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Der größte Börsengang aller Zeiten

Ölverarbeitungseinrichtung von Saudi-Aramco
Ölverarbeitungseinrichtung von Saudi-Aramco (© Imago Images / ITAR-TASS)

Saudi-Arabiens Ölgesellschaft Saudi-Aramco wird seit letztem Mittwoch an der Börse gehandelt. Zeitungen und Fernsehsender berichteten über den „größten Börsengang aller Zeiten“. Es war vielleicht auch einer der eigentümlichsten – und einer, der die Frage aufwirft, welche Folgen das für den Ölpreis haben wird und damit für uns alle, die wir Bewohner dieses Planeten sind und Öl verbrauchen.

Eigentümlich war der Börsengang deshalb, weil Saudi-Arabiens Kronprinz Mohamad bin-Salman gezwungen war, die Modalitäten in mehrfacher Hinsicht zu ändern, um sein Gesicht zu wahren und einen „Erfolg“ feiern zu können. Das fängt damit an, dass Aramco ursprünglich an einem großen Börsenplatz notiert werden sollte, also an der New York Stock Exchange (NYSE) oder in London. Dazu kam es nicht. Stattdessen wird die Aktie jetzt an der Tawadul in Saudi-Arabien gehandelt, was nicht eben die erste Adresse für internationale Unternehmen ist.

Westliche Unternehmen skeptisch

Westliche Investoren stehen dem Unternehmen offenbar zu skeptisch gegenüber: zum einen, weil der größte Anteilseigner, das saudische Königshaus, in der Welt nicht den besten Ruf hat. Zum anderen, weil die Bewertung der Aktie von westlichen Marktbeobachtern als viel zu hoch betrachtet wird.

Das New Yorker Analysehaus Bernstein etwa hält einen Börsenwert von 1,36 Milliarden Dollar für angemessen. Damit aber hätte sich Kronprinz bin-Salman nicht zufriedengegeben. Er hatte sich schon früh – nämlich schon vor fast vier Jahren, im April 2016 – darauf festgelegt, dass Aramco zwei Billionen US-Dollar wert sei. Diese Zahl nannte er in dem ersten Fernsehinterview, das er jemals gab, und dabei blieb er, Punkt.

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Bin-Salman wollte fünf Prozent der Aktien verkaufen und damit 100 Milliarden Dollar einnehmen, um Investitionen zur Diversifizierung der Wirtschaft des Landes tätigen zu können. Dass er sich auf die Zahl von „zwei Billionen“ versteift hatte, war vielleicht ein taktischer Fehler. Denn um den Aktienkurs auch nur in die Nähe zu hieven, musste er zu ungewöhnlichen Mitteln greifen. Reiche saudische Familien wurden Berichten zufolge unter Druck gesetzt, die Aktien zu kaufen, auch befreundete Staaten sollen gebeten worden sein, sich zu beteiligen; Saudi-Arabiens Regierung legte selbst noch Geld auf den Tisch und kaufte Aktien im Wert von zwei Milliarden Dollar – obwohl es doch eigentlich das Ziel gewesen war, Geld für den Staatshaushalt einzunehmen.

Vor allem aber wurden viel weniger Aktien auf den Markt gebracht, als ursprünglich geplant: Statt fünf Prozent waren es am Ende lediglich 1,5 Prozent des Unternehmens. Entsprechend schmal fallen die Einnahmen aus. Drei Milliarden Aktien wurden zu je 32 saudischen Riyal (7,63 Euro) an den Mann gebracht, das Gesamtvolumen des Börsengangs beträgt also knapp 24 Milliarden Euro. Das ist etwas mehr als der US-Börsengang der chinesischen Handelsplattform Alibaba 2014 einbrachte und reicht gerade für den Titel „größer Börsengang der Geschichte“ – ist aber eben nur ein Viertel der Summe, die bin-Salman angestrebt hatte.

Der OPEC-Boykott von 1973

Die ökonomisch und politisch interessante Frage im Zuge dieses Börsengangs ist, welche Folgen er für das Ölkartell OPEC und für den Ölpreis haben wird. Saudi-Arabien – vertreten durch Aramco – ist der mit Abstand größte Ölproduzent der OPEC und der einzige, der nennenswerte Überschusskapazitäten hat; alle anderen pumpen so viel, wie sie können. Dadurch, dass Aramco die Produktion jederzeit erhöhen oder drosseln kann, ist der Konzern in der Lage, den Preis zu beeinflussen.

