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Der Antisemitismus, der nie verschwunden ist

Antisemtische Karikatur in der britischen Tageszeitung »The Guardian«
Antisemtische Karikatur in der britischen Tageszeitung »The Guardian« (Quelle: Twitter: Dave Rich)

Die antisemitische Karikatur hatte jahrhundertelang ihren fixen Platz in der europäischen Medienlandschaft und ist auch heute noch präsent, wie die britische Tageszeitung Guardian beweist.

Ben Cohen

Antisemitismus drückt sich in vielen Formen aus, aber nur wenige sind so tödlich oder so hartnäckig wie die Karikatur des hakennasigen Juden, der selbstzufrieden auf einem Haufen Geld sitzt. Diese Art von Bild tauchte im Laufe der Jahrhunderte unzählige Male in vielen Ländern und Kulturen auf, und zwar immer mit demselben Ziel: »den Juden« als einen finsteren Anderen darzustellen, der seine eigenen sektiererischen Interessen auf Kosten der Gesellschaft als Ganzes durchsetzt.

Das jüngste Beispiel stammt von der britischen Zeitung The Guardian, wobei es nicht das erste Mal ist, dass diese Publikation wegen antisemitischer Karikaturen in die Kritik geraten ist – und wahrscheinlich auch nicht das letzte Mal.

In diesem Fall dämonisierte die Karikatur Richard Sharp, den scheidenden Vorsitzenden des nationalen Rundfunksenders BBC. Das Bild ist in einem absichtlich grotesken Stil gezeichnet und zeigt zwei Figuren: Sharp und den ehemaligen britischen Premierminister Boris Johnson, der als pummeliges nacktes Baby dargestellt wird, das auf einem braunen Schutthaufen sitzt und Sharp fröhlich versichert, dass »ich Sie für einen Adelstitel in der New Year’s Honors List vorschlage«, was ein britischer Ausdruck dafür ist, jemanden offiziell für die Aufnahme in das Oberhaus zu nominieren.

Bloß Israelkritik?

Wie es sich – in der Vorstellung der Antisemiten – für einen ehrgeizigen und selbstherrlichen Juden gehört, der seinen sozialen Status aufbessern wolle, wurde Sharp mit fleischigem Gesicht, einer Hakennase und einem verschlagenen, hinterhältigen Gesichtsausdruck gezeichnet, während er eine Kiste mit der Aufschrift »Goldman Sachs« trägt, jener Investmentbank, bei der er früher gearbeitet hat und dort Chef des derzeitigen britischen Premierministers Rishi Sunak war. 

Sowohl einzeln als auch in ihrer Gesamtheit vermitteln all diese Bildelemente das Stereotyp von Sharp als einem jüdischen Infiltrator, der eine der angesehensten britischen Institutionen und den Premierminister des Landes nach Belieben zurechtbiegt.

Die Karikatur löste innerhalb und außerhalb der jüdischen Gemeinde große Empörung aus. Daraufhin entfernte der Guardian das Bild von seiner Website und entschuldigte sich bei der jüdischen Gemeinde und allen anderen, die sich beleidigt fühlten. Der Karikaturist Martin Rowson entschuldigte sich ebenfalls und erklärte, er empfinde »großes Bedauern, das Gefühl, eine große Idiotie begangen zu haben und tiefe Scham«. Wie er mitteilte, sei ihm zwar bewusst gewesen, dass Sharp Jude ist, gleichzeitig behauptete Rowson aber, dass ihm »diese Tatsache nie in den Sinn kam, als ich ihn zeichnete«.

Wieder einmal hat der Guardian eine Menge zu erklären; nicht zuletzt, warum seine Redaktion nicht in der Lage zu sein scheint, antisemitische Bilder zu erkennen, die Juden mit ungefähr so viel Subtilität verunglimpfen wie eine Karikatur des Propheten Mohammed mit einer Bombe (die zu Recht und ansatzlos als islamfeindlich angeprangert würde) oder eine Karikatur eines mit einem Kapuzenpullover bekleideten schwarzen Jugendlichen, der einen Weißen mit vorgehaltener Waffe ausraubt (die zu Recht und ansatzlos als rassistisch angeprangert würde).

Es gibt – mindestens – zwei mögliche Erklärungen für diesen Mangel an Bewusstsein. Die erste ist relativ harmlos: Die Menschen sind sich heutzutage kaum noch bewusst, was antisemitische Bilder sind, weil sie solche im Vergleich zu ihren Altersgenossen im 19. und 20. Jahrhundert kaum noch öffentlich zu sehen bekommen. Der zweite Punkt ist noch beunruhigender: Klagen über Antisemitismus sollen von vornherein verdächtig sein, ein Instrument darzustellen, um legitime Debatten über den jüdischen Einfluss zu unterbinden, insbesondere, wenn es um die Unterstützung des Staates Israel gehe.

