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Warum der Iran so gut Bescheid wusste

Zumindest einige Jahre lang von Iran infiltriert: die Internationale Atomenergiebehörde mit Sitz in Wien. (© imago images/ZUMA Wire)
Zumindest einige Jahre lang von Iran infiltriert: die Internationale Atomenergiebehörde mit Sitz in Wien. (© imago images/ZUMA Wire)

Der Iran war den Kontrolleuren der Atomenergiebehörde einen Schritt voraus, weil er in den Besitz ihrer internen Unterlagen über das Atomprogramm gelangte.

Verteidiger des sogenannten Wiener Abkommens im Atomstreit mit dem iranischen Regime vom Juli 2015 weisen immer auf eine angebliche Stärke des offiziell »Joint Comprehensive Plan of Action« (JCPOA) genannten Deals hin: Dank engmaschiger Kontrollen durch Inspekteure der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) habe die internationale Gemeinschaft einen genauen Überblick über Irans nukleare Aktivitäten. »Es schneidet dem Iran alle Wege zum Bau einer Bombe ab«, pries beispielsweise US-Präsident Barack Obama das Abkommen. »Es enthält das umfassendste Inspektions- und Kontrollregime, das jemals zur Überwachung eines Atomprogramms ausgehandelt wurde.«

Wie sich jetzt dank eines Berichts im Wall Street Journal herausstellt, traf davor jahrelang das Gegenteil zu: Nicht die Atombehörde war über die iranischen Aktivitäten bestens im Bilde, sondern das iranische Regime gelangte an interne und geheime IAEO-Dokumente, die es ihm ermöglichten, den Inspektoren zumindest einen Schritt voraus zu sein. Insbesondere versetzten die Unterlagen den Iran in die Lage, unangenehmen Fragen über mögliche militärische Aspekte seines Atomprogramms auszuweichen, indem es immer neue Deckgeschichten erfand und Unterlagen fälschte, um mutmaßliche frühere Arbeiten an Kernwaffen zu verbergen.

Dass das Regime mindestens in den Jahren 2004 bis 2006 in den Besitz von geheimen Dokumenten der Atomenergiebehörde gelangte, stellt für den ehemaligen UN-Waffeninspekteur und heutigen Präsidenten des Institute for Science and International Security David Albright einen »schweren Bruch« des Sicherheitssystems der IAEO dar:

»Der Iran konnte Antworten entwerfen, die zugaben, was die IAEO bereits wusste, Informationen preisgeben, die sie wahrscheinlich noch entdecken würde, und gleichzeitig besser verbergen, was die IAEO noch nicht wusste und was der Iran exakt so belassen wollte.«

Auf diesem Wege wussten die Iraner etwa schon im Vorhinein über eine geplante dreitägige IAEO-Inspektion der Baustelle des Schwerwasserreaktors von Arak Bescheid, der laut Befürchtungen der internationalen Gemeinschaft verwendet werden könnte, um Plutonium für den Bau von Atomwaffen zu produzieren. Dank des Berichts, der in seine Hände gelangte, wusste der Iran haargenau, über welche Informationen über den damals in Bau befindlichen Reaktor die IAEO verfügte – Satellitenbilder und die achtzehn Fragen umfassende Liste inklusive, auf die die Inspektoren im Iran Antworten zu finden hofften.

Durch die IAEO-Dokumente erhielt das iranische Regime auch Einsicht darin, in welchem Ausmaß die Behörde seinen Vertuschungs- und Täuschungsversuchen auf die Schliche gekommen war und konnte sein Vorgehen entsprechend adaptieren.

Das Wall Street Journal stützt sich in seinem Bericht auf Dokumente, die sich in dem umfassenden geheimen iranischen Nukleararchiv befanden, das im Januar 2018 vom israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad in Teheran sichergestellt und außer Landes gebracht werden konnte. Auf den IAEO-Papieren finden sich zum Teil handschriftliche Anmerkungen und Anweisungen der Iraner.

Das Journal zitiert einen mit dem Thema Iran beschäftigten Mitarbeiter der Regierung von George W. Bush, der über die bereits damals gehegte Vermutung berichtet, der Iran könnte die IAEO infiltriert und die derart gewonnenen Einsichten zur Irreführung der Atomenergiebehörde und der Weltöffentlichkeit über die Größe und den Charakter seines Atomprogramms nutzen. Wie sich jetzt herausstellt, war diese Sorge wohlbegründet.

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