Aleppo: „Das Ausmaß der Angriffe ist beispiellos“

„Ärzte ohne Grenzen“ im Interview

Seit vergangener Woche bombardiert das syrische Regime mit Hilfe von Russland den Ostteil Aleppos. Infolge der mehrtägigen Luftangriffe gibt es kein funktionierendes Krankenhaus mehr. Volker Westerbarkey, Präsident der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen (MSF), im Gespräch mit Julia Hoffmann.

Julia Hoffmann (JH): Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es in Ost-Aleppo seit Sonntag kein funktionierendes Krankenhaus mehr.

Volker Westerbarkey (WB): Wir hatten Kontakt zu acht Krankenhäusern im Ostteil von Aleppo. Von vier wissen wir, dass sie nach den letzten Angriffen zerstört sind und nicht mehr funktionieren. Mit den anderen haben wir keinen Kontakt mehr. In der momentanen Situation können die Verletzten also nicht mehr behandelt werden. Auch für sonst anfallende Probleme wie eine Blinddarmentzündung, eine Geburt oder eine Lungenentzündung gibt es keine Behandlungsmöglichkeiten mehr. Das bedeutet, dass Menschen sterben werden, nicht nur durch die Bombenangriffe, sondern auch durch die fehlende medizinische Versorgung.

(JH): Wie steht es um die sonstige Infrastruktur in Aleppo?

(WB): Alles ist auf Generatoren angewiesen, die Strom produzieren, um in Krankenhäusern Geräte zu betreiben oder auch für sauberes Trinkwasser. Die Treibstoffversorgung ist momentan auf vier Stunden pro Tag begrenzt, weil die Vorräte langsam zu Ende gehen. Es gibt also nur vier Stunden pro Tag Elektrizität und sauberes Wasser. Doch auch diese Reserven werden bald zu Ende gehen und dann wird es ein noch viel größeres Problem geben, weil die Leute kein sauberes Trinkwasser mehr haben. Leider haben wir keinen Zugang zum Rest der Stadt, also zu den von der Regierung kontrollierten Gebieten in Westaleppo. Trotz unserer Anfrage haben wir keine Erlaubnis dort zu arbeiten. Wir gehen aber davon aus, dass die Situation dort auch problematisch ist.

(JH): Was machen ihr Kolleginnen und Kollegen in Aleppo nun?

(WB): Die syrischen Kollegen machen das, was sie in den letzten Jahren immer gemacht haben. Sie versuchen sich zurückzuziehen, in Keller oder Privathäuser, um dort noch das Mindeste zu tun. In den Krankenhäusern selbst ist keine medizinische Arbeit mehr möglich. Wir hoffen, dass die Leute es schaffen, sichere Ort zu finden, um dort ein Minimum an medizinischer Versorgung aufrechtzuerhalten. Aus Sicherheitsgründen wird aber natürlich nicht kommuniziert, wo sich alternative Behandlungsorte genau befinden.

(JH): Seit mehreren Monaten gibt es Angriffe auf die medizinische Infrastruktur. Sind diese Angriffe gezielt?

(WB): Die Anzahl der Angriffe ist erschreckend. Seit Beginn der Belagerung Aleppos im Juli gab es 33 Angriffe auf medizinische Einrichtungen, von denen wir wissen. Die Frage, ob das gezielt war oder nicht, stellt sich aber nicht. Es ist ein Verstoß gegen das internationale Völkerrecht, weil Krankenhäuser und Zivilisten geschont werden müssen. Daher ist jeder Angriff auf ein Krankenhaus ein Verstoß gegen internationales Recht, der untersucht werden muss.

(JH): Kennen Sie Beispiele aus ihrer Arbeit, wo Angriffe auf Krankenhäuser jemals in diesem Ausmaß Teil einer Strategie waren?

(WB): In diesem Ausmaß kennen wir es nicht. Letztes Jahr im Oktober wurde unser Krankenhaus in Kunduz von den US-Streitkräften in Afghanistan angegriffen. Das Krankenhaus, das für über eine Million Menschen eine Anlaufstelle war, wurde komplett zerstört. Auch im Jemen gibt es immer wieder Luftangriffe auf Krankenhäuser von der saudi-arabisch geführten Koalition. Aber das Ausmaß, das wir momentan in Syrien sehen, ist beispiellos.

(JH): Wie sieht Ihre Arbeit im restlichen Syrien aus?

(WB): Im Norden von Syrien, der von den Kurden kontrolliert wird, haben wir sechs eigene Kliniken und arbeiten dort eng mit den lokalen Behörden zusammen. Gerade haben wir das Krankenhaus in Kobane wieder aufgebaut. Außerhalb dieser Gebiete können wir nicht selbst aktiv sein. Große Sorge bereitet uns auch das Gebiet an der Grenze zu Jordanien, wo mehrere Zehntausend Menschen ohne medizinische Versorgung sind und wo sich Krankheiten wie Masern oder Keuchhusten sprunghaft ausbreiten. Auch dort kommen wir aber aus Sicherheitsgründen nicht hin.

(JH): Den seitens der UN vorgeschlagenen Autonomiestatus für Ost-Aleppo lehnte der syrische Außenminister Walid al-Muallim kürzlich ab. Wie geht es nun weiter?

(WB): Wir sehen keinen Anhaltspunkt für eine Bewegung in diesem Konflikt. Konflikte wird es ja immer geben. Aber in diesem Fall ignorieren wirklich alle Akteure, was Menschlichkeit und Hilfe bedeuten. Unter der Voraussetzung, dass alle Konfliktparteien ihre Interessen ohne Rücksicht durchsetzen wollen, ist die Situation ziemlich ausweglos.

Interview zuerst erschienen auf Jungle Blog.

Schreiben Sie einen Kommentar


Schreiben Sie einen Kommentar

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.


Login