In Ankara leben nur noch 24 Juden

Synagoge in Ankara (By MirkoS18, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46622998)

„‚In Ankara gibt es so wenig Juden, dass sie alle an meinen Esstisch passen würden’, erklärt der israelische Botschafter in der Türkei Eitan Na’eh, während er in der fast leeren Synagoge die wenigen Teilnehmer am Gottesdienst zu Yom Kippur betrachtet. Die Synagoge befindet sich in Ulus, der schwächelnden Altstadt der türkischen Hauptstadt, stammt aus dem 19. Jahrhundert und wurde 1906 durch einen italienischen Architekten grundlegend umgebaut. Na’eh ist von einem Meer kleiner Teppiche umgeben, die auf den Bänken ausgelegt sind. Sie bleiben den Feiertag über leer. Mustafa Kemal Ataturk erklärte Ankara 1923 zur Hauptstadt der neugegründeten türkischen Republik, doch reicht die Geschichte der Stadt – und ihrer jüdischen Gemeinde – viel weiter zurück (…) Inzwischen zählt die jüdische Gemeinde nur mehr 24 Köpfe, und das schließt die jüdischen Angehörigen des diplomatischen Korps und die jüdischen UNO-Vertreter in der Stadt schon mit ein. Nur wenige dieser 24 stellten sich am Samstagmorgen pünktlich zum Beginn des Yom Kippur-Gottesdiensts ein, der von einem aus Istanbul entsandten Rabbiner geleitet wurde. Es bedurfte mehrerer Stunden und etlicher entschlossener Telefonanrufe, um einen Minjan zusammenzubekommen, also die mindestens zehn männlichen Juden, die erforderlich sind, um mit den Gebeten beginnen zu können. (…)

In seiner Dokumentation [über die Geschichte der örtlichen Juden], versucht Arcak die entscheidenden Wendepunkte zu identifizieren, die zum Schwund der jüdischen Bevölkerung in Ankara und der Region geführt haben. ‚Tausende Juden, aber auch Griechen und Armenier, wurden 1942 im Zuge der Erhebung einer sogenannten Abgabe auf Vermögen und außergewöhnliche Gewinne gezwungen, die Türkei zu verlassen’, erklärt er. ‚Die Abgabe war darauf ausgerichtet, ihre Besitztümer an ethnische Türken zu übertragen, indem man von Minderheiten Beträge forderte, die sie nicht zahlen konnten.’ Angesichts eines Konjunktureinbruchs nach dem Zweiten Weltkrieg sei eine weitere Runde türkischer Juden in den neugegründeten Staat Israel ausgewandert, so Arcak. Die Neutralität der Türkei im Zweiten Weltkrieg ersparte der türkischen Gemeinde das Schicksal der europäischen Juden. Doch blieb der Türkei die Wirtschaftsflaute der Nachkriegsjahre, die weite Teile Europas lahmlegte, nicht erspart. So wie viele andere Europäer auch packten Ankaras Juden ihre Koffer, begaben sich auf die Suche nach besseren wirtschaftlichen Aussichten im Ausland und wanderten nach Nordamerika oder Israel aus. Andere siedelten nur nach Istanbul oder Izmir über. In den 1960er und 1970er Jahren lebten in Ankara nur noch 500 bis 600 Juden.

Von den gut 1400 Juden in Izmir abgesehen leben fast alle der insgesamt 17.000 türkischen Juden in Istanbul. Doch auch dort schrumpft die jüdische Bevölkerung. Seitdem der gescheiterte Putschversuch im Juli 2016 eine neue Phase der politischen und wirtschaftlichen Instabilität in der Türkei einleitete, sind bis zu 500 Juden nach Israel ausgewandert. Von den Verbliebenen haben Tausende die spanische oder portugiesische Staatsangehörigkeit angenommen. Beide Länder haben Gesetze verabschiedet, die den Nachfahren der 1492 von der iberischen Halbinsel vertriebenen Juden die Staatsangehörigkeit anbieten.“ (Esti Judah / Davide Lerner: „The Last Jews of Ankara: A Once-thriving Jewish Community Dwindles to Near-extinction“)

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