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Hauspersonal: Moderne Sklaven ohne Rechte im Libanon

Afrikanische Hausangestellte in Beirut demonstrieren gegen das Kafala-System, das sie ihrer Rechte beraubt
Afrikanische Hausangestellte in Beirut demonstrieren gegen das Kafala-System, das sie ihrer Rechte beraubt (© Imago Images / ZUMA Press)

Im Libanon werden afrikanische und ostasiatische Hausangestellte wie Sklaven ge- und verkauft: aufgrund das „Kafala“-Systems haben sie kaum Rechte.

Libanesische Sicherheitskräfte haben einen Mann festgenommen, der verdächtigt wird, auf einer populären, für Kleinanzeigen genutzten Facebook-Seite eine nigerianische Hausangestellte „zum Verkauf“ angeboten zu haben. Das meldet das katarische Medienunternehmen Al-Jazeera. Zwischen Angeboten von Möbeln, Lebensmitteln und Schuhen habe dort gestanden:

„Hausangestellte mit afrikanischer Staatsbürgerschaft (Nigerianerin) zum Verkauf mit neuer Aufenthaltsgenehmigung und vollständigen Rechtsdokumenten“.

Die Annonce lief unter dem Account eines „Wael Jerro“ in der Rubrik „Kaufen und Verkaufen im Libanon“. Das genaue Datum des Eintrags sei unklar, so Al-Jazeera.

Wie es weiter heißt, sei der Verdächtige am 23. April von der libanesischen Generalsicherheitsagentur – dem Geheimdienst, der auch für die Überwachung von Ein- und Ausreisen zuständig ist – festgenommen worden. Diese habe eine Untersuchung angekündigt und mitgeteilt, dass die Internetannonce gegen die Gesetze des Landes zum Menschenhandel verstoße und die Täter strafrechtlich verfolgt würden.

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Die Verhaftung erfolgte, nachdem Justizministerin Marie-Claude Najem am Mittwoch die Justiz angewiesen hatte, den Fall zu verfolgen. Das libanesische Arbeitsministerium veröffentlichte nach Darstellung von Al-Jazeera auch eine Erklärung, wonach jeder, der im Internet Hausangestellte zum Verkauf anbiete, strafrechtlich verfolgt werde. Der Fall sei eine „offensichtliche Verletzung der Menschenwürde“, so Najem.

Die nigerianische Regierung sei „sehr wütend“, sagte Julie Okah-Donli, Generaldirektorin von Nigerias National Agency for the Prohibition of Trafficking in Persons (NAPTIP). „Die libanesische Regierung sollte [den Täter] strafrechtlich verfolgen und andere Mädchen retten, die verkauft wurden oder in die Sklaverei verkauft werden sollen.“ Mehr als 200.000 ausländische Hausangestellte leben im Libanon, die meisten aus Ländern südlich der Sahara sowie aus südostasiatischen Ländern wie Nepal und den Philippinen.

Kafala-System

Hausangestellte im Libanon sind durch das berüchtigte Kafala-(Sponsoren-)System des Landes gesetzlich an ihre Arbeitgeber gebunden, sodass sie ihre Verträge nur mit Zustimmung dieser Arbeitgeber beenden können. Beendet ein Hausangestellter seine Tätigkeit ohne dessen Zustimmung, droht ihm der Verlust seiner Aufenthaltsberechtigung. Dann wird er inhaftiert und abgeschoben und hat kaum eine Möglichkeit, einen etwaig noch ausstehenden Lohn einzutreiben. Libanesische Arbeitsgesetze gelten für ihn nicht.

Auch Opfer von Misshandlungen werden abgeschoben, ehe sie gegen irgendjemanden klagen können. Die allermeisten dieser ausländischen Arbeitnehmer sind Frauen.

In seinem Jahresbericht 2019 zum weltweiten Menschenhandel schreibt das US-Außenministerium über den Libanon, Frauen und Mädchen aus Süd- und Südostasien sowie „eine zunehmende Zahl aus Ost- und Westafrika“ seien im Libanon „häuslicher Knechtschaft“ ausgesetzt. Libanesische Regierungsbeamte und NGOs berichteten, „dass die meisten Arbeitgeber die Pässe ihrer Arbeitnehmer zurückhalten, wodurch das Risiko des Menschenhandels besteht, und NGOs berichten, dass der Missbrauch von Hausangestellten in der Regel nicht ausreichend gemeldet“ werde.

