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Wenn ein Historiker den Tod von Holocaustüberlebenden als „Chance“ begreift

Wenn ein Historiker den Tod von Holocaustüberlebenden als „Chance“ begreift
By Unknown, assumed to be the work of the Red Army – Auschwitz Memorial and Museum, Public Domain

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod. Dass die letzten Holocaustüberlebenden bald nicht mehr unter den Lebenden sein werden, sollte kein Anlass für Traurigkeit sein, findet der Historiker Norbert Frei, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Frei ist, so der Deutschlandfunk, „Spezialist für die Geschichte des Nationalsozialismus“ und findet: Historiker hätten es bald endlich viel leichter, weil dann kein Überlebender mehr ihre Vorlesungen mit seiner Existenz und womöglich sogar mit einer anderen Meinung stört. Kurz: Mit dem Tod der Zeitzeugen der Shoah fällt für Spezialisten wie Frei – jetzt kommt ein Zitat – „eine Komplikation der Zeitgeschichte“ weg. So wird Frei im Deutschlandfunk zitiert:

„Frei geht sogar noch weiter, das Ende der Zeitgenossenschaft auch als Chance anzusehen. Denn Erinnerung sei subjektiv, sei immer eine Konstruktion aus selbst Erlebtem, Gehörtem. Erinnerung hieße auch, das Erlebte aushaltbar zu machen. Für einen Historiker, der es dokumentarisch-genau wissen will, sei es aber schwierig, einem KZ-Überlebenden zu widersprechen. ‚Es ist in diesem Sinne tatsächlich eine Zäsur, weil natürlich das, was Reinhart Koselleck mal das ‚Vetorecht der Quellen‘ genannt hat, im Bereich der Zeitgeschichte immer auch bedeutet hat: Es gibt so etwas wie das Vetorecht der Zeitgenossen. Und diese Zeitgenossen der NS-Zeit sind nun nicht mehr da. Mit anderen Worten: Es fällt eine Komplikation in unserem Bereich, der Zeitgeschichte, weg.’“

Wenn ein Historiker den Tod von Holocaustüberlebenden als „Chance“ begreift
Israelische Jets über Auschwitz (By Israel Defense Forces, CC BY-SA 3.0)

Norbert Frei kann es nicht leiden, wenn Juden ihm widersprechen. Im März hatte er in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung die israelische Regierung mit „Rechtspopulismus“, einer angeblichen Willkürherrschaft, „Faschismus“, „Rassismus“, „Herrschaft des gesunden Volksempfindens“ und nicht zuletzt mit „gezielter Menschenfeindlichkeit“ – wohl in Abgrenzung zu der ungezielten Menschenfeindlichkeit, die Norbert Frei auszeichnet – in Verbindung gebracht:

„In Israel … feiert eine populistische Rechte politische Erfolge, die sich gegen das System der repräsentativen Demokratie und deren Eliten stellt, die auf den Rechtsstaat pfeift und dessen Institutionen zu ruinieren trachtet. So wie Präsident Trump den Supreme Court mit willfährigen Richtern besetzt, will Ministerin Ajelet Schaked das bislang bemerkenswert selbstbewusste und demokratisch standfeste israelische Justizsystem politisch an die Leine nehmen und letztlich die Gewaltenteilung untergraben. Was den historischen Faschismus mit dem Rechtspopulismus unserer Gegenwart vereint, sind die Ingredienzen gezielter Menschenfeindlichkeit: Nationalismus, Rassismus und die Herrschaft des gesunden Volksempfindens. Als Demokratie gilt den Rechten, wenn ihre Mehrheit über alle Minderheiten triumphiert.“

Frei wird sich vielleicht wünschen, dass sich die von ihm gehassten israelischen Regierungspolitiker möglichst bald ans Sterben machen, auf dass er nicht mehr mit ihrem Veto hadern muss, sich plötzlich überall „Chancen“ auftun, die Minderheiten – wie in Freis Demokratie üblich – bei Wahlen über die Mehrheit triumphieren und somit eine weitere „Komplikation der Zeitgeschichte“ wegfällt. Der Tod ist ein Professor aus Deutschland.

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