So zumindest die Theorie. In der Praxis funktioniert das mal mehr, mal weniger gut. Ihre Macht präsentierte die OPEC im Oktober 1973, als sie die Welt mit einem „Ölembargo“ erschütterte und Benzin in vielen Ländern der Welt rationiert werden musste. Als Anlass gelten gemeinhin die Waffenlieferungen, mit denen die Vereinigten Staaten Israel kurz zuvor, während des Jom-Kippur-Kriegs, unterstützt hatten (die Angreifer Ägypten und Syrien waren jahrelang von der Sowjetunion mit modernen Waffen ausgestattet worden).

In einem Buch über die Geschichte Aramcos, das die amerikanische Historikerin Ellen Wald letztes Jahr veröffentlicht hat, legt sie eine andere Sichtweise dar. Die wahre Ursache sieht Wald in dem Unbehagen Saudi-Arabiens und anderer OPEC-Länder gegenüber den niedrigen Preisen, die die westlichen Ölkonzerne ihnen damals zahlten. Die nämlich förderten und verkauften das saudische Öl.

„Aramco“ steht für „Arabian-American Oil Company“. Saudi-Arabiens Regierung hatte im Jahr 1933 der US-Firma Standard Oil of California die erste Konzession zur Ölsuche erteilt. 1938 wurde das erste Öl gefunden. Aramco gehörte jahrzehntelang einer Gruppe von US-Ölkonzernen, ehe das saudische Königshaus am 9. Mai 1980 sämtliche Aramco-Aktien aufkaufte und alleiniger Besitzer wurde.

Die Preise, die die Konzerne für das in den OPEC-Ländern geförderte Öl zahlten, waren in Verträgen festgelegt und lagen im Oktober 1973 deutlich unter den Marktpreisen, die sie selbst dafür erhielten. Zudem, so Wald, war die Ölproduktion Saudi-Arabiens in sehr kurzer Zeit rasant gestiegen, von 5,4 Millionen Barrel pro Tag im Juli 1972 auf 8,4 Millionen Barrel im Juli 1973.

Dies habe die Ingenieure fürchten lassen, dass ein dadurch möglicherweise entstehender Druckabfall in den Ölfeldern diese irreparabel beschädigen könnte. Darum habe der Jom-Kippur-Krieg eine gute Gelegenheit geboten, die Fördermenge zu reduzieren, Reservekapazitäten aufzubauen, ohne aber Marktanteile an die anderen OPEC-Länder zu verlieren (weil diese ihre Fördermengen ja ebenfalls reduzierten):

„Wenn Saudi-Arabien seine heimische Produktion und seinen eigenen Export regulieren könnte, dann würde es selbst die Preise bestimmen können und in einem Präzedenzfall zeigen, dass es die Kontrolle hat. Der arabisch-israelische Krieg von 1973 gab den Saudis die Gelegenheit an die Hand, dieses Geschäftsziel zu erreichen, unter dem Deckmantel eines geopolitischen Manövers.“

Als Argument dagegen, dass es sich wirklich um einen politisch motivierten Boykott gegen die USA handelte, führt Wald an, dass Saudi-Arabien auch während des „Embargos“ die US-Kriegsmarine weiter mit Öl versorgt habe.

Zudem habe Saudi-Arabiens Ölminister Ahmed Yamani noch am 14. Oktober 1973 gegenüber den Chefs der Ölkonzerne Exxon und Shell, George Piercy und André Bénard, gesagt, er wolle „Preise und Politik nicht miteinander vermengen“. Diese aber hätten sich aber einer Preiserhöhung vehement verweigert. Fünf Tage später, am 19. Oktober 1973, beschlossen die OPEC-Länder das „Embargo“. Infolge der Förderbeschränkungen stieg der Ölpreis auf bis dahin ungekannte Höhen: Von 2,90 Dollar vor dem Embargo auf 11,65 Dollar im Januar 1974. Im März 1974 wurde das Embargo offiziell aufgehoben, die hohen Preise aber blieben.

