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Warum die Muslimbrüder eine jordanische Gaspipeline in die Luft sprengen wollen

Netanjahu besucht die Leviathan-Gasbohrinsel
Netanjahu besucht die Leviathan-Gasbohrinsel (© Imago Images / Xinhua)

Am 1. Januar 2020 wird Israel erstmals Erdgas nach Ägypten exportieren und die Ausfuhren nach Jordanien erheblich steigern.

Im Dezember wird das riesige Gasfeld Leviathan vor der Küste Haifas den Probebetrieb beginnen, im Folgemonat die reguläre Produktion. Das teilte das federführende Unternehmen, der texanische Öl- und Gasexplorationskonzern Noble Energy, am 7. November auf seiner Bilanzpressekonferenz in Houston mit. Mit 39,66 Prozent ist Noble Energy zweitgrößter Anteilseigner des Leviathan-Konsortiums, weitere Investoren sind die israelischen Firmen Delek und Ratio Oil Exploration.

Noble Energy und seine israelischen Partner hatten Leviathan 2010 entdeckt, nachdem im Jahr zuvor das kleinere Erdgasfeld Tamar entdeckt worden war, das Israel bereits seit 2013 mit Gas versorgt. Etwas weiter westlich gibt es Gasvorkommen, die zu Zypern gehören.

Historisches Projekt

Leviathan und Tamar werden zusammen über 20 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr fördern. Damit wird Israel etwa halb so viel Erdgas produzieren wie Großbritannien und in der Liste der größten Gasproduzenten der Welt voraussichtlich auf Platz 31 stehen, noch vor Ländern wie Kuwait, dem Irak und Bahrain.

Der Produktionsbeginn erfolgt zu einer Zeit, wo die Erdgaspreise weltweit wegen eines Überangebots auf historisch sehr niedrigem Niveau sind; allerdings sind sie in Israel und Westeuropa immer noch fast doppelt so hoch wie in den USA, sodass Noble Energy hofft, dank der Produktion von Leviathan im nächsten Jahr statt eines Nettoverlusts wie in diesem Jahr einen deutlichen Nettogewinn verbuchen zu können.

Mit Kosten von 3,6 Milliarden Dollar liege das Projekt um 150 Millionen Dollar unter dem Plan, sagte David L. Stover, der Vorstandsvorsitzende von Noble Energy, auf der Pressekonferenz. Es sei „äußerst aufregend“, „an einem Projekt beteiligt zu sein, das einen historischen Einfluss auf ein Land und eine Region hat“.

Brent Smolik, Präsident von Noble Energy und Leiter des operativen Geschäfts, sagte, Leviathan sei „das größte Projekt“ in der Unternehmensgeschichte und „eines der größten Infrastrukturprojekte“ in der Geschichte Israels. „Die Gasexportverträge mit Ägypten und Jordanien stellen eine neue Ära der Exporte für Israel dar und ein neues Kapitel regionaler Zusammenarbeit“, so Smolik weiter. Sein Team sei glücklich, an dieser Transformation Anteil zu haben.

Lange Vorbereitungszeit

Ein großer Teil der Arbeiten vor Ort geschah erst in diesem Jahr. Im Februar wurde der Jacket – ein Tausende Tonnen schweres Fachwerkgerüst aus Stahl, auf dem die Bohrplattform ruht – auf dem Meeresboden abgestellt und verankert. Im September kam die in Corpus Christi, Texas, gebaute Bohrplattform an ihrem Einsatzort an und wurde mithilfe des größten Unterwasserkrans der Welt auf den Jacket gehievt. Auf der Unternehmenswebsite von Noble Energy sind Fotos und Kurzfilme von der Fertigstellung der Bohrinsel zu sehen.

In einem wichtigen juristischen Schritt hatte das Leviathan-Konsortium Anfang November einen Anteil an der 90 Kilometer langen Unterwasserpipeline erworben, die die israelische Stadt Ashkelon mit der ägyptischen Stadt El-Arish verbindet. Diese ist mit der transarabischen Pipeline verbunden, die von Ägypten nach Jordanien verläuft. Auf ägyptischer Seite wird das ägyptische Unternehmen Dolphinus das Gas zu Ägyptens drei Erdgasverflüssigungsanlagen am Mittelmeer weiterleiten.

Die Arbeit an Leviathan war lange Zeit schleppend verlaufen. Die zehn Jahre, die es dauerte, stehen in krassem Gegensatz dazu, dass Ägypten bereits 2017 mit der Förderung auf seinem – noch größeren – Gasfeld Zohr begann, das erst zwei Jahre zuvor entdeckt worden war.

Was Leviathan betraf, passierte nach der Entdeckung jahrelang gar nichts, was auch damit zu tun hatte, dass unsicher war, wie hoch die Steuern seien sollten, die die beteiligten Unternehmen dem Staat Israel zu zahlen haben, ob der Export genehmigt werden sollte und ob es für das Projekt an sich überhaupt politische Unterstützung gibt. Im September 2015 stimmte die israelische Knesset mit 59 zu 51 Stimmen dafür.

