Schikanen für Touristen auf dem Tempelberg

Nichtmuslimische Besucher des Tempelbergs werden gezwungen, gelbe Hüte zu tragen
Nichtmuslimische Besucher des Tempelbergs werden gezwungen, gelbe Hüte zu tragen (Quelle: Beyadenu)

Reiseführer berichten von Vorfällen, in denen nicht-muslimische Touristen gezwungen wurden, bei ihrem Besuch auf dem Tempelberg gelb markierte Kleidungsstücke zu tragen.

Amit Barak

Der gelbe Aufnäher, mit dem die Nazis während des Holocausts die Juden kennzeichneten, war nicht ihre Erfindung, sondern die Muslime gingen ihnen mit solch einer Kennzeichnung voraus. Im siebten oder achten Jahrhundert erließ einer der Kalifen – Omar ibn al-Khattab oder Omar bin Abdul Aziz – den »Pakt von Omar«, in dem die Bedingungen festgelegt wurden, unter denen Juden und Christen im islamischen Herrschaftsgebiet leben durften. 

Dieses islamische Gesetzbuch erlaubte es den als Schützlingen Bezeichneten, sicher zu leben, ihre Gemeinden zu verwalten und ihre religiösen Praktiken auszuüben, allerdings unter bestimmten Einschränkungen: Juden, Christen und Samariter durften keine neuen Gebetshäuser bauen, keine öffentlichen Gottesdienste abhalten, durften nicht auf Pferden oder Kamelen reiten und mussten unter anderem in der Öffentlichkeit andere Kleidung tragen als Muslime. Im neunten Jahrhundert wurde im Kalifat von Bagdad dann angeordnet, dass Nicht-Muslime gelbe Kleidungsstücke tragen mussten.

Während der Herrschaft der Mamluken im dreizehnten bis sechzehnten Jahrhundert wurden Nicht-Muslime, die so genannten Dhimmis, ebenfalls gezwungen, Kleidung zu tragen, die sie von den Muslimen unterschied. Die Juden mussten gelbe Turbane tragen, die Christen blaue für die Samariter waren rote Kopfbedeckungen vorgesehen. Alternativ dazu mussten die Christen einen gelben Gürtel tragen, der Zunār genannt wurde. Und noch im Jahr 2001 mussten die Hindus in Afghanistan gelbe Abzeichen tragen, um ihre »unislamischen« und »götzendienerischen« Gemeinschaften von den islamischen abzugrenzen.

Wieder gelbe Kopfbedeckungen

Schikanen für Touristen auf dem Tempelberg
Quelle: Amit Barak

Die Idee, Nichtchristen mit gelben Abzeichen zu kennzeichnen, wurde im dreizehnten Jahrhundert von der Kirche in Europa übernommen, indem Juden und Muslime gekennzeichnet wurden – und im zwanzigsten Jahrhundert schließlich von den Nationalsozialisten. Nun, im einundzwanzigsten Jahrhundert, denkt man sich eigentlich, die Lektion daraus sollte gelernt worden sein, auf dass sich solche Dinge nicht wiederholen werden, schon gar nicht hier im Staat Israel. Aber zu früh gehofft, denn es passiert – gerade jetzt.

Als wären die Beschränkungen für Juden und das Verbot jüdischer Gebete auf dem Tempelberg sowie die Beschränkungen für Touristen nicht schon genug, ist die jordanische Waqf, die religiöse Stiftung, die die heiligen Stätten der Muslime in Jerusalem verwaltet, jetzt noch einen Schritt weiter gegangen. Der Tempelberg ist den Muslimen als Haram al-Sharif oder Edles Heiligtum bekannt, wo die Al-Aqsa-Moschee steht. Nicht-Muslime, einschließlich Juden, können das Gelände, auf dem früher der Jerusalemer Tempel stand, nur unter strengen Auflagen besuchen. Nun hat die Waqf nicht-muslimischen Touristen, die insbesondere aus Christen bestehen, noch einmal strengere Beschränkungen auferlegt: darunter die Kennzeichnung von Menschen – und hier noch einmal verstärkt in erster Linie die von Frauen.

