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Taliban und Muslimbrüder: „Zwei Gesichter desselben antidemokratischen Projekts“

Führende Muslimbrüder begrüßten die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan
Führende Muslimbrüder begrüßten die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan (© Imago Images / SNA)

Anhänger der Muslimbruderschaft und ihr nahestehende Institutionen begrüßten die Machtergreifung der Taliban in Afghanistan und veröffentlichten Glückwunschbotschaften in den sozialen Medien. Was verbindet die beiden Gruppen?

Am vergangenen Sonntag übernahmen die Taliban die Kontrolle über die afghanische Hauptstadt Kabul und beendeten damit eine 11-tägige Militäraktion, die es ihnen ermöglichte, nach dem Zusammenbruch der afghanischen Armee und der Flucht von Präsident Ashraf Ghani kampflos die Kontrolle in den meisten Städten zu übernehmen.

Einen Tag später sandte Scheich Ahmed Raissouni, Präsident der Internationalen Union der muslimischen Gelehrten, einer Organisation, die mit der Muslimbruderschaft verbunden ist und früher von Yusuf al-Qaradawi geleitet wurde, eine Glückwunschbotschaft an das afghanische Volk und die Führer der Taliban-Bewegung.

Raissouni sagte, dass „die Taliban niemanden hingerichtet und kein Blut vergossen haben, als sie in die Städte eingedrungen sind, und darauf bedacht waren, die Sicherheit und das Eigentum zu bewahren. Sie haben auch die Initiative ergriffen, Gefängnisse und Haftanstalten zu öffnen, die Friedhöfe für die Lebenden waren“. Es braucht kaum dazugesagt werden, dass solch eine Beschreibung der Realität und der Geschichte der afghanischen Taliban-Bewegung völlig widerspricht.

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Führende Mitglieder der Muslimbruderschaft begrüßten die Übernahme Afghanistans durch die Taliban. So schrieb die ägyptische Führungspersönlichkeit Wajdi Ghoneim auf Twitter: „Allahu Akbar. Die Taliban haben gewonnen“, während Yahya Moussa, eine weitere ägyptische Führungsperson, twitterte: „Dies ist ein Tag der Freude, des Ruhms und des Sieges. Gott segne die besten Männer, die Afghanen.“

Auch innerhalb Afghanistans begrüßte die der Bruderschaft angehörende Islah Association (Afghanische Vereinigung für Reform und soziale Entwicklung) „die friedliche Übergabe der Macht an die Taliban ohne Blutvergießen oder die Zerstörung öffentlicher Institutionen und Einrichtungen.“ In einer Erklärung vom Montagabend lobte die Vereinigung das „gute Handeln“ der Taliban und hofft, dass „die jüngsten Veränderungen den Boden für den Aufbau eines islamischen Systems bereiten und Wohlstand für das afghanische Volk schaffen werden“.

Eine verflochtene Geschichte

Die Muslimbruderschaft ist seit den 1940er Jahren an Afghanistan interessiert, insbesondere nachdem die Gruppe 1944 eine Abteilung zur Kontaktaufnahme mit islamischen Ländern gegründet hatte. Eines der Hauptmotive für die Gründung dieser Abteilung war der Widerstand gegen den britischen Einfluss in Afghanistan. Infolgedessen wurde der afghanische Führer Harun Mojadidi 1948 zur Teilnahme an einer islamischen Konferenz in Ismailia (Ägypten) eingeladen.

Im Laufe der Zeit rekrutierte die Muslimbruderschaft afghanische Studenten, die an der Al-Azhar-Universität in Kairo studierten, darunter auch spätere führende afghanische Politiker wie Burhanuddin Rabbani und Abd Rab Rasoul Sayyaf.

Die Beziehungen zwischen der Muslimbruderschaft und Afghanistan weiteten sich dann während des Krieges gegen die Sowjetunion aus; die Bruderschaft spielte eine Rolle innerhalb der „Dschihad-Bewegung“, sei es im Bereich der Ausbildung, des Kampfes oder der Hilfeleistung, so der ägyptische Forscher für politischen Islam, Ammar Ali Hassan.

Hassan schrieb in einem kürzlich erschienenen Artikel, dass die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan in den 1990er Jahren den afghanischen Muslimbrüdern, die ebenfalls die Kontrolle über das Land anstrebten, in die Quere kam, sodass die beiden Bewegungen in Folge stärker miteinander konkurrierten.

Eine im März 2020 veröffentlichte ägyptische Studie über das Aufkommen extremistischer und dschihadistischer Bewegungen in Afghanistan kam jedoch zu dem Schluss, dass Gulbuddin Hekmatyar, eines der Mitglieder der Muslimbruderschaft in Afghanistan in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts und Gründer der so genannten „Islamischen Gesellschaft“, seit 1994 mit den Taliban zusammengearbeitet hatte.

