Schwere Führungskrise bei Al-Qaida: Zawahiri ruft zur Einheit in Syrien auf

„Am 28. November veröffentlichte Al-Qaida eine der wichtigsten Botschaften von Ayman al Zawahiri der letzten Jahre. Der Dschihad in Syrien hat bei Al-Qaeda eine weitere Führungskrise ausgelöst. Die Anführer von Hay’at Tahrir al Scham (‚Versammlung zur Befreiung der Levante’, HTS) streiten sich mit anderen hochrangigen Vertretern von Al-Qaida über die künftige Richtung des Dschihad. Manche von Zawahiris Anhängern sind sogar von der HTS inhaftiert worden. Es könnte sich um die größte Krise bei Al-Qaida seit dem Aufstrieg des Islamischen Staats von Abu Bakr al Baghdadi in den Jahren 2013 und 2014 handeln.

Die HTS wurde im Januar von der Nachfolgeorganisation der Al-Nusrah-Front, die einst ein offizieller Ableger von Al-Qaida war, und mehreren anderen Gruppen gebildet. Von Anfang an löste die HTS innerhalb Al-Qaidas und unter den mit Al-Qaida verbundenen dschihadistischen Gruppen heftigen Streit aus. Die Beziehung zwischen der HTS und der Türkei, ihre angebliche Verwässerung der salafistisch-dschihadistischen Ideologie Al-Qaidas und die ‚nationalistische’ Agenda mancher ihrer Anführer, haben zu Kontroversen geführt. Eine der wichtigsten Fragen ist dabei gewesen, ob die Al-Nusrah-Gruppe ihr Bündnis mit Al-Qaida und Ayman al Zawahiri aufgekündigt hat. (…)

Am 28. Juli 2016 hatte der Emir der Al-Nusrah-Front, Abu Muhammad al Julani, bekannt gegeben, seine Organisation werde hinfort als Dschabhat Fatah al Scham (‚Front für die Eroberung der Levante’, JFS) agieren. Abu Abdullah al-Shaami [ein hochrangiger Vertreter der HTS] stand bei der Verlesung der Erklärung neben ihm. Julani behauptete zudem, seine Organisation werde mit keiner ‚äußeren (ausländischen) Institution’ mehr verbündet sein. Diese zweideutige Formulierung sollte implizieren, dass JFS nicht mehr Teil von Al-Qaida sei. Al-Shaami räumte in seiner Erwiderung auf Zawahiri ein, die ‚Idee hinter dem Projekt’ – also der Umbenennung in JFS – ‚war es, den Namen der Gruppe zu ändern … und eine Veränderung bekanntzugeben, die in den Medien verstanden würde als die Beendigung der Zusammenarbeit mit’ Al-Qaida. Doch würde al-Shaami zufolge ‚ein geheim gehaltenes Bündnis mit [Al-Qaida] bestehen bleiben, ähnlich unserem Verhältnis zum Islamischen Staat vor dem Zerwürfnis mit ihm’. Zawahiri habe zwar gedacht, die JFS habe ‚tatsächlich mit Al-Qaeda gebrochen … doch von unserer Seite aus war das nicht der Fall’.

Zawahiri zufolge sei dieses Arrangement inakzeptabel. ‚Wir haben den Vorschlag eines geheimen Bündnisses mit Al-Nusrah nicht akzeptiert. Wir halten ihn für einen tödlichen Fehler.’ (…) Merkwürdigerweise distanziert Zawahiri sich nicht von Julani, der jetzt die HTS anführt. Er verzichtet auch darauf, explizit zur Bildung einer neuen Gruppe in Syrien aufzurufen. Er erwähnt Julani nur wenige Male und bittet Allah dann jeweils, ‚ihm Erfolg zu gönnen’ und ihn zu ‚fördern’. Wie Al-Qaida mit Blick auf Julani weiter verfahren wird, ist unklar. Er war der Emir eines regionalen Ablegers von Al-Qaida in Syrien und als solcher der Kontrolle durch die Organisation unterstellt. Dieser Mechanismus ist durch die Bildung der HTS offensichtlich außer Kraft gesetzt worden. Unbestätigten Berichten zufolge sollte ein neuer Ableger von Al-Qaeda in Syrien ins Leben gerufen werden, doch ruft Zawahiri lediglich zur ‚Einheit’ in Syrien und anderswo auf.“ (Thomas Joscelyn: „Analysis: Ayman al Zawahiri calls for ‚unity‘ in Syria amid leadership crisis“)

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