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Das Dilemma des syrischen Wiederaufbaus

Das Dilemma des syrischen Wiederaufbaus„Ich nenne das, was in meinem Heimatland geschieht, eine ‚Kriegswelt‘: Nirgendwo sonst treffen heute so viele Mächte aufeinander wie in Syrien. Vier UN-Sicherheitsratsmitglieder haben sich militärisch in unterschiedlicher Intensität am Krieg beteiligt: die USA, Russland, Frankreich und Großbritannien. Zwei Regionalmächte – der Iran und die Türkei – haben Truppen in Syrien, und Israel fliegt regelmäßig Luftangriffe. Hinzu kommen zahlreiche dschihadistische Milizen.

93 Monate sind seit dem Beginn des zunächst friedlichen Aufstands gegen die Diktatur vergangen, auf den ich immer gehofft, den ich aber kaum für möglich gehalten hatte. Ich habe den Aufstand zu Beginn als Befreiung empfunden. Doch heute bin ich voller Trauer und Wut. Dass das Regime seine Gegner gnadenlos verfolgen würde, war abzusehen. Dass der Westen die freiheitlichen Kräfte so im Stich lassen und seine eigene Gestaltungsmacht so einfach aufgeben würde, war es nicht. (…)

Heute leben 80 Prozent der Menschen in Syrien in Armut. Das Land wieder aufzubauen, ohne diejenigen zur Verantwortung zu ziehen, die es zerstört haben, verletzt nicht nur die Würde der Opfer; es belohnt jene, die diese beispiellosen Verbrechen begangen haben.

Die Notwendigkeit des Wiederaufbaus stellt alle Gegner des Regimes vor ein Dilemma, auch mich. Einerseits möchte ich, dass die Not der Syrer gelindert wird. Es müssen Schulen und Wohnungen her, und sie müssen aus dem Ausland finanziert werden. Andererseits weiß ich, dass in Syrien nichts gebaut werden kann, ohne dass korrupte Regimekräfte Geld abzweigen. Jede Hilfe nützt auch dem Regime. Es gibt keinen Ausweg aus dieser Zwickmühle. (…)

Manchen Diplomaten und Experten, die sich all diese Jahre mit Syrien beschäftigt haben, ist das bewusst. Aber selbst jene, die mit der Idee der Revolution sympathisiert haben und die das Assad-Regime verurteilen, fügen sich nun der Logik der Siegermächte. Sie folgen der Doktrin, nach der auch ein verbrecherischer Staat – selbst wenn er Völkermord begeht –, noch besser ist als der Zerfall der Staatlichkeit. Denn der Staat steht für Ordnung. Ein Staat ist etwas, womit andere Staaten umzugehen wissen, und für diesen Umgang gibt es gewisse Regeln und Foren. Alles andere bedeutet – so die vorherrschende Sichtweise im Westen – Komplikationen.

Das ist nicht unbedingt Ausdruck böser Absichten. Vielmehr hält man in Europa das, was sich Staat nennt, eben für etwas, das dem eigenen Gemeinwesen ähnelt. Es kommt kaum jemandem im Westen in den Sinn, dass es sich dabei auch um das Privateigentum einer mafiösen Familie handeln kann, wie es in Syrien der Fall ist.“ (Yassin Al Haj Saleh: „Unser Krieg, euer Verrat“)

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