für den Rassismus in Fernsehshows, Filmen, Musikvideos und dem öffentlichen Diskurs in arabischen Ländern an Al-Jazeera und andere arabische Mediennetzwerke gewandt habe. Leider habe er von keinem eine Antwort erhalten.

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