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Iranerin muss sich entschuldigen – weil Fahrer sie aus seinem Taxi warf

Von Stefan Frank

Im Iran warf ein Taxifahrer einen weiblichen Fahrgast mitten auf der Strecke aus seinem Fahrzeug, weil er der Meinung war, dass die Frau ihr Kopftuch nicht auf vorgeschriebene Weise trage. Die Frau machte den Vorfall öffentlich – am Ende war sie diejenige, die sich entschuldigen musste. Das berichtet die britische BBC. Dem Bericht zufolge machte die Frau ein Foto des Fahrers und postete es am 6. Juni auf Twitter, zusammen mit dem Kommentar: „Dies ist der Fahrer, der mich mitten auf der Stadtautobahn [in Teheran] rausgeworfen hat.“

Daraufhin entschuldigte sich das Unternehmen Snapp, über dessen Smartphone-App sie das Taxi bestellt hatte, öffentlich bei der Frau und versprach, dem Fahrer eine Rüge auszusprechen. Snapp ist im Iran und vor allem in der Hauptstadt Teheran sehr populär und gilt als das „iranische Uber“. Mit täglich rund zwei Millionen zumeist jungen Nutzern allein in Teheran ist Snapp nach der Selbsteinschätzung von Mitgründer Eyad Alkassar „eines der am schnellsten wachsenden Internetunternehmen der Welt“.

Dass Snapp sich bei der Frau für das Verhalten des Fahrers entschuldigte, erregte großen Unmut unter den religiösen Eiferern des Landes: Snapp unterwerfe sich denjenigen, die „islamische Werte“ missachteten, lautete der Vorwurf. Ein persischer Hashtag, der übersetzt „Boykottiert Snapp“ bedeutet, wurde nach Angaben der BBC seit Samstag rund 70.000-mal benutzt. BBC zitiert einen Nutzer mit den Worten: „Wenn es stimmt, dass Snapp sich bei dem Mädchen mit dem unwürdigen Verhalten entschuldigt und [den Fahrer] Saeed Abed gerügt hat, dann sollte Snapp boykottiert werden, und darüber hinaus sollte der Manager, der mit seiner Entschuldigung zu solcher Unzüchtigkeit ermuntert, gemäß dem islamischen Strafrecht verfolgt werden.“

Seit der sogenannten „islamischen Revolution“ im Jahr 1979 und der Machtübernahme der Theokraten um Ajatollah Khomeini besteht im Iran für Frauen Hijab-Zwang. Er ist, wie Thomas von der Osten-Sacken einmal schrieb, zusammen mit der Anti-Israel-Obsession eine der beiden „Säulen“ des Systems: „Eine Islamische Republik ohne Kopftuchzwang und ohne das Staatsziel der Vernichtung Israels wäre, kurz gesagt, keine Islamische Republik mehr.“

Saeed Abed im iranischen Fernsehen

In einem Interview mit dem staatlichen iranischen Fernsehsender IRTV3 sagte der Taxifahrer Saeed Abed, er habe aus „religiöser Pflicht“ gehandelt – zudem könne er bestraft werden, wenn die Polizei ihn anhalte und feststelle, dass ein weiblicher Fahrgast den Hijab nicht gesetzesgemäß trage. Von der Frau, die ihn bei Snapp gemeldet hatte, fühle er sich „geschmäht“.

Unter Berufung auf iranische Quellen berichtet BBC, der Luftwaffenkommandant der Islamischen Revolutionären Garden habe Saeed Abed persönlich getroffen und sich bei ihm für sein Handeln bedankt.

