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„Wenn Amerika niest, bekommt Israel eine Lungenentzündung“

Anzeige am New Yorker Times Square zu den US-Wahlen
Anzeige am New Yorker Times Square zu den US-Wahlen (© Imago Images / MediaPunch)

Der Gewinner der US-Präsidentschaftswahl 2020 steht noch nicht schlüssig fest. Allerdings scheinen sich bereits drei Verlierer herauszukristallisieren.

Die letzten Stimmen waren abgegeben, die Wahlnacht neigte sich einem späten Ende zu, selbst die wackersten Fernsehkommentatoren bei NBC, Fox News, und CNN konnten ein Gähnen nicht mehr unterdrücken – allein ein klares Ergebnis lag auch in den Morgenstunden noch nicht vor.

Gut, das geschieht nicht zum ersten Mal. Man erinnere sich beispielsweise an den Bush/Gore Wahlkampf, der erst nach Monaten ausgestanden war. Trotzdem ist heute alles anders. In der Vergangenheit hielten sich die Kandidaten bis zum klaren Wahlausgang bedeckt; diesmal traten beide, je nach Penchant und Persönlichkeit, mit mehr oder weniger aufgebauschten Siegesmeldungen an die Öffentlichkeit.

Biden, der Zurückhaltende, versicherte, seine Partei befände sich auf dem Weg zum Weißen Haus. Trump, der Forsche, deklarierte bereits um Mitternacht seinen Sieg in den meisten, alles entscheidenden „Swing-States“, obwohl in Wirklichkeit dort noch nichts feststand.

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Beobachter des bizarren Wahlspektakels greifen sich nun an den Kopf. Sie können zwar noch keinen Gewinner, dafür aber schon mal drei Verlierer ausmachen.

Verlierer Nummer Eins: Szenenkenner und Meinungsforscher

Einen Tag vor der Wahl lag Biden laut Konsens der nationalen Umfragen um 8,4 Prozentpunkte vor Trump. Manch ein politischer Experte sagte dem Demokraten denn auch einen Erdrutsch-Sieg voraus. „Ich gehe daher davon aus“, schrieb beispielsweise James Carville, dass sich eine Mehrheit gegen [Trump] auf eine Weise vereinigen wird, die wir seit Ronald Reagans Präsidentschaftswahlen 1980 nicht gesehen haben.“ Er wäre, so der bekannte politische Stratege, in seinem Leben noch nie so sicher gewesen.

Ob Biden nun gewinnt oder nicht, eines lässt sich bereits jetzt konstatieren: Ein Erdrutsch-Sieg wird es nicht. Klar spekuliert alles bereits, warum die Vorhersagen wieder irrten, obwohl ihre Urheber versicherten, sie hätten aus den Fehlern der letzten US-Präsidentschaftswahl gelernt und ihre Prognosen entsprechend.

Viele erklären die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität mit dem Phänomen des „scheuen Trump-Wählers“. Der launische Präsident und seine oft haarsträubenden Äußerungen gelten, so die Theorie, gemeinhin als sozial inakzeptabel. Deshalb würden viele Umfrageteilnehmer, die Trump den Vorzug geben, lieber lügen, als ihre wahren Intentionen preiszugeben.

Im Übrigen scheint sich dieses Phänomen nicht auf Amerika zu beschränken. In Israel soll Netanjahu auch eine beachtliche Schar geheimer Anhänger haben. Ob die Fehleinschätzungen bezüglich Trumps Beliebtheit wirklich an der Scheu seiner Wähler liegt, ihre Neigung preiszugeben, am beginnenden wirtschaftlichen Aufschwung, der ihm zugeschrieben wird, oder an seiner effektiveren Kampagne, muss erst einmal dahingestellt bleiben.

Verlierer Nummer Zwei: Amerika

Die Weltmacht Amerika ist angeschlagen. Das liegt sicher am Corona-Virus und an der dramatischen Polarisierung der Gesellschaft. Internationale Beobachter wundern sich aber auch über die zunehmende Ohnmacht des politischen Systems. Wieso, fragen sie sich, treten gerade Trump und Biden zur Wahl um das höchste Amt des Landes an. Den einen halten sie für launisch-wechselhaft und zweifeln an seiner Kompetenz; den anderen finden sie blass und veraltet. Der Mangel an anerkannten, fähigen Führungspersönlichkeiten, so wird befürchtet, könnte Amerika künftig schwächen.

Auch der politische Diskurs, der in den letzten Jahren in den USA bedenkliche Wendungen genommen hat, macht Beobachtern Sorge. Tatsächlich neigen Mitglieder beider Parteien immer häufiger zu extremen Ansichten und nehmen sich in ihrer Kritik an Opponenten kein Blatt vor dem Mund.

Der Mangel an zivilisiertem Umgang dringt bis in die höchsten Kreise vor. Da nennt Trump seinen Kontrahenten, „Sleepy Joe“, was an sich schon schlimm genug wäre, würde es nicht auch noch an das wenig appetitliche Gericht „Sloppy Joe“ erinnern. Letzterer revanchiert sich, indem er den amtierenden Präsidenten, ständig nur mit „Mann“ tituliert – wie in „Ach, komm doch, Mann“ – und ihn damit zum Schaumschläger reduziert.

Verbale Angriffe dieser Art schwächen das Ansehen Amerikas in der Welt, verblassen aber gegenüber den tätlichen Übergriffen, die jetzt das politische Geschehen zusätzlich verunglimpfen. Dass in einem Land, wie Amerika, Türen und Schaufenster der Geschäfte verbarrikadiert werden müssen, weil man, nach den Wahlen, gewalttätige Übergriffen von Anhängern des jeweils unterlegene Kandidaten befürchtet, ist für viele ein bedenkliches Schwächezeichen der vermeintlich führenden Weltmacht.

Verlierer Nummer drei: Israel

Es gilt als ausgemacht, dass Trump ein Freund Israels ist. Tatsächlich wünschen sich viele Israelis, wohl auch aus diesem Grund, dass er nochmals vier Jahre im Weißen Haus bleibt.

Sie wissen aber auch, dass er möglicherweise in einer zweiten Amtszeit die Richtung wechseln könnte. In den nächsten vier Jahren, ohne die Option einer Wiederwahl, muss er nicht mehr auf die zionistischen Evangelikalen und auch nicht auf seinen großen Sponsor Sheldon Adelson Rücksicht nehmen. Dann könnte für ihn sein persönliches Vermächtnis und vielleicht ein potentieller Friedensnobelpreis im Vordergrund stehen. Kurz er könnte seine Prioritäten auf ominöse Weise wechseln.

Gut, auch bei Joe Biden ist alles offen. Bedenklich wäre, wenn er sich vom progressiven anti-Israelischen Flügel seiner Partei beeinflussen ließe. Im Allgemeinen ist Biden Israel gegenüber aber freundlich gestimmt und betont immer wieder seine kompromisslose Unterstützung für die Sicherheit des jüdischen Staates.

Kurz, Israel kann wahrscheinlich mit beiden Präsidentschaftskandidaten gut leben. Sorgen bestehen trotzdem, und sie kommen aus einer anderen Ecke. „Wenn Amerika niest, bekommt Israel eine Lungenentzündung“, meinte einst der ehemalige, israelische Premier, Levi Eshkol. Mit anderen Worten, Israel ist auf ein starkes Amerika angewiesen. Verliert Amerika, wegen Corona, der sozialen Unruhen und jetzt auch noch wegen der umstrittenen Wahl an internationalem Standing, dann dürfte leider auch Israel zu den Verlierern zählen.

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