Der auf islamische Organisationen spezialisierte Forscher Amr Farouk wiederum schrieb in einem unlängst erschienenen Artikel, dass die Muslimbruderschaft Ende der neunziger Jahre in einen erbitterten Wettbewerb mit den Taliban eingetreten sei, trotz der Ähnlichkeit zwischen den beiden Bewegungen, was ihre Konzepte der Islamisierung der Gesellschaften und der Scharia betrifft. Farouk ist der Ansicht, dass die Taliban und die Muslimbruderschaft auf einer gemeinsamen ideologischen Grundlage beruhen, dass ihr jeweiliges Streben nach Herrschaft aber vor 20 Jahren darin resultierte, dass sie miteinander in Konkurrenz gerieten.

Im Jahr 2002 kündigten 30 prominente Islamisten die Gründung einer politischen Dachorganisation der Muslimbruderschaft in Afghanistan an, die unter dem Namen Afghanische Vereinigung für Reform und soziale Entwicklung (Islah-Vereinigung) in Kabul ansässig ist und 35 Zweigstellen im ganzen Land hat.

Die Reaktion der Muslimbruderschaft

Angesichts der Glückwünsche zur Machtübernahme der Taliban in Kabul durch die Muslimbruderschaft sagte der Forscher Ahmed Ban, der sich als Dissident der ägyptischen Muslimbruderschaft mit der Geschichte islamischer Organisationen beschäftigt, gegenüber Mena-Watch:

„Die Islamisten begrüßen die Machtübernahme der Taliban als einen Sieg für den Islam und den Scharia-Staat, von dem das gesamte islamische Spektrum träumt, angefangen bei den Salafisten über die Muslimbruderschaft bis hin zu den dschihadistischen Gruppen mit den verschiedenen Namen. All diese Gruppen glauben gemeinsam an das, was man den Staat der Scharia oder den Staat des Islam nennt.“

Während der ersten Herrschaft der Taliban zwischen 1996 und 2001 führte die Bewegung ein extremistisches islamisches Regime ein, das Frauen verbot, das Haus zu verlassen, zu arbeiten und zu studieren, das Unterhaltungsangebote untersagt und öffentliche Hinrichtungen durchführte. Ban bekräftigte gegenüber Mena-Watch:

„Das gesamte extremistische Spektrum, von den Salafisten über die Muslimbruderschaft bis hin zu den Taliban, teilt den Glauben an die Einführung der Scharia. Die Muslimbruderschaft begrüßt den Erfolg der Taliban und drückt ihre Freude darüber aus, weil sie die Geschehnisse in Afghanistan als eine Quelle großer Inspiration und als Impuls für ihr politisches Projekt betrachtet.

Die Muslimbruderschaft könnte in den kommenden Jahren daran arbeiten, die Geschehnisse in Afghanistan als neues Experimentierfeld anzupreisen, um die Ideen des politischen Islam zu testen. Letztendlich sind die Taliban und die Muslimbruderschaft die Söhne desselben geistigen Projekts, das der Moderne, dem modernen Staat, der Demokratie und der freien Gesellschaft feindlich gegenübersteht.“

Neue Generation

Abdel-Jalil Al-Sharnoubi, der ägyptische Terrorismusexperte, sagte vor einigen Tagen in einem Fernsehkommentar: „Die Menschen waren überrascht von dem Siegeston, der in allen Spektren des politischen Islams angeschlagen wurde, nachdem die Taliban die Kontrolle über Kabul übernommen hatten. Diese Freude fällt mit dem Aufkommen einer neuen Generation innerhalb der Muslimbruderschaft zusammen, die die politische Arbeit ohne eine sie schützende Kraft für Unsinn hält.“

„Diese neue Generation sieht jetzt das erfolgreiche Beispiel der Taliban, die mit Gewalt an die Macht gekommen sind“, erklärte er und fügte er hinzu: „Es ist notwendig, die Geschehnisse in Kabul aus einem größeren Blickwinkel als dem Afghanistans zu betrachten: Wir sind nun erneut mit einer Machtzunahme der Islamisten konfrontiert, nachdem der politischen Islam in Ägypten, Tunesien und anderen Ländern eine schallende Niederlage erlitten hatte.“

Al-Sharnoubi erwartet, dass der Erfolg der Taliban die neue Generation innerhalb der Muslimbruderschaft stärken wird, die den Einsatz von Gewalt zur Durchsetzung der Ideen und des Systems der Gruppe unterstützt.

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