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Meron Mendel glaubt nur Statistiken, die er selbst erfunden hat

Es gibt antizionistische Juden. aber Mendel liegt völlig falsch, wenn er behauptet, sie stellten einen »Großteil« der Juden außerhalb Israels. (© imago images/Pacific Press Agency)
Es gibt antizionistische Juden. aber Mendel liegt völlig falsch, wenn er behauptet, sie stellten einen »Großteil« der Juden außerhalb Israels. (© imago images/Pacific Press Agency)

Meron Mendels Behauptung, ein Großteil der Juden außerhalb Israels sei antizionistisch, entbehrt jeder Grundlage.

In einem von der taz organisierten Gespräch nahm Anna Staroselski, Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland und Vizepräsidentin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Stellung zu der Frage, ob Antizionismus antisemitisch sei: »(W)enn die Mehrheit der Jüdinnen und Juden in Deutschland (…) sagt, dass Antizionismus sehr wohl antisemitisch ist, dann muss man das ernst nehmen.«

Die Aussage scheint wenig problematisch zu sein: Wenn eine Mehrheit von Schwarzen etwas als rassistisch sieht, würde man das selbstverständlich erst einmal ernst nehmen müssen. Wie seltsam Debatten über Antisemitismus meist verlaufen, zeigt sich schon daran, dass mit dieser Selbstverständlichkeit Schluss ist, sobald es um die Wahrnehmungen geht, die Juden machen. (David Baddiel hat dieses Phänomen in seinem lesenswerten Buch Und die Juden? herausgearbeitet.) Hier dreht sich die Diskussion dann oftmals nicht um die als antisemitisch aufgefasste Aussage, sondern um den Antisemitismusvorwurf, der bei dieser Gelegenheit gerne auch einmal in Anführungszeichen gesetzt wird, um ihn schon allein der Form nach infrage zu stellen.

Dass eine Mehrheit der Juden in Deutschland Antizionismus als antisemitisch empfinde, war Staroselskis Gesprächspartner Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank und bekannt für seine Relativierungen von israelbezogenem Antisemitismus, dass er im Sommer sogar den Verantwortlichen der israelfeindlichen documenta als Experte genehm war, jedenfalls nicht geheuer. Nur, weil etwas »innerhalb der Mehrheit der jüdischen Community verbreitet« sei, müsse es nicht »zwangsläufig wahr sein«. Zudem könne man das ja gar nicht sagen, denn: »Wie soll man diese Mehrheit überhaupt herausfinden?«

Kurze Zeit später hatte Mendel plötzlich keine Probleme mehr damit, unter Berufung auf eine angebliche Mehrheit die überaus steile Behauptung in die Welt zu setzen: »Ein Großteil der Juden, die außerhalb von Israel leben, ist antizionistisch.«

Klare Faktenlage

Dummerweise für Mendel kann man sehr gut begründete Aussagen darüber treffen, wie Juden außerhalb Israels über das Land und dessen Existenz denken. Etwa, indem man macht, was unter Wissenschaftlern nicht unbekannt sein sollte: Man zieht Umfragen unter Juden in Europa und Amerika zurate, in denen die Haltung zu Israel thematisiert wird.

Eine Studie aus den USA aus dem Jahr 2020 zufolge betrachten sich 80 Prozent der amerikanischen Juden als »pro-israelisch«. Umfragen in Europa führen zu nicht wesentlich anderen Ergebnissen: Laut einer Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte aus dem Jahr 2019 ist für 76 Prozent junger europäischer Juden die Unterstützung Israels »wichtig für ihr Gefühl jüdischer Identität«.

Da es nichts gibt, was es nicht gibt, mag sich unter diesen Gruppen der eine oder andere finden, der sich trotz der klaren Parteinahme für Israel irgendwie als Antizionist sieht. Umgekehrt gibt es aber keinen Grund zu der Annahme, dass alle, die sich nicht als pro-zionistisch einstufen oder die Unterstützung Israels für nicht so wichtig halten, automatisch als Antizionisten zu betrachten wären.

Vermutungen darüber lassen sich auf der Basis von Antworten auf Fragen über die Israel-Boykottbewegung BDS anstellen. Unter den 16- bis 34jährigen europäischen Juden sagen 50 Prozent, ein Boykott des jüdischen Staates sei »definitiv« oder »wahrscheinlich« antisemitisch, nur sieben Prozent sehen das »definitiv nicht« so. Noch klarer fallen die Ergebnisse bei den über 60-Jährigen aus: Für 82 Prozent von ihnen sind Israel-Boykotte »definitiv« oder »wahrscheinlich« antisemitisch, für nur vier Prozent ist das »definitiv nicht« der Fall.

Selbst alle Versuche sich progressiv wähnender Juden, die eindeutigen Umfrageergebnisse zu relativieren, können an dem klaren Befund nichts ändern: Mendels Behauptung, »ein Großteil« der Juden außerhalb Israels sei antizionistisch eingestellt, ist schlicht und einfach grundfalsch. In Anlehnung an ein bekanntes Bonmot könnte man sagen, dass der so gerne den besonnenen Wissenschaftler gebende Mendel offenbar nur Statistiken Glauben schenkt, die er selbst erfunden hat.

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