Scheidender türkischer Premier Davutoglu: Ein „Ministerpräsidentenpraktikant“ mit neoosmanischen Träumen

„Ein echter Anführer war [Davutoglu] nie, weshalb ihn Oppositionspolitiker gerne als ‚Ministerpräsidentenpraktikanten‘ bezeichneten. … Doch das heißt nicht, dass er bloß eine Marionette gewesen wäre. Der frühere Professor für Internationale Beziehungen hatte zunächst als Erdogans außenpolitischer Berater gedient, ehe er im Jahr 2009 Außenminister wurde. Davutoglu war Mastermind der außenpolitischen Neuorientierung in Richtung islamische Welt; die neoosmanischen Träumereien waren seine Politik, inklusive Tätscheleien für die Terrormiliz Islamischer Staat, die er lange Zeit eine Art nützliche Rasselbande im Kampf gegen den syrischen Machthaber Assad und die syrischen Kurden ansah.

Doch das Wahnhaft-Aggressive, bei Erdogan sowohl persönliches Charaktermerkmal als auch politisches Instrument, war seine Sache nicht. Hinzu kamen sein Dauerlächeln und sein Hang zu einer islamo-kitschigen Sprache … Doch auch Davutoglu beherrscht Erdogans Prinzip von permanenten Feinderklärungen. … Die versöhnlichen Töne, die er ab und zu anschlug, wurden oft als Hoffnungsschimmer gewertet, was aber mehr über die Hoffnungslosigkeit der Opposition aussagt als über Davutoglu. Seine Aussage, wenn die PKK zum Zustand vom Mai 2013 – also zum Rückzug ihrer bewaffneten Verbände aus der Türkei – zurückkehre, könne der Friedensprozess fortgeführt werden, stand im Widerspruch zur martialischen Rhetorik von ‚Säuberung‘ und ‚Ausrottung‘, der er sich ebenso bediente wie Erdogan. Die mutmaßlichen Kriegsverbrechen, die die türkischen Sicherheitskräfte in Cizre und anderen Städten im Kampf gegen PKK-Milizen begangen haben, gehen auch auf seine Verantwortung. Ein Wort gegen die Drangsalierung der Presse hat man von ihm nie vernommen.“ (Der Türkei-Korrespondent Deniz Yücel in der deutschen Tageszeitung Die Welt: „Recep Tayyip Erdogans letzte Etappe zur Allmacht“)

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