Vor einigen Monaten traf eine Gruppe von etwa 35 christlichen Touristen aus Norwegen und zwei afrikanischen Ländern in Israel ein. Bei der Vorbereitungsveranstaltung für ihren Aufenthalt, an der ich teilnahm, baten Mitglieder der Gruppe die begleitenden Pastoren um einen Besuch auf dem Tempelberg. Einer der Pastoren erzählte, dass er bereits eine Woche vor ihrer Ankunft auf einer Vorbereitungsreise in Israel war und zusammen mit drei christlichen Frauen den Tempelberg besuchte. Dabei mussten sie ein langes Kleidungsstück tragen, das den ganzen Körper bedeckt und an der Seite einen gelben Streifen hat. Und als sie das noch nicht genug, mussten sie auch noch auffallende Kopfbedeckungen in der Farbe … gelb tragen. 

Der Pastor fügte hinzu, er habe Israel schon Dutzende Male besucht und sei auch mehrmals auf dem Tempelberg gewesen, aber dies sei das erste Mal gewesen, dass er so etwas gesehen habe. Er sagte, dass die Frauen sich erniedrigt gefühlt hätten und er nicht gewillt sei, erneut christlichen Frauen die Demütigung des Tragens eines so markierten Kleidungsstücks und die damit einhergehende religiöse Erniedrigung zuzumuten. Er werde keinen Besuch des Tempelberg mehr organisieren, sagte er, bis der Israel Schritte gegen diese Behandlung durch die jordanische muslimische Waqf unternimmt.

Strenger geworden

Schikanen für Touristen auf dem Tempelberg
Quelle: Beyadenu

In den letzten Monaten des Jahres 2022 hat die Waqf nach Aussagen von Reiseleitern weitere nicht-muslimische Touristen gezwungen, das gleiche lange Kleidungsstück mit dem gelben Streifen und in einigen Fällen auch einen gelben Hijab auf dem Kopf zu tragen. So erzählt ein anonym bleiben wollender Fremdenführer: »Ich kann mich nicht erinnern, dass es bis vor Kurzem eine so vollständige Bedeckung gab und schon gar keine Kopfbedeckung Sie sind strenger geworden, früher gab es keine solche Bedeckung, das war nicht so.« Andere Reiseführer fügten hinzu, dies sei »eine Schande«, »eine Demütigung derjenigen, die keine Muslime sind« sowie »von der jordanischen muslimischen Waqf ausgehender Extremismus und Rassismus«.

Tom Nisani, Geschäftsführer der israelisch-jüdischen Organisation Beyadenu – Returning to the Temple Mount, die Menschen zum Besuch des Tempelbergs ermutigt, sagte, dass »Christen und andere nicht-muslimische Touristen neben der demütigenden Kleidung noch weiteren Schikanen ausgesetzt sind«. Ihm zufolge vernachlässige die israelische Polizei die Touristen, denn es gebe keine Bewachung und keinen Schutz der Touristen auf dem Berg. »Israel lässt die Demütigung und die Übergriffe auf christliche Touristen jeden Tag zu. Die israelische Polizei schützt nur die Gruppen religiöser Juden und versucht sicherzustellen, dass sie kein Gebet verrichten, aber sie schützt nicht die nicht-religiösen jüdischen Besucher und die nicht-muslimischen Touristen.«

Die im Auftrag des Königreichs Jordanien handelnde muslimische Waqf schikaniere Christen, die den Tempelberg besuchen, und hindere sie, über den Zwang besondere Kleidung zu tragen hinaus, auch am Beten sowie Betreten des Areals mit Büchern und Symbolen des Christentums wie dem Kreuz. Auch würden Touristen immer wieder aufgefrodert, nicht »Tempel«, sondern »Al-Aqsa« zu sagen, und es habe »sogar Fälle gegeben, in denen Gruppen und einzelne christliche Touristen bedroht und gewaltsam angegriffen wurden, wenn sie etwas taten, das der Meinung der jordanischen Waqf zuwiderlief, wie z. B. lautes Reden.«

Nisani wies auf die Tatsache hin, dass Touristen nur durch ein einziges Tor, das Maghariba-Tor – Hillel-Tor, auf den Tempelberg gelangen dürfen, vor dem oft sehr langen Schlangen bilden. Auch gebe es am Eingang keine Wegweiser oder sonstige Wegbeschreibung, weder auf Hebräisch noch auf Englisch; außerdem seien dort Polizisten stationiert sind, die größtenteils kein Englisch sprechen. Angesichts dieser Umstände beschuldigt Nisani das Tourismusministerium und den ihm vorstehenden Minister in dieser Angelegenheit völlig abwesend zu sein.