Die OPEC war damals so mächtig, weil der Rest der Welt den Förderausfall damals nicht kompensieren konnte und der Ölverbrauch Anfang der 1970er Jahre stark zunahm. Machtlos war die OPEC hingegen, als sie Anfang der 1980er Jahre in einer Phase der stagnierenden Weltwirtschaft versuchte, den fallenden Ölpreis zu stabilisieren.

Einen erneuten Ölpreisschock gab es im August 1990 nach der irakischen Invasion Kuwaits. Die UNO verhängte ein Embargo gegen irakisches und kuwaitisches Öl. Von August 1990 bis Februar 1991 stieg der Ölpreis – auch wegen der ungewissen Folgen des Waffengangs gegen Saddam Husseins Truppen in Kuwait – immer weiter. Indem Saudi-Arabien alle seine Kapazitäten aktivierte, gelang es aber, die Folgen für die Weltwirtschaft zu begrenzen. Nirgendwo musste diesmal Benzin rationiert werden.

Ein niedriger Ölpreis und die Folgen

Während des weltweiten Wirtschaftsbooms zwischen 2004 bis 2008 stieg der Ölpreis auf einen Rekordwert von 145 Dollar im Juni 2008. Das führte zu einer fieberhaften Suche nach neuen Ölquellen und brachte Anfang des jetzigen Jahrzehnts die amerikanische Schieferölindustrie hervor, die mit neuen Methoden bis dahin unwirtschaftliche Ölvorkommen erschloss. Die USA stiegen zum weltgrößten Ölproduzenten auf und wurden im September 2019 erstmals seit vielen Jahrzehnten zum Nettoölexporteur. Neue Förderländer kamen hinzu. Ende Dezember 2019 wird das südamerikanische Guyana erstmals in seiner Geschichte Öl fördern und exportieren.

Angesichts dieser neuen Lage trafen Saudi-Arabien und die OPEC im Sommer 2014 eine folgenreiche Entscheidung: Aramco drehte die Förderhähne auf, um die Konkurrenz aus den Nicht-OPEC-Staaten durch niedrige Preise zu ruinieren. Der Ölpreis fiel von einer Spanne von 80 bis 110 Dollar, in der er sich bis dahin bewegt hatte, auf nur noch 25 Dollar pro Barrel im Frühjahr 2016. Die Ölförderländer mussten große Verluste hinnehmen, die amerikanische Ölförderung stieg trotzdem weiter.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie sich der Börsengang von Aramco auf die OPEC-Politik auswirkt. In einem Kommentar für die Nachrichtenagentur Bloomberg argumentiert Ellen Wald, dass Aramco als börsennotierter Konzern sich auch „so benehmen“ und den Wert für die Aktionäre „steigern“ müsse:

„Saudi-Arabien wird vor dem künftigen Verkauf von Aktien wie jedes andere börsennotierte Unternehmen, das die Attraktivität seiner Aktie steigern möchte, den Umsatz und den Gewinn von Aramco maximieren wollen.“

Die gängige Ansicht sei, dass die Aktienkurse von Ölunternehmen steigen, wenn die Ölpreise steigen, und dies sei für Unternehmen wie Exxon Mobil oder Total auch richtig. „Aber auch diese Unternehmen tendieren dazu, weiter zu pumpen, selbst wenn der Ölpreis so mittelmäßig ist wie jetzt, weil sie Umsatzstärke zeigen müssen.“ Als Produzent mit den niedrigsten Förderkosten, so Wald, sei es für Aramco lukrativer, mehr Öl zu verkaufen, selbst wenn das niedrigere Preise bedeute.

Wenn das stimmt, würde die ganze Welt von dem Börsengang des Aramco-Konzerns profitieren (mit Ausnahme von dessen Konkurrenten natürlich, die unter den niedrigen Ölpreisen zu leiden hätten).

Bei ihrem letzten Treffen, die kurz vor dem Aramco-Börsengang stattfand, haben die Energieminister der OPEC und Russlands („OPEC+“) eine leichte Förderkürzung beschlossen, um einem von ihnen für Anfang 2020 erwarteten Marktüberhang entgegenzuwirken. Zu einem spürbaren Anstieg des Ölpreises hat dies allerdings nicht geführt. Die nächste OPEC-Sitzung findet im März statt. Ein dauerhaft niedriger Ölpreis hätte auch den Vorteil, dass er den Sturz der despotischen Regimes im Iran und in Venezuela sicherlich beschleunigen würde.

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