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Tariq Ramadan: Der Euro-Islamist als Rapmusiker (2/2)

Tariq Ramadan auf dem Weg zu einer Verhandlung wegen der gegen ihn erhobenen Vergewaltigungsvorwürfe
Tariq Ramadan auf dem Weg zu einer Verhandlung wegen der gegen ihn erhobenen Vergewaltigungsvorwürfe (© Imago Images / IP3Press)

Der neuerdings als Rapper auftretende Islamist und Islamwissenschaftler Tariq Ramadan (siehe Teil 1) war lange Zeit ein begehrter Partner der Linken

Muslime sind für Tariq Ramadan immer Opfer, und er selbst war lange Zeit der Spezialist, der gebraucht wurde, um zu erklären, warum das so ist. Der französische Philosoph Pierre-André Taguieff, der vor 20 Jahren den Begriff islamo-gauchisme prägte, um die Überschneidung von Islamismus und linker Ideologie zu beschreiben, erklärte kürzlich in einem Interview, wie Tariq Ramadan damals zu einem begehrten Partner der Linken wurde:

„In den 1990er und frühen 2000er Jahren bildete sich eine islamisch-altermondialistische Konfiguration heraus. Seit Ende der 1990er Jahre hatte Tariq Ramadan, der zu allen europäischen Sozialforen eingeladen wurde, verstanden, dass er den Antikapitalismus, den Islamisten und marxistische Alterglobalisten angeblich teilten, ausnutzen konnte.“

Taguieff zitierte, was Ramadan in einem Beitrag zu einem Sammelband zum Thema Islam und Globalisierung geschrieben hatte: „Die islamischen Lehren stehen von Natur aus in Opposition zu den Grundlagen und der Logik des neoliberalen kapitalistischen Systems.“ Darum – so argumentierte Ramadan immer wieder – seien Muslime besonders gut in der Lage, dabei mitzuhelfen, dieses „System“ durch eine „gerechte Ordnung“ zu ersetzen.

Die deutsche Publizistin und Feministin Alice Schwarzer bezeichnet Ramadan folgerichtig als „die Schlüsselfigur für den Schulterschluss zwischen fundamentalistischen Muslimen und Linken“.

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Ramadan sieht sich als Dreyfus

Die meisten Linken haben sich freilich inzwischen von ihm abgewandt. Le Monde lässt ihn keine Leitartikel mehr schreiben, sondern berichtete mit Befremden darüber, dass Tariq Ramadan sich in seinem im September 2019 veröffentlichten Buch „Devoir de vérité“ [„Pflicht zur Wahrheit“], in dem er über seine Untersuchungshaft schreibt, ausdrücklich als den neuen Hauptmann Dreyfus darstellt:

„Auf fast 300 Seiten wechselt das Buch zwischen mystisch-spirituellen Überlegungen und Wendungen mit Nietzsche-Anklängen, um über die Tortur des Gefängnisses zu sprechen und vor allem wiederholte Angriffe gegen ein böses Triptychon vorzubringen: die Klägerinnen, die Justiz und die Medien.

‚Auf dem Weg müssen wir natürlich Ressentiments und Groll überwinden’, kündigt der Theologe auf den ersten Seiten an. Ein Ratschlag, der offensichtlich vergessen wurde, wenn es darum geht, über diejenigen zu sprechen, die er für seine Leiden verantwortlich hält.

Die Klägerinnen? ‚Frauen, die eifersüchtig waren oder sich betrogen fühlten, haben nachträglich versucht, Rechnungen zu begleichen.’ Ihm zufolge alle Lügnerinnen. ‚Unschuldig’ wie er ist, hat er keine friedensstiftenden Worte für sie. Die Richter? Tariq Ramadan spürt sofort ‚ihre tiefe und offene Feindseligkeit gegenüber [ihm]’, ihre ‚vorsätzliche Blindheit’, wenn es nicht gerade der ‚zwielichtige Blick’ des Untersuchungsrichters ist. Die Medien? ‚Sie wünschen mich schuldig’ und ‚lynchen’, ‚mit ihrem Geierinstinkt’.“

Drei Gruppen von Schuldigen, die Ramadan für seine Misere verantwortlich macht, hat der Le Monde-Autor vergessen – man kann sie allerdings auch unter Medien subsumieren: Zionisten, Feministinnen und Säkulare. Ramadan schreibt:

