Generic selectors
Exact matches only
Search in title
Search in content
Post Type Selectors

Antisemitismus auf der documenta? Gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen!

Kritik an der documenta? Für einen SN-Jouranlisten bloß »selbstgerechte Vorverurteilungen« und »reflexartige Rundumschläge«. (© imago images/Fotostand)
Kritik an der documenta? Für einen SN-Jouranlisten bloß »selbstgerechte Vorverurteilungen« und »reflexartige Rundumschläge«. (© imago images/Fotostand)

Wie in einer österreichischen Tageszeitung das ganze Jahr über der Antisemitismus-Skandal der documenta kleingeredet wurde.

Seit die Diskussionen über die documenta fifteen zu Jahresanfang begonnen haben, war Martin Behr auf den Seiten der Salzburger Nachrichten vor allem damit beschäftigt, das Konzept der Ausstellungsmacher zu lobpreisen und die schon früh lautgewordene Kritik am israelfeindlichen und antisemitischen Einschlag der Schau kleinzureden.

Auf der einen Seite präsentierte Behr also über Monate hinweg die Ausstellungskuratoren des indonesischen Kollektivs Ruangrupa, die in einem Interview eingestanden, dass sich in ihrer Heimat kaum jemand um sie schert, als Stimme »des globalen Südens«, der »den Aufstand probt«. Ihre Agitprop-Vorstellungen von der Welt stellten für ihn »eine Horizonterweiterung in inhaltlicher wie geografischer Hinsicht« dar, die »Potenzial für Legendenstatus« habe. »In Kassel«, so lobhudelte Behr, sei »der globale Süden angetreten, eine Neuformatierung der Kunstwelt einzuleiten«. In Einwänden gegen das Ausstellungskonzept sah er dagegen nur »selbstgerechte Vorverurteilungen« und »reflexartige Rundumschläge«.

Auf der anderen Seite bemühte sich Behr nach Kräften, den Antisemitismus-Skandal rund um die documenta, der bei Behr stets nur in Anführungszeichen firmiert, als sei er gar keiner, kleinzuschreiben, den in etlichen Ausstellungsexponaten offen zutage getretenen Israelhass zu verharmlosen und Kritik an antisemitischen Machwerken als »weit überzogen und unangebracht« abzuschmettern.

Gut, die Stürmer-artigen Darstellung von Juden, die mitten in Kassel ausgestellt wurde, fand dann sogar Behr »peinlich« und einen »Schatten über der documenta«. Aber bereitwillig akzeptierte er jede vermeintliche »Entschuldigung« der Verantwortlichen, denen es an »Sensibilität« gemangelt habe. Gleichzeitig nahm er sie stets auch in Schutz, in Wirklichkeit etwas ganz anderes im Sinne gehabt zu haben, als groben Antisemitismus zu propagieren, denn: »Dem globalen Süden war vieles andere wichtiger.«

An dieser Haltung Behrs hat sich bis heute nichts geändert, wie sein am letzten Samstag erschienener Artikel über den Abschluss der documenta unter Beweis stellt. Nach wie vor ist er fasziniert von dem, was in Kassel alles hätte geschehen können: ein »Beitrag zur Versöhnung zwischen dem westlichen Kunstbetrieb und dem ›globalen Süden‹«, eine »Emanzipation vom kapitalistischen System« und dergleichen mehr. Wenn, ja, wenn da nicht der »Antisemitismusskandal« (selbstverständlich wieder in Anführungszeichen) wäre, der das alles überschattet habe. All das Gute und Schöne, für das die Kuratoren von Ruangrupa angeblich gestanden wären, sei durch die mangelnde Vorsicht beschädigt worden, ein offen antisemitisches Werk ausgestellt zu haben. Mit diesem »Zündfunken« sei der »von Manchen herbeigesehnte Skandal« losgegangen.

Nichts verstanden

Nach mehr als einem halben Jahr der Debatten hat Behr offenbar noch immer nicht verstanden, worum es dabei überhaupt ging. Erste Antisemitismus-Vorwürfe gegen einen palästinensischen Künstler, so konstatiert Behr, hätten »sich als haltlos erwiesen«. Dass die Bilderreihe nicht zufällig »Guernica Gaza« hieß, dass Mohammed Al Hawajri darin die israelische Armee mit der Nazi-Luftwaffe auf eine Stufe stellte und die Kritik diese Gleichsetzung Israels mit dem Nationalsozialismus völlig zu Recht als antisemitisch anprangerte, ficht Behr nicht an. Er stellt trotzig fest, »Kritik an der Siedlungspolitik Israels ist a priori eben kein Antisemitismus« – als habe das jemand behauptet und als ob es darum gegangen wäre.

Weitere skandalöse Beiträge zur documenta wie die Huldigung der »antiimperialistischen Solidarität zwischen Japan und Palästina«, die sich unter anderem in einem blutigen Massaker am israelischen Flughafen Lod 1972 durch Terroristen der Japanischen Roten Armee niederschlug, lässt Behr geflissentlich beiseite.

In seinem Resümee geht Behr mit keinem Wort darauf ein, dass das von den Gesellschaftern der documenta eingesetzte wissenschaftliche Gremium unlängst feststellte, »dass die gravierenden Probleme der documenta fifteen nicht nur in der Präsentation vereinzelter Werke mit antisemitischer Bildsprache und antisemitischen Aussagen bestehen, sondern auch in einem kuratorischen und organisationsstrukturellen Umfeld, das eine antizionistische, antisemitische und israelfeindliche Stimmung zugelassen hat«.

Behr ignoriert dieses verheerende Urteil, weil er die ganze Debatte, in der aus seiner Sicht »sämtliche Relationen verloren« gegangen seien, von Anfang an nicht ernst nahm, sondern als »medial veranstaltete Schnitzeljagd nach antisemitischen Motiven« sah, die in allem Furor in Wahrheit nur »einige wenige Verdachtsmomente« zutage gefördert hätte. Viel Nachsicht hat er dagegen mit den Verantwortlichen für dieses Debakel. Die Kuratoren mögen »überfordert« gewesen sein, vielleicht sei auch »Naivität« im Spiel gewesen. Jedenfalls sei ihre »Entschuldigung« ungehört verhallt.

Dass die Kuratoren und etliche Künstler sich zuletzt darauf beschränkten, in plumpen Rundumschlägen Kritiker als Rassisten zu diffamieren und jeglichen »Dialog« verweigerten, obwohl sie dieses Schlagwort ständig im Munde führen, lässt Behr unter den Tisch fallen. Während etwa das Internationale Auschwitz Komitee das »trotzige Beharren vieler Verantwortlicher und den Rückzug hinter die Mauern der eigenen Arroganz« seitens der documenta-Macher konstatiert, trauert Behr dem Umstand nach, dass die »revolutionären Ideen« der Kuratoren von Ruangrupa »negiert« worden seien – das war die ganze Zeit über der einzige Skandal, den er zu entdecken vermochte. Was den Antisemitismus betrifft, lautete sein Motto gleichermaßen unbeeindruckt wie beharrlich: Gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen.

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren sowie ein Editorial des Herausgebers.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren