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80 Jahre „Farhud“: Das vergessene Massaker an Juden in Bagdad

Der 1. Juni ist der Internationale Gedenktag an den Farhud
Der 1. Juni ist der Internationale Gedenktag an den Farhud (Quelle: Facebook Stand With Us)

Der Farhud gehört zu den schlimmsten Pogromen der Weltgeschichte. Warum also taucht er in deutschsprachigen Ausstellungen und Veröffentlichungen über den Holocaust nie mit auf?

„Sie drangen weiter und weiter vor. Bewaffnet mit Pickeln, Dolchen, manchmal auch mit Gewehren. Sie kamen in Wellen, umringten die Stadt, nahmen sie ein. Kampfparolen ertönten von allen Seiten. Auf ihrem Weg zogen sie die Muslime mit sich, verschonten die Christen. Sie jagten nur die Juden. Je weiter sie voranschritten, desto voller wurden ihre Reihen, quollen über von Frauen, Kindern und Jugendlichen, die Freudenschreie ausstießen, wie man sie sonst bei großen Hochzeiten oder Festen vernahm.

Es geschieht in Abou Sifaine, dem ärmsten Viertel der Stadt. Sie rammen Türen ein, und dann kommt der große Umzug. Was man nicht transportieren kann, wird demoliert. Danach gelangt eine zweite Welle in die verwüsteten Räume. Keine Beute ist mehr vorhanden. Die Männer werden fortgebracht. Wer den geringsten Widerstand leistet, wird auf der Stelle abgestochen. Und die Frauen müssen den raubenden Männern zu Willen sein.“

So schildert ein Augenzeuge den von mehreren Tausend Muslimen begangenen Pogrom. Er fand vor genau 80 Jahren, am 1. und 2. Juni 1941, in Bagdad statt, einer Stadt, in der damals ein gutes Viertel der Bevölkerung jüdisch war.

Das Morden und die Orgien der Zerstörung hielten ganze 30 Stunden an. Überlebende erinnern sich an den Ausruf Cutal al yehud – „Schlachtet die Juden!“ und an die Todesschreie der Opfer. Die irakischen Ordnungskräfte schauten zu. Die Leichname von 179 Jüdinnen und Juden konnten identifiziert werden. Weitere 600 Opfer sollen einem BBC-Bericht zufolge in Massengräber geworfen worden sein. Es wurden 586 jüdische Unternehmen und 911 Wohnhäuser verwüstet, Synagogen angezündet und Tora-Rollen zerstört.

Wie war es zu dieser Farhud genannten Katastrophe gekommen, und welche Rolle hatte hierbei die antijüdische Aufstachelung der Muslime durch Nazi-Deutschland gespielt?

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Staatsstreich gegen Großbritannien

Im Vorfeld dieses Massenmords waren es besonders zwei Personen, die in Bagdad für die Nazis warben und den Antisemitismus verbreiteten: Zum einen Amin al-Husseini, der Mufti von Jerusalem, der kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs sein Versteck in Beirut verlassen musste und seit Oktober 1939 sein Unwesen in Bagdad trieb.

Zum anderen Fritz Grobba, seit 1932 deutscher Gesandter im Irak der unter anderem die 1935 gegründete staatliche Jugendorganisation al-Futuwwa förderte, die sich 1938 mit einer Abordnung am Aufmarsch der Hitlerjugend auf dem Nürnberger Parteitag beteiligte. Er verbreitete Nazi-Filme, Nazi-Bücher und Nazi-Pamphlete in der Hauptstadt Iraks.

Die Pro-Nazi-Kampagnen dieser beiden Herren gipfelten am 1. April 1941 im Staatsstreich des achsenfreundlichen Raschid Ali al-Gailani, dem antijüdische Ausschreitungen und Demonstrationen folgten.

Für London war mit diesem Putsch eine rote Linie erreicht. Am 2. Mai 1941 begann der kurze britisch-irakische Krieg. Die Niederlage al-Gailanis war absehbar. Hitler, für den der unmittelbar bevorstehende Feldzug gegen die Sowjetunion Vorrang hatte, konnte dessen Regime nicht wirklich unterstützen. Ende Mai standen die Streitkräfte Großbritanniens bereits kurz vor Bagdad.

Am 31. Mai flohen die Putschisten, angeführt von Raschid Ali al-Gailani und Amin el-Husseini, in den Iran. Zu diesem Zeitpunkt dürfte der Farhud, der einen Tag später begann, bereits beschlossene Sache gewesen sein: so hatte man die Geschäfte von Muslimen vorab markiert, damit sie nicht ebenfalls zerstört würden. Das Massaker fand Anfang Juni gleichwohl in einem Mächtevakuum statt: die Putschisten waren verschwunden, die den Briten nahestehende neue Regierung noch nicht im Amt.

Eine später von der irakischen Regierung eingesetzte Untersuchungskommission machte zwei Ursachen für das Pogrom aus: die Agitation von Amin el-Husseini und die Rundfunkpropaganda aus Berlin. Was ist über diese Propaganda bekannt?