Die Ablehnung jüdischer Sorge über antisemitische Feindseligkeit gegenüber Israels Existenz wird allzu oft als bloße Ausnutzung der historischen jüdischen Opferrolle dargestellt, die bloß dazu diene, die Palästinenser in ihrem Status als Opfer Israels zu zementieren und Kritik daran zu unterbinden. Dieses Argument, das häufig auf den Seiten des Guardian vorgebracht wird, hat zu einer Desensibilisierung gegenüber dem Antisemitismus im Allgemeinen geführt. 

Wenn Israel als ein unterdrückerischer Staat betrachtet und dargestellt wird, der von wohlhabenden Diaspora-Juden eifrig mit Geld und politischem Einfluss unterstützt werde, dann bleibt nur wenig Raum für Empathie mit dem aktuellen Gefühl der Unsicherheit der jüdischen Gemeinschaft oder für eine Identifikation mit deren Verfolgung, die frühere Generationen geprägt hat.

Monströse Darstellungen

Der Antisemitismus, der nie verschwunden ist
»Flamen: das Gewehr zur Hand«: Rekrutierungsposter der 27. SS-Freiwilligen-Division »Langemarck« (Quelle: JNS)

Eine typische Reaktion jüdischer Funktionäre in solchen Situationen ist der Ruf nach mehr Bildung – über das Judentum, die jüdische Kultur, den Holocaust, die Beziehungen zwischen Israel und den jüdischen Gemeinden im Ausland und vieles mehr. Das Problem bei der Förderung von »Bildung« als Mittel zur Eindämmung antisemitischer Gefühle ist die ziemlich voraussetzungsvolle Annahme, das in einem Klassenzimmer gewonnene Wissen und die daraus resultierenden Einsichten würden die antisemitische Bigotterie übertrumpfen, die in den sozialen Medien, auf Schulhöfen, in bestimmten Moscheen und an anderen analogen und digitalen Orten verbreitet wird.

Gerade weil es keine Erfolgsgarantien gibt, ist es von entscheidender Bedeutung, dass die angebotenen Bildungsprogramme exzellent bezüglich der inhaltlichen Analyse und unnachgiebig bezüglich der gezogenen Schlussfolgerungen sind. 

Erst letzten Monat schrieb ich über eine außergewöhnliche Sammlung antisemitischer Bilder und Gegenstände – Postkarten, Spazierstöcke, Gemälde und andere Devotionalien –, die sich derzeit an der Technischen Universität Berlin in Deutschland befindet. Die Sammlung wurde nach dem Holocaust von Arthur Langerman, einem belgisch-jüdischen Holocaust-Überlebenden, zusammengetragen und erstreckt sich zeitlich über mehrere Jahrhunderte und räumlich über mehrere Kontinente.

Da ich seit mehr als zwanzig Jahren über Antisemitismus berichte, glaubte ich, relativ unempfindlich gegenüber solchen Bildern zu sein, aber ich gebe zu, nicht auf das vorbereitet gewesen zu sein, was ich in der Langerman-Sammlung sah. Jede monströse Darstellung von Juden, die man sich nur vorstellen kann – darunter der sexuelle Missbrauch von Kindern, die Hinrichtung von Jesus und die freudige Beteiligung von Juden am Wucher – ist darin enthalten.

Langerman erklärte mir, sein Hauptmotiv für die Zusammenstellung dieser Sammlung, der größten ihrer Art weltweit, bestand darin, eine immerwährende Frage zu beantworten: Wie konnte ein scheinbar zivilisiertes Land wie Deutschland sechs Millionen Juden entmenschlichen und dann ausrotten? Seine Antwort sei, dass die Deutschen »mit antisemitischen Bildern überschwemmt wurden, die Juden als Ratten, Ungeziefer und Spinnen zeigten, also Ungeziefer, das man loswerden muss. Das war die Botschaft, die sie die hundert Jahre vor der Shoah erhielten. Deshalb habe ich auch niemals eine einzige Aussage eines Nazis gefunden, in der gesagt wurde: Ich bereue, was ich getan habe‹.«

Langsam, aber sicher schleicht sich erneut eine ähnliche Symbolik in den öffentlichen Diskurs ein. So traurig es auch ist, aber Rowsons Karikatur von Richard Sharp im Guardian würde gut in Langermans Sammlung passen. Aus diesem Grund sollte jeder politische Karikaturist die Gelegenheit erhalten, Langermans Archiv zu studieren, und jüdische Organisationen täten gut daran, Besuche der Ausstellung zu organisieren.

Wird es gelingen, über die Vermittlung von Kenntnissen über die lange visuelle Tradition des Antisemitismus die Karikaturisten zu überzeugen, dass Juden zwar wie alle anderen Menschen auch ein gerechtfertigtes Objekt für Satire sind, ihr Jüdischsein dabei aber außen vorgelassen werden sollte? Wir sind es uns selbst schuldig, es zu versuchen.

Ben Cohen ist ein in New York lebender Journalist und Autor, der eine wöchentliche Kolumne über jüdische und internationale Angelegenheiten für Jewish News Syndicate schreibt. (Der Artikel erschien auf Englisch beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber.)

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