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Afghanistan: Hazara im Fadenkreuz

Solidaritätsdemonstration mit den Hazara in Amsterdam
Solidaritätsdemonstration mit den Hazara in Amsterdam (© Imago Images / Richard Wareham)

Nicht nur die Situation der Frauen in Afghanistan gibt Anlass zur Sorge, auch die Volksgruppe der Hazara sieht sich immer öfter Angriffen ausgesetzt.

Als die Taliban im Sommer 2021 die Regierung in Kabul übernahmen, versicherten sie der Welt, sie hätten sich geändert. Die Extremisten bekannten sich zum Recht der Frauen auf Bildung und zum Schutz religiöser Minderheiten. Doch mittlerweile wird jungen Frauen der Zugang zu Universitäten verwehrt, und die schiitische Volksgruppe der Hazara befürchtet, die Taliban könnten erneut Massaker an ihnen verüben und sie aus ihren Siedlungsgebieten vertreiben. 

Tötung, Vertreibung, Genozid

Geschätzte vier Millionen Hazara leben in Afghanistan, hauptsächlich in den zentralen Provinzen und der Hauptstadt Kabul. Als Schiiten bilden sie eine Minderheit, die von fundamentalistischen Sunniten als Ungläubige angesehen werden. In den 1890er Jahren gipfelten die Übergriffe gegen Hazara in einen Völkermord: Nach dem Fall der schiitischen Safawiden und der Gründung des modernen Afghanistans weigerten sich die Hazara, sich dem paschtunischen König Abdur Rahman Khan zu unterwerfen. Die Rebellion wurde blutig niedergeschlagen, mehr als die Hälfte der damaligen Hazara-Bevölkerung soll im Zuge des Aufstands getötet worden sein, andere flohen oder wurden gewaltsam vertrieben.  

Viele Hazara fanden damals Zuflucht im Iran oder in Pakistan, wo bis heute große Hazara-Gemeinschaften leben. Auch nach der Machtübernahme der Taliban 2021 gingen zahlreiche Hazara ins iranische oder pakistanische Exil.

Im afghanischen Bürgerkrieg, der in den 1990er Jahren auf den Abzug der sowjetischen Truppen folgte, kam es wiederholt zu Übergriffen an der Hazara-Zivilbevölkerung. Und auch während der repressiven Herrschaft der Taliban von 1996 bis 2001 war sie gezielten Tötungen und Vertreibungen ausgesetzt. Heute befürchtet sie eine Wiederholung der Geschichte.

Seit der Übernahme der Regierungsgeschäfte im August 2021 haben die Taliban versucht, die Ängste der Hazara vor Diskriminierung und Verfolgung zu beschwichtigen: Sie hätten sich geändert, dieses Mal würde es nicht so weit kommen, versicherten ihre Anführer. Diese Bekenntnisse zum Schutz der Hazara richten sich auch an den Iran. Der schiitische Nachbar steht den Taliban aus geopolitischen Gründen nahe und unterstützte die Extremisten in den grenznahen Gebieten bereits vor deren Machtergreifung. Nach Ansicht von Experten geschieht dies vor allem deshalb, weil Teheran sich den Zugang zu wichtigen Wasserquellen in Afghanistan sichern will.

Inwieweit der Iran seinen Einfluss bei den Taliban geltend machen kann oder will, um sich für die Sicherheit der schiitischen Hazara einzusetzen, ist unklar. Fest steht, dass es seit dem Regierungsantritt der Taliban zu regelmäßigen Angriffen gegen Hazara kommt. Nicht immer ist klar, wer dahintersteckt.

Selbstmordattentate in Moscheen

Im September 2022 wurden in Kabul bei einem Anschlag auf eine Privatschule mehr als fünfzig Hazara-Mädchen getötet. Offiziell bekannte sich zwar niemand zu dem Blutbad, allerdings steht die Gruppe Islamischer Staat Khorasan Provinz (ISKP) im Verdacht. Der afghanische IS-Ableger soll in den vergangenen eineinhalb Jahren mindestens 260 Anschläge in verschiedenen Provinzen ausgeführt haben.

Die salafistische ISKP ist vorwiegend im Norden und Osten Afghanistans, vor allem in der Provinz Nangarhar und der Hauptstadt Kabul aktiv, wo sie Sicherheitskräfte der Regierung als auch Zivilisten angreift. Auch der Anschlag am Flughafen von Kabul während des Abzugs der internationalen Truppen im August 2021 ging auf ihr Konto. Damals wurden mehr als 170 Menschen getötet und weitere 200 verletzt.

Der ISKP tauchte im Jahr 2015 das erste Mal in Afghanistan auf. Die Zahl der Kämpfer wird auf rund 4.000 geschätzt, darunter auch ehemalige Mitglieder des afghanischen Geheimdienstes und militärischer Eliteeinheiten, die sich den Dschihadisten anschlossen, um den Taliban Widerstand zu leisten. Dem ISKP wird ein Großteil der Angriffe auf die Hazara angelastet. Am 8. Oktober 2021 verübten die Dschihadisten einen Selbstmordanschlag auf eine schiitische Moschee in Kunduz, bei dem 72 Menschen getötet und 143 verwundet wurden, hauptsächlich waren es Hazara. Eine Woche später folgte ein weiteres Attentat während eines Freitagsgebets in einer von Hazara besuchten Moschee in Kandahar, dem 47 Menschen zum Opfer fielen.

Unklare Rolle der Taliban

Doch nicht nur die mit den Taliban verfeindete ISKP tötet gezielt Hazara, auch die Taliban werden beschuldigt, Mitglieder der Volksgruppe anzugreifen. Im November letzten Jahres führten sie eine Operation in der mehrheitlich von Hazara bewohnten Provinz Daikundi durch. Offiziell, um bewaffnete Rebellen zu bekämpfen. Aber die Einwohner eines Dorfes außerhalb der Provinzhauptstadt Nilli berichteten, dass unter den Toten auch acht Zivilisten gewesen seien, darunter ein 14-jähriger Junge. Zahlreiche andere wurden verletzt.

Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International berichten von Folterungen und Tötungen von Hazara durch Taliban. Doch wie obiges Beispiel zeigt, ist nicht immer klar, ob sich diese Angriffe gezielt gegen die Minderheit der Hazara richten oder gegen ehemalige Sicherheitskräfte, von denen einige Hazara sind (was ebenso ein Verbrechen wäre, aber kein ethnisch oder religiös motiviertes).

Ein Hazara und früherer Regierungsmitarbeiter erklärte Al-Monitor, dass trotz der Befürchtungen nach der Machtübernahme der Taliban die Minderheit der Hazara bisher nicht stärker ins Visier genommen werde als vor der Machtübernahme durch die Extremistengruppe. Doch auch wenn die Taliban-Regierung nicht hinter den Anschlägen gegen die Hazara steckt, zeigt es doch, dass sie nicht für die Sicherheit der religiösen Minderheit sorgen kann – oder will. Dazu passt auch die Vermutung mancher Afghanen, Teile der Taliban würden mit dem ISKP kooperieren, auch, um nicht offiziell mit unpopulären Handlungen wie etwa Mord und der Vertreibung von Hazara in Verbindung gebracht zu werden.

Fest steht, dass das Leben für die schiitischen Hazara nach der Machtübernahme der Taliban gefährlicher geworden ist und ihre Ängste vor weiteren Massakern und erneuten Zwangsvertreibungen begründet erscheinen. 

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