Der jetzt anstehende Produktionsbeginn ist ein großer Erfolg für Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der sich von Anfang hinter Leviathan und damit auch hinter den Export des geförderten Gases gestellt hatte. Gegner des Projekts machten die Sorge vor Umweltverschmutzung geltend, aber auch die Furcht davor, dass Israel sich einem „Monopolisten“ ausliefern könne und der Staat nicht genug davon profitiere. Daneben gab es auch Stimmen, die sich zwar im Prinzip für die Gasförderung aussprachen, aber gegen den Export, da sie meinten, dass Israel das Gasfeld als eine Art Reserve für schlechte Zeiten behalten sollte. Ohne Exporte aber hätte Leviathan niemals entwickelt werden können, da der israelische Markt zu klein ist. Darum wurden Verträge mit Ägypten und Jordanien unterzeichnet.

Energieknotenpunkt Ägypten

Ägypten exportierte früher selbst Erdgas – nach Jordanien und nach Israel (das Stück der Pipeline, die durch den Sinai verläuft, war immer wieder Ziel von Anschlägen dschihadistischer Terrorgruppen). Als wegen der Wirren des „arabischen Frühlings“ die Investitionen in die Erdgasproduktion einbrachen, konnte Ägypten kein Gas mehr exportieren und auch seinen eigenen Erdgasbedarf nicht mehr decken. Die Anlagen zur Herstellung von flüssigem Erdgas (LNG) für den Export wurden umgerüstet, um sie nun für die Einfuhr nutzen zu können.

Die Geschicke änderten sich einmal mehr, als der italienische ENI-Konzern 2015 vor der ägyptischen Küste das Erdgasfeld Zohr entdeckte. Hinzu kamen einige Funde von BP. Im Oktober 2018 konnte der ägyptische Energieminister Tarek El Molla das Ende der Gasimporte bekanntgeben. Für den Eigenverbrauch benötigt sein Land das israelische Gas nun nicht mehr. Dafür gibt es andere Pläne: Ägypten möchte zu einem großen Energieknotenpunkt werden. Die halbamtliche Wochenzeitung Al-Ahram Weekly skizzierte diese Pläne im August in einem Leitartikel:

„Ägyptens strategische Lage und eine Infrastruktur mit Raffinerien, Verflüssigungsanlagen und petrochemischen Fabriken machen es zu einem wichtigen Handels- und Verteilungszentrum für Erdgas. Dies stärkt das internationale Ansehen Ägyptens inmitten einer wachsenden Abhängigkeit von Erdgas, insbesondere in Europa. Der Erdgasbedarf in der EU wird auf rund 400 Milliarden Kubikmeter pro Jahr geschätzt. Derzeit sind Russland und Norwegen die führenden Lieferanten in der EU.“

Ägypten wird Norwegen und Russland nicht als Gaslieferant ablösen können, stößt aber in eine Lücke, da die Produktion der Niederlande – des größten Erdgasförderers der EU – seit Jahren zurückgeht.

Im Oktober vereinbarte Dolphinus einen Vertrag, um die vorgesehenen Gasausfuhren von Leviathan nach Ägypten noch einmal deutlich zu erhöhen. Statt auf rund 15 Milliarden US-Dollar beläuft sich die vertraglich vereinbarte Abnahmemenge über die nächsten 15 Jahre nun auf 20 Milliarden Dollar. Im Juni hatte Ägypten einen Streit mit Israels staatlicher Elektrizitätsgesellschaft Israel Electric beigelegt. Es ging um eine Entschädigung von 1,7 Milliarden US-Dollar, die der Schiedsgerichtshof der internationalen Handelskammer Israel Electric 2015 wegen versäumter ägyptischer Lieferungen zugesprochen hatte. Israel und Ägypten einigten sich im Juni auf eine Verringerung der Summe auf 500 Millionen Dollar, die Ägypten in Raten über acht Jahre zahlen wird.

Widerstand in Jordanien

Anders als Ägypten ist Jordanien auf das israelische Gas angewiesen, sowohl zur Stromerzeugung als auch zur Extraktion von Wasserstoff und Stickstoff für seine Düngemittelproduktion am Toten Meer. Israel beliefert die jordanische Arab Potash bereits seit 2017 mit Erdgas. In der jordanischen Öffentlichkeit wird das wenig wahrgenommen, da das Gas über eine Pipeline am Toten Meer fließt, die kurz hinter der Grenze aufhört.

Die Pipeline, über die das Gas von Leviathan in Jordaniens nördliche Provinz Mafraq gepumpt wird, verläuft hingegen 65 Kilometer lang durch Jordanien. Wegen dieser größeren Sichtbarkeit gibt es gegen sie erheblichen politischen Widerstand, der von islamistischen Gruppen geschürt wird. Im Juli sagte ein Parlamentsabgeordneter der Muslimbruderschaft:

„Lasst uns eine Ehrenerklärung unterschreiben, die jeden Liebhaber der Freiheit in Jordanien verpflichtet, sein Leben und das seiner Kinder aufzugeben, um die Gasleitung [aus Israel], die durch jordanisches Gebiet führt, in die Luft zu sprengen.“

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