„Im Gegensatz zu dem, was in den Medien gesagt wurde, habe ich nie von einer ‚Verschwörung’ gesprochen. Ich sagte, dass ich viele Feinde habe, die hoffen, mich zu Fall zu bringen, und die sich nicht verstecken. Unter ihnen fundamentalistische ‚Säkularisten’, blind pro-israelische Zionisten, Feministinnen mit kolonialen Neigungen usw.“

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„Wie kommt es“, fragt Ramadan in seinem Buch, „dass ich der Einzige im Gefängnis bin, natürlich ein ‚Araber’, ein ‚Muslim’, dessen größter Fehler zweifellos darin besteht, die politische Klasse und die französischen Intellektuellen zu stören?“ Im „Fernsehen“, so Ramadan, werde doch ständig über die Skandale von „Ministern“ und „Geschäftsleuten“ berichtet – doch nur ihn sperre man ein. Er sei ein Opfer der Gesellschaft und der Justiz, die in Frankreich „nicht wirklich unabhängig“ sei – wie weiland Alfred Dreyfus:

„Wenn Frankreich, zu seinem Unglück, keinen Zola mehr hervorbringt, so scheint es jedoch Dreyfus zu reproduzieren; gestern Juden, heute Muslime. Heute Ramadan, wer wird morgen dran sein?“

Der so lange Zeit von so vielen so sehr überschätzte und mit Ehren überhäufte Blender Tariq Ramadan glaubt, dass die Gesellschaft ihm nie gegönnt habe, ein so toller Kerl zu sein:

„War mein Fehler nicht, Französisch wie die Franzosen zu sprechen, sich gegen Politiker und Intellektuelle zu behaupten, die alte und neue Kolonialisierung zu kritisieren, auf die Lügen des Staates und die Heuchler der Politiker hinzuweisen?“

Demnach wäre er also nicht wegen der ihm zur Last gelegten Verbrechen in Untersuchungshaft gewesen, sondern weil er ein so extrem moralischer Mensch wäre.

„Ein letzter Rap vor dem Vergessenwerden“

Noch mehr als früher hat Ramadan ein Interesse daran, die westliche Gesellschaft zu verteufeln, um selbst als Engel zu erscheinen. Darum dreht sich auch sein Rap. Er will eintauchen in eine Masse von Opfern, zu deren Sprecher er sich stilisiert.

Diejenigen, die das beeindruckt, müssen aber noch gefunden werden. Marie-Hélène Miauton, Kolumnistin der in Lausanne erscheinenden Tageszeitung Le Temps schreibt:

„Tariq Ramadan, der Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft, der schweflige Professor des Collège de Saussure in Genf, der Autor umstrittener Schriften, der dennoch immer der Liebling französischsprachiger Islamophiler aller Art blieb, lüftet endlich den Schleier über das, was ihn wirklich antreibt: sein Hass auf den Westen.“

Die französische Tageszeitung Le Figaro zitiert Henda Ayari, die erste Frau, die Ramadan öffentlich der Vergewaltigung beschuldigt hatte. Sie sagt:

„Tariq Ramadans Strategie besteht darin, seine Popularität und die Unterstützung von Menschen mit Migrationshintergrund, insbesondere von Muslimen, wiederherzustellen, indem er sich als Beschützer der Muslime gegen die ‚bösen, rassistischen und islamophoben Franzosen’ engagiert.“

Ayaris Anwalt Me Jonas Haddad, fügt hinzu:

„Dies ist Teil einer neuen Medienoffensive … Mit einem Rap, Lehreinheiten und kleinen Videos, um sich zu rechtfertigen, verlässt er vollständig den juristischen Rahmen.“

Der Schriftsteller Mohamed Sifaoui, Direktor der auf den politischen Islam spezialisierten Website Islamoscope.tv, sieht ebenfalls nur „Marketing“:

„Ramadan hat eine tiefe Abneigung gegen die französische und westliche Gesellschaft, die auch spezifisch für die Muslimbruderschaft ist. Dieser Groll wurde durch seine Zeit im Gefängnis verstärkt. Trotz dieser Worte, die die Islamo-Linken verführen sollen, wird ein Comeback für ihn sehr schwierig: Er wird jetzt von all denen ausgespieen, die gestern seine Anhänger waren.“

Unter der Überschrift „Ein letzter Rap vor dem Vergessenwerden“ schreibt Ian Hamel in der französischen Wochenzeitung Marianne über Ramadan:

„Wieder einmal scheitert sein antikoloniales Geschwätz. Schlimmer noch, Muslime lachen über ihn.“

So habe jemand auf der muslimischen französischen Website Saphirnews Ramadans am 3. April veröffentlichte Ankündigung eines Rap-Albums als „Aprilscherz“ bezeichnet. Ein anderer habe geäußert: „Es ist traurig zu sehen, wie jemand alles unternimmt, um etwas zu sein, nachdem er wie ein Tartuffe bloßgestellt wurde.“ Tartuffe ist in Molières gleichnamiger Komödie die Figur eines Betrügers, der sich als besonders fromm ausgibt.