Bald darauf wurde der Unternehmensführung von Snapp offenbar klar, wie politisch brisant der Vorfall ist und welche Gefahren dem Unternehmen drohen, wenn es an seiner Regimetreue Zweifel lässt. Am Samstag verkündete Snapp, dass es sich bei Saeed Abed entschuldigt hätte: „Wir haben uns bei dem Fahrer entschuldigt, dessen Personalien veröffentlicht wurden. Er wird weiterhin zufrieden für Snapp arbeiten.“ Zudem geböten die Regeln des Respekts gegenüber dem Kunden, „sich in den Fahrgast hineinzuversetzen, denn ihre Fahrt war unvollendet“; gleichzeitig habe man sie über die „Geschäftsbedingungen“ in Kenntnis gesetzt. Am Montag, so die BBC, habe die Frau ihren Tweet gelöscht und sich entschuldigt: „Hiermit entschuldige ich mich bei dem Snapp-Fahrer, dem Unternehmen Snapp und allen, die ich durch die jüngste Geschichte verletzt habe. Ich erkläre, dass ich verpflichtet bin, den Gesetzen meines Landes zu folgen.“

Ob wirklich sie selbst den Tweet geschrieben hat – möglicherweise unter Druck –, oder ob jemand anders ihren Account bedient hat, lässt sich nicht überprüfen. Der Bericht der BBC liefert keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass ein westlicher Journalist mit der Frau Kontakt aufgenommen hätte.

Seit letztem Jahr haben im Iran Proteste gegen den Hijabzwang stark zugenommen, obwohl Frauen, die daran teilnehmen, bis zu zehn Jahre Haft und Folter drohen. Amnesty International berichtet, dass seit Januar 2018 mindestens 48 Menschen, die sich für Frauenrechte einsetzen – darunter vier Männer – festgenommen wurden. Einige von ihnen seien gefoltert worden und nach „grob unfairen“ Prozessen zu Gefängnis oder Auspeitschung verurteilt worden.

Anfang Juni kündigte das Regime den Einsatz von 2.000 neuen Einheiten der Tugendpolizei an, die den Hijabzwang überwachen, als Reaktion auf das, was das Regime „wachsende Verachtung“ des Hijabs nennt. Die Einheiten nennen sich einem Bericht der britischen Tageszeitung Telegraph zufolge „Widerstandsgruppen für verbale und praktische Antwort auf Schlechte-Hijab-Frauen“. Jede besteht aus sechs Frauen, die befugt sind, Frauen zu verhaften, die gegen die Kleidungsgesetze verstoßen. „Zwar hat es im Iran seit der Islamischen Revolution von 1979 etliche Formen der ‚Moralpolizei’ gegeben, doch die Entscheidung, ihre Zahl aufzustocken und rein weibliche Brigaden einzuführen, ist ein Zeichen dafür, dass die Behörden die Methoden verschärfen“, schreibt Ahmed Vahdat, der Iranberichterstatter des Telegraph.

Die Zeitung zitiert Mohammad Abdulahpour, den Kommandanten der Revolutionsgarden in der nördlichen Provinz Gilan mit den Worten, „das Überleben der islamischen Revolution“ hänge von der „vollständigen Umsetzung islamischer Traditionen ab“. „Die Angelegenheit des Hijab ist keine Kleinigkeit, sondern eine ernste politische und Sicherheitsangelegenheit für unser Land. Der Feind investiert stark darein, die Kultur unserer Nation zu ändern und einen westlichen Lebensstil einzuführen“, so Abdulahpour. Der Kleriker Rasoul Falahati, ein Vertreter des höchsten geistlichen Führers Ajatollah Khamenei in Gilan, sagte, Frauen, die den Hijab schmähten, seien eine Beleidigung der Islamischen Republik: „Wir wollen kein gewalttätiges Bild unserer Religion präsentieren, doch diejenigen, die niederträchtige Mode tragen oder fördern, schmähen nicht nur den Hijab, sie erscheinen heutzutage fast nackt auf unseren Straßen.“

Wie der Telegraph berichtet, werden die iranischen Autobahnen und Stadtautobahnen seit kurzem mit Kameras überwacht, mit denen Frauen erwischt werden sollen, die den Hijab beim Autofahren ablegen.

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