Viele Wanderarbeitnehmer kämen über legale Arbeitsagenturen in den Libanon, würden jedoch später von ihren Arbeitgebern ausgebeutet oder missbraucht. Einige Arbeitsagenturen stellten Arbeitnehmer mit betrügerischen oder falschen Stellenangebote ein.

Frauen, hauptsächlich aus Russland, der Ukraine, Weißrussland, Moldawien, Marokko und Tunesien, reisten legal in den Libanon ein, um im Rahmen des libanesischen Künstlervisumsprogramms, das drei Monate gültig ist und einmal verlängert werden kann, als Tänzerinnen in Nachtclubs zu arbeiten. Dazu heißt es in dem Bericht des US-Außenministeriums:

„Die Bestimmungen des Künstlervisums verbieten ausländischen Frauen, die in diesen Nachtclubs arbeiten, das Hotel zu verlassen, in dem sie wohnen, außer, um in den Nachtclubs zu arbeiten, die sie sponsern, und Nachtclubbesitzer behalten die Pässe und Löhne der Frauen zurück und kontrollieren ihre Bewegung. Diese Frauen erfahren auch körperlichen und sexuellen Missbrauch und häusliche Knechtschaft.“

Wiederkehrende Muster

Amnesty International hat 2018/2019 32 weibliche Hausangestellte im Libanon interviewt und ihre Aussagen in einem Bericht zusammengestellt. Es zeigten sich wiederkehrende Muster: Extrem lange Arbeitszeiten; Verweigerung eines Ruhetages pro Woche; einbehaltenes oder gekürztes Gehalt; eingeschränkte Freizügigkeit und Kommunikationsfreiheit; keine angemessene Unterkunft, Ernährung und medizinische Versorgung; Beschimpfungen und körperliche Misshandlungen.

19 der befragten Frauen gaben an, von ihren Arbeitgebern gezwungen worden zu sein, mehr als zehn Stunden am Tag zu arbeiten, und ihnen weniger als acht Stunden ununterbrochene Ruhezeit gewährt wurden. 14 von ihnen sagten, dass ihnen der wöchentliche freie Tag verweigert wurde, obwohl ein solcher in ihrem Vertrag festgeschrieben sei. Nur fünf von 32 durften ihre Pässe behalten. Zehn der Frauen sagten, ihre Arbeitgeber hätten ihnen nicht erlaubt, das Haus zu verlassen.

Einige berichteten sogar, dass ihre Arbeitgeber sie eingeschlossen hätten. Viele sagten, ihre Arbeitgeber hätten auch kontrolliert, mit wem sie gesprochen hätten. Von den 32 Hausangestellten hatten nur vier ihre eigenen privaten Räume.

Die Mehrheit der befragten Frauen gab an, mindestens einmal von ihren Arbeitgebern „demütigend und entmenschlichend“ behandelt worden zu sein, und sechs Frauen berichteten von „schwerer körperlicher Misshandlung“. Die meisten befragten Frauen gaben an, dass ihre Arbeitgeber ihnen keine angemessene medizinische Versorgung zur Verfügung gestellt hätten.

Ein Fall, der in Nigeria Aufsehen erregte, ist der der nigerianischen Hausangestellten Omolola Ajayi, die im Januar 2020 vom nigerianischen Botschafter in Beirut aus Gefangenschaft befreit und zurück nach Nigeria gebracht wurde, nachdem sie über die sozialen Medien ein selbst aufgenommenes Video mit einem Hilferuf an ihre Landsleute verbreitet hatte. Darin schilderte sie, wie sie in den Libanon kam und was sie dort vorfand:

„Ein Freund der Familie stellte mich den Libanesen vor, die mich hierherbrachten, um ihren Kindern die englische Sprache beizubringen. Es stellte sich als Lüge heraus. Als ich hier ankam, zogen sie meinen Pass ein und behielten ihn. Ich fragte, warum sie das taten, mir wurde gesagt, dass ich als Sklave verkauft worden war.