Hamel zitiert Saïd Branine, den Manager von Oumma.com, der wichtigsten französischsprachigen muslimischen Website, mit den Worten:

„Tariq Ramadan repräsentiert nichts mehr. Er hat alle seine Vermittler verloren. Niemand lädt ihn mehr ein, keine Moschee, kein Verein. Er ist nicht nur verbrannt, sondern toxisch geworden. Die Tragödie ist, dass er es immer noch nicht zugeben kann. Er hat kaum mehr als seine Familie hinter sich.“

Sogar Yamine Makri, der Chef des islamischen Verlagshauses Éditions Tawhid und „Ramadans ältester Gefolgsmann“, habe ihn im Stich gelassen und gehe „so weit, die Werke des Schweizer Predigers aus seinem Katalog zu entfernen“. Auch frühere Weggefährten wie der Soziologe Jean Ziegler oder der Journalist Alain Gresh –Herausgeber der Monatszeitung Le Monde Diplomatique – unterzeichneten keine Petitionen zugunsten Ramadans mehr, schreibt Hamel.

Von der Muslimbruderschaft verstoßen

Den Grund dafür sieht Hamel darin, dass die Muslimbruderschaft Ramadan „nach langem Zögern“ verstoßen habe: „Sie war es, die ein Vierteljahrhundert lang seine Säle füllte, seine Bücher kaufte und seine Gegner bedrohte.“

Innerhalb der Organisation sei die Familie des Gründers bislang „heilig“ gewesen. „Hassan al-Banna selbst hatte einen seiner Brüder gedeckt, der verdächtigt wurde, die Kassenbücher gefälscht zu haben, und einen seiner Schwiegersöhne, der die Frauen einiger Brüder sexuell genötigt hatte.“ Auch über Fehltritte von Tariqs Vater Saïd Ramadan habe sie großzügig hinweggesehen.

Hamel zitiert Farid Abdelkrim, Autor des Buches „Pourquoi j’ai cessé d’être islamiste“ [„Warum ich aufgehört habe, Islamist zu sein“], der schreibt, die Bruderschaft habe Tariq Ramadans „Größenwahn“ nie gemocht, habe aber nicht den Mut gehabt, al-Bannas Enkel abzulehnen.

Was aber war die rote Linie, die Ramadan überschritten hat? „Die Muslime haben, um ihn zu verstoßen, nicht gewartet, bis er wegen Vergewaltigung verurteilt wird“, sagt Saïd Branine, der Chefredakteur von oumma.com. „Unter dem Gesichtspunkt der islamischen Moral ist er bereits schuldig wegen der zahlreichen außerehelichen Affären, die er zugeben musste.“

Wie Ian Hamel schreibt, hat das in Doha, Katar, ansässige Zentrum für Forschung zu islamischem Recht und Ethik sogar den Namen seines ehemaligen Direktors Tariq Ramadan von der Website gelöscht.

Andererseits aber genieße sein Bruder Hani Ramadan, Direktor des Islamischen Zentrums von Genf, „immer noch starke Unterstützung“, so Hamel. So habe er gerade die Erlaubnis des Kantons Genf erhalten, seine von seinem Vater Saïd Ramadan geschaffene Moschee zu erweitern. Eine Investition von fünf Millionen Franken (4,55 Millionen Euro). Hani Ramadan ist es seit April 2017 verboten, sich in Frankreich aufzuhalten.

Es scheint, als wolle die Muslimbruderschaft ihre Moral, wonach u.a. Ehebrecher zu steinigen sind, nicht ausgerechnet von Tariq Ramadan vertreten lassen, sondern von jemandem, der überzeugender ist – Steinigungsmoral, ohne die Molière-Elemente.

Literatur:

  • Caroline Fourest: Brother Tariq. The Doublespeak of Tariq Ramadan. New York 2008.
  • Ian Hamel: Tariq Ramadan – Histoire d’une imposture. Paris 2020.
  • Tariq Ramadan: Devoir de vérite. Paris 2019.

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