Radio Zeesen peitscht ein

Der britisch-irakische Konflikt „eröffne ein gutes Feld für unsere arabischen Sendungen“, frohlockte Joseph Goebbels am 3. Mai 1941, als die Auseinandersetzung ihrem Höhepunkt zutrieb. „Wir müssten versuchen, die arabischen Instinkte nur für unsere Zwecke einzusetzen.“

In den kommenden Wochen wurde insbesondere der Islam für die Zwecke des Nationalsozialismus eingesetzt. Während dieser Wochen stand der Mufti al-Husseini mit den Machern des Nazi-Rundfunks in Zeesen bei Berlin in ständigem Kontakt. Das arabischsprachige Programm dieses Nazi-Senders war in Bagdad bekannt und beliebt. Al-Gailani ließ es während seiner kurzen Herrschaft massiver denn je verbreiten.

Am 5. Mai 1941 berichtete Radio Zeesen vom Aufruf des Mufti, „zu den Waffen gegen England zu greifen“. Al-Husseini präsentierte irakische Geistliche, die feierlich erklärten, dass „kein Mohammedaner mehr auf der Seite Britanniens kämpfen werde, ohne sich gegen die Interessen des Islam zu versündigen“. Am 11.Mai 1941 zitierte der Nazi-Sender Amin el-Husseini erneut: „Der irakische Kampf ist ein Kampf für alle Mohammedaner und somit ein heiliger Krieg des Islam.“

Schnell zeichnete sich jedoch ab, dass die Putschisten ohne den Beistand Deutschlands keine Chance haben würde. Jetzt aber erklärte der Mufti die 80.000 in Bagdad lebenden Juden kurzerhand zum Sündenbock: Sie hätten den Briten Informationen übermittelt und ihnen auf diese Weise zum Vormarsch verholfen. Ohne den geringsten Beweis schob er ihnen auch in seinen später erschienenen Memoiren das Scheitern des al-Gailani-Coups in die Schuhe.

Am 26. Mai, wenige Tage vor dem Massaker, kam schließlich Junus Bahri im Sender Zeesen zu Wort. Bahri, ein ehemaliger Sprecher des irakischen Rundfunks, war mit seiner speziellen Ansprache an die arabischen Massen das Aushängeschild des Nazi-Senders und ausgesprochen populär. Auch er griff zum Instrument der Religion, um seine irakische Zuhörerschaft anzufeuern:

„Die Araber haben die Juden bekämpft und sie vor 1.400 Jahren von der arabischen Halbinsel vertrieben. Muhammad war der erste, der sie vertrieb. … Die Araber des Irak bezeugen jetzt, wie die Juden gemäß den britischen Befehlen [also angeblich als Verräter, M.K.] gehandelt haben. … Die Juden sind überall ein Gräuel. Erinnert Euch an die Worte des Korans: Die größten Feinde der Menschheit sind die Juden.“

Geschickt wurde hier eine durchgehende Linie vom Frühislam des 7. Jahrhunderts bis zum Scheitern des Pro-Naziputschs im Jahr 1941 konstruiert. Die Juden, so die Botschaft, seien überall und jederzeit ein „Gräuel“ und deshalb zu vernichten.

Vermutlich hätte diese religiöse Agitation für sich genommen kein Massaker provoziert. Doch in Verbindung mit der Vorarbeit von Grobba und dem Mufti und angesichts der Niederlage im kurzen britisch-irakischen Krieg dürfte sie wesentlich dazu beigetragen haben, dass den Worten Taten folgten und Hunderte Juden verstümmelt oder ermordet wurden.

Muslime retteten Juden

Die britischen Truppen, die sich zum Zeitpunkt des Pogroms nur wenige Kilometer von Bagdad entfernt aufhielten, ließen den Mob gewähren. Natürlich hätten sie dazwischen gehen und das Schlimmste verhindern können. Vermutlich hatten sie jedoch Angst, in diesem Fall den von der Nazipropaganda geschürten Eindruck, die Briten seien die Büttel der Juden, zu bestätigen.

Im Unterschied dazu versuchten zahlreiche Muslime ihre jüdischen Nachbarn gegen den Mob zu schützen. Nicht wenige von ihnen zahlten dafür mit dem Leben, so zum Beispiel der schiitische Führer Sayid Aboul Hassan al-Mouqsawi. Es war ihrem couragiertem Einschreiten zu verdanken, dass die Bilanz des Gemetzels nicht noch schrecklicher ausfiel.

Zweifellos gehört der Farhud zu den schlimmsten Pogromen der Weltgeschichte. Historiker haben nachgewiesen, dass die arabischsprachige Nazi-Propaganda aus Berlin ein entscheidender Auslöser war. Diese Propaganda beweist, dass die Nazis nicht nur die europäischen Juden ausrotten wollten, sondern auch die damals 700.000 Juden im Nahen und Mittleren Ostens.

Warum aber taucht der Farhud bei deutschsprachigen Ausstellungen, Kursen oder Veröffentlichungen über den Holocaust nie mit auf? Warum wird die Frage, ob es sich bei Farhud-Überlebenden um Holocaust-Überlebende mit entsprechenden Entschädigungsansprüchen handelt, nicht einmal gestellt?

Quellen:

Edy Cohen, Remembering the Destruction of Iraqi Jews, The Tower, Issue 40, July 2016.

Hayyim J. Cohen, The Anti-Jewish Farhud in Baghdad, Middle Eastern Studies Vol. 3, Oct. 1966, No. 1, Seite 2-17.

Matthias Küntzel, Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand, Berlin-Leipzig 2019, S. 93-96.

Nathan Weinstock, Der zerrissene Faden. Wie die arabische Welt ihre Juden verlor 1947-1967, Freiburg 2019, S. 282-288.

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