Was ich hier sehe, ist keine Kleinigkeit. Ich hoffe, ich sterbe nicht. Wenn wir krank sind, bringen sie uns nicht ins Krankenhaus und geben uns nur Schmerztabletten. Die Hälfte der Menschen, mit denen wir zusammen in den Libanon gekommen sind, ist gestorben. Die Person, bei der ich jetzt bin, wollte mich vergewaltigen, aber ich stimmte nicht zu. Ich wehre mich. Er hat mein Handy einkassiert. Er sagte, dass er es nicht zurückgeben werde, bis ich seine sexuellen Avancen akzeptiere.“

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Sie habe dem Mann, der sie beschäftigt, gesagt, dass sie nach Nigeria zurückkehren wolle, doch er habe geantwortet, dass er „für sie bezahlt“ habe und sie ihm gehöre, „tot oder lebendig“. Sie schlafe auf dem kalten Boden ohne Decke und habe Angst davor, dass sie den Mann umbringen werde, wenn er versuche, sie zu vergewaltigen, denn sie wisse, dass sie selbst dann auch getötet werde.

Im Oktober 2019 berichtete der nigerianische Fernsehsender TVC News Nigeria über drei nigerianische Mädchen im Libanon, die sich bei ihm gemeldet und über Misshandlung und Freiheitsentzug geklagt hätten. Houssam Diab, Libanons Botschafter in Nigeria, sagte dem Sender, er sei „überrascht“, das zu hören. Er mutmaßte, dass sie wohl mit „gefälschten Visa“ ins Land gekommen sein müssten.

Moderne Sklaven

Manche als Sklaven gehaltene Hausangestellte fliehen aus dem Haus ihrer Herren. Sind die Türen abgeschlossen, müssen sie an Hauswänden entlang klettern oder vom Balkon springen – so, wie die 20-jährige Äthiopierin Lensa Lelisa, die im März 2018 aus dem zweiten Stockwerk eines Gebäudes sprang und sich dabei ein Bein brach. Sie hatte gemeinsam mit einer anderen äthiopischen Hausangestellten fliehen wollen, die daraufhin ihre Flucht abbrach.

Bevor sie wieder zurück zu ihren Peinigern geschickt wurde, berichtete Lelisa in einem offenbar im Krankenhaus aufgenommenen Video von ständigen Misshandlungen: Sie sei mit Kabeln geschlagen, an den Haaren gezogen und mit Scheren verletzt worden; ein Mann habe ihr mit den Fingern in die Augen gestochen. Den Entschluss zur Flucht, so sagte sie, habe sie gefasst, nachdem dieser Mann, bevor er zum Sport ging, gesagt hatte, er werde ihr „wehtun“, wenn sie nicht genug Kleider nähe.

Bei ihren mutmaßlichen Peinigern handelte es sich nämlich laut dem Zeitungsbericht um die Besitzer eines Modelabels für Haut Couture, Eleanore Couture. Eine Gruppe von ehemaligen Hausangestellten im Libanon, die sich This Is Lebanon nennt und auf die Schicksale der in modernerr Sklaverei gehaltenen Menschen aufmerksam macht, hat auf Facebook eine Seite eingerichtet, auf der die Familie an den Pranger gestellt wird: Eleanore Couture: Dresses by Slaves.

Für Hausangestellte im Libanon, die der Sklaverei entkommen sind, gibt es einige geheime Gruppen, die den Opfern helfen, wenn sie zu ihnen kommen. Das Wissen darüber, dass es eine solche Unterstützung gibt und wie man Kontakt aufnimmt, werde unter Hausangestellten durch Mundpropaganda verbreitet, berichtete die britische Tageszeitung The Guardian 2018.

Doch dafür muss einer Hausangestellten zunächst die Flucht glücken. Die Zeitung zitiert eine Frau namens „Edith“, die zu einer christlichen Untergrundgruppe gehört, die sich um entflohene Hausangestellte kümmert:

„Manchmal bekommen wir Nachrichten von Leuten, die noch in der Wohnung gefangen sind, in der sie arbeiten. Aber wir können ihnen nicht helfen. Wir können nicht zu ihnen gelangen.“

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