Öffentlichkeitsarbeit und Imagepflege

Schikanen für Touristen auf dem Tempelberg
Quelle: Beyadenu

Der Dozent für arabische Kultur an der Bar-Ilan Universität, der 25 Jahre lang im militärischen Geheimdienst der Israelischen Verteidigungskräfte (IDF) diente und sich auf islamische Gruppen spezialisiert hat, Mordechai Kedar, widerspricht hingegen der Meinung, das gelbe Gewand sei eine Form des Zunār. »Die Waqf kämpft zwei Schlachten«, erklärt er: Einerseits » wollen sie die Juden möglichst fernhalten und den Tempelberg kontrollieren. Das tun sie, indem sie die das Areal besuchenden Israelis auf jede erdenkliche Weise und beschimpfen und in frontale Konfrontationen mit ihnen gehen.«

Zugleich führe die Waqf aber auch eine Propagandaschlacht in der Öffentlichkeit, im Zuge derer sie sich der Welt als eine friedliebende unterdrückte Minderheit präsentieren wolle. »Deshalb gibt die Waqf den Touristen diese besondere Kleidung als Zeichen an ihre Leute, sie nicht anzugreifen und zu misshandeln.« Dieser Schritt deute darauf hin, dass die jordanische muslimische Waqf erkannt hat, dass Fälle von Gewalt gegen Christen, die entweder von Waqf-Leuten oder einfach von Muslimen auf dem Tempelberg ausgeht, ihrer Öffentlichkeitsarbeit und ihrem Image schaden. »Die Palästinenser zeigen den Israelis ein Gesicht und der Außenwelt ein ganz anderes«, sagt Kedar diesbezüglich.

Im Jahr 2023, in dem Israel einerseits seine Beziehungen zu den Golfstaaten im Rahmen des Abraham-Abkommen weiter festigen konnte und sich andererseits wie der Rest der Welt von der Corona-Krise erholt, nahm auch der Tourismus wieder stark zu. Wohl nicht zuletzt dies mag ein Grund für die Maßnahmen der jordanischen Waqf, der Vertreterin von König Abdullah auf dem Tempelberg, sein, mit denen sie versucht, die Beziehungen zwischen den verschiedenen Gruppen zu zu torpedieren und den Schützling-Staus des Dhimmi in der Praxis wieder aufleben zu lassen – auf dem Rücken der nicht-muslimischen Touristen.

So markiert und demütigt Jordanien Christen, Nicht-Muslime und Frauen, auf dass Israel das bisschen Zugriff und Anrecht verliert, das es auf den wichtigsten Ort für das jüdische Volk hat. Zwar wurde behauptet, dass auch Muslime gezwungen werden, diese Kleidung zu tragen, doch habe ich keinen greifbaren Beweis dafür gefunden: kein Foto, keine Dokumentation, nichts. Doch selbst wenn es stimmen sollte, dass auch Muslime, die nicht züchtig genug gekleidet sind, aufgefordert werden, sich zu bedecken – was an einem religiösen Ort natürlich akzeptabel ist –, so bedeutet das gelbe Kleidungsstück für sie jedoch nicht dasselbe wie für Christen.

Amit Barak ist ein lizenzierter jüdischer Reiseleiter und einer der Gründer des Israeli Christians recruitment forum – Christian Empowerment Council und der Jerusalemites initiative. Barak ist einer der Initiatoren der historischen Bewegung zur Integration arabischer Christen in die IDF und die israelische Gesellschaft und ein Experte für christlich-jüdische Beziehungen in Israel und